Ohne kugelsichere Schutzweste und Pfefferspray geht Ingolf Christmann zu keiner Zwangsräumung. Bei einigen Terminen sei die