Am 26. April 1986 erschütterte die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Welt. Eine radioaktive Wolke zog auch über Deutschland - und hinterließ Spuren, die bis heute messbar sind.
Vor allem in Süddeutschland, wo damals starker Regen radioaktive Partikel in die Böden spülte, sind Belastungen nach wie vor nachweisbar. Besonders betroffen sind Wildpilze und Wildschweine aus bestimmten Regionen. Aber wie groß ist das Risiko? Und wie wird die Belastung überwacht? Ein Überblick:
Welche Lebensmittel sind noch radioaktiv belastet?
Warum sind ausgerechnet Waldpilze betroffen?
Wieso sind Wildtiere wie Wildschweine betroffen?
Wo genau ist der Waldboden noch belastet?
Wie kann man das Risiko minimieren?
Gibt es Kontrollen für Wildschweine und Pilze?
Wie lange wird das Problem noch bestehen bleiben?
Welche Lebensmittel sind heute noch belastet?
Vier Jahrzehnte nach der Katastrophe von Tschernobyl sind die meisten landwirtschaftlichen Produkte im Südwesten unbedenklich. Getreide, Gemüse, Milchprodukte und Fleisch weisen Fachleuten zufolge keine nennenswerte radioaktive Belastung mehr auf.
Das radioaktive Cäsium-137, das bis heute nachweisbar ist, hat sich auf Äckern in tiefere Bodenschichten verlagert. Deshalb können es die angebauten Pflanzen kaum noch aufnehmen. Sorgen bereiten jedoch weiterhin Waldpilze und Wildfleisch aus bestimmten Regionen.
Denn hohe Dosen von Cäsium-137 gelten als bedenklich, sie werden etwa mit der Strahlenkrankheit sowie mit einem höheren Risiko für Krebserkrankungen assoziiert.
Warum sind ausgerechnet Waldpilze betroffen?
Das liegt am Waldboden: Hier bleibt das Cäsium in der oberen Humusschicht, weil Blätter, Nadeln und Äste den Boden bedecken. Wenn diese zersetzt werden, gelangt Cäsium über die Wurzeln wieder in die Pflanzen und Blätter. Im Herbst fallen diese erneut zu Boden - und werden wieder zersetzt. So entsteht ein geschlossener Kreislauf.
In der oberen Humusschicht des Waldbodens befindet sich auch der größte Teil der Pilze, das sogenannte Myzel. Dieses Fadengeflecht speichert das radioaktive Cäsium und gibt es samt Nährstoffen an den oberirdischen Teil des Pilzes weiter.
Einige Pilze reichern mehr Cäsium an als andere: Semmelstoppelpilz und Maronenröhrlinge etwa können hoch radioaktiv belastet sein. Steinpilze und Pfifferlinge, die zu den beliebtesten Speisepilzen zählen, weisen hingegen nur eine mittlere Belastung auf, selbst wenn sie aus Risikogebieten stammen.
Wieso sind auch Wildtiere betroffen - vor allem Wildschweine?
Rehe und Hirsche sind kaum problematisch, da sie ausschließlich oberirdische Pflanzen fressen. Wildschweine hingegen wühlen auf der Suche nach Nahrung im Boden - und fressen dabei besonders gerne Hirschtrüffel.
Diese unterirdisch wachsende Pilzart reichert Cäsium-137 besonders stark an, sagt Carolin Löw vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) in Stuttgart. Deshalb können Wildschweine in bestimmten Regionen noch heute stark belastet sein.
Ist der Waldboden überall in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz belastet?
Die Belastung ist regional unterschiedlich - abhängig davon, wo nach der Reaktorkatastrophe der sogenannte Fallout als radioaktiv belasteter Regen niederging. Stark betroffen sind davon der Südosten Baden-Württembergs, insbesondere die Landkreise Biberach und Ravensburg.
In den letzten 40 Jahren hat sich das Ganze halbiert - aber immer noch das Vierfache vom Grenzwert.
Im Kreis Biberach überschreiten bis heute rund 20 Prozent der getesteten Wildschweine den gesetzlichen Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm Fleisch. Bezirksjägermeister Dieter Mielke, der seit 20 Jahren eine Messstelle für Jäger betreibt, erklärt: "Bei mir sind es maximal bei 1500 bis 2000 Becquerel. Das heißt also: In den letzten 40 Jahren hat sich das Ganze halbiert - aber immer noch das Vierfache vom Grenzwert. Deshalb prüfen wir weiter - und das wird auch so bleiben."
Die Belastung der Wildschweine ist saisonal unterschiedlich, abhängig vom Nahrungsangebot. Im Winter überschreiten mehr Proben den Grenzwert, weil die Wildschweine dann verstärkt in der Erde wühlen.
In Rheinland-Pfalz hingegen hat sich die Lage deutlich entspannt. Im Pfälzerwald und im Hunsrück wurden seit über zehn Jahren keine Grenzwertüberschreitungen mehr festgestellt, weshalb die Kontrollpflicht dort vor zwei Jahren aufgehoben wurde.
Wie wird sichergestellt, dass belastetes Fleisch nicht in den Handel gelangt?
Nach der Katastrophe wurden Grenzwerte für Lebensmittel eingeführt und Kontrollsysteme aufgebaut. In Baden-Württemberg muss in betroffenen Landkreisen wie Biberach, Ravensburg oder Freudenstadt sogar jedes erlegte Wildschwein auf radioaktive Belastung geprüft werden.
Fleisch, das den Grenzwert überschreitet, wird entsorgt. Jäger erhalten dafür laut Jägermeister Mielke eine Entschädigung von über 200 Euro pro Tier - so soll eine illegale Vermarktung verhindert werden. 2025 wurde für knapp 500 Wildschweine in Baden-Württemberg eine solche Ausgleichszahlung geleistet.
Die Kontrollen und Entnahmen von Proben werden primär von der Jägerschaft durchgeführt, die rechtlich als Lebensmittelunternehmer gelten. Aber auch die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter (CVUAs) betreiben Messstellen sowie Labore zur zentralen Auswertung und Überwachung.
In Rheinland-Pfalz führt das Landesuntersuchungsamt (LUA) in Speyer weiter risikoorientierte Stichproben durch - bei Verarbeitern, im Handel und in der Gastronomie. Getestet würden etwa Obst und Gemüse, Fleisch und Getreide, erklärt Andreas Hoffmann vom LUA. "In über zehn Jahren war keine einzige Probe über dem Höchstgehalt."
Wie groß ist das gesundheitliche Risiko - und wie lässt es sich minimieren?
Das Risiko ist sehr gering - allein weil wir ohnehin nicht oft Waldpilze und Wildbret essen. Das Bundesamt für Strahlenschutz rät, Pilze und selbst erlegte Wildschweine aus den höher belasteten Gebieten nur gelegentlich zu essen, um mögliche Risiken zu minimieren.
Insbesondere in bestimmten Regionen gibt es umfassende Kontrollen, die dafür sorgen, dass Verbraucher bedenkenlos auch Wildschweinfleisch von dort essen können, wie Carolin Löw betont. "Da kann ich Entwarnung geben, es bestehen keine Gefahren, wenn man jetzt einmalig ein Gericht am Grenzwert isst. Da kriegt man ungefähr so viel ab, wie wenn man bei einem Langstreckenflug über den Ozean an Strahlendosis abbekommen würde."
Auch Waldpilze werden kontrolliert. Wer selbst sammelt, sollte in betroffenen Gebieten und mit den genannten Pilzsorten vorsichtig sein. Aber auch hier geben Fachleute Entwarnung: Eine üppige hoch belastete Pilzmahlzeit entspricht in etwa der Strahlendosis von einmal Lunge röntgen.
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Wie lange bleibt das Problem noch bestehen?
Auch Jahrzehnte nach der Katastrophe bleibt die radioaktive Belastung ein Thema - eben weil Cäsium-137 eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren hat. Das heißt, dass noch rund die Hälfte der ursprünglichen Strahlung vorhanden ist.
Kontrollen und Messungen bleiben daher zumindest in den betroffenen Gebieten weiter bestehen: "Es wird noch so lange so sein, wie noch relevante Mengen im Boden sind", sagt Carolin Löw vom CVUA Stuttgart. "Das wird uns noch Jahrzehnte begleiten." In 30 Jahren werden also noch immer 20 Prozent der Strahlenbelastung vorhanden sein.
Insgesamt aber geben Fachleute Entwarnung, was den Verzehr von Lebensmitteln angeht - selbst bei Pilzen und Wildschweinbraten. Dafür sorgen die strengen Kontrollmechanismen.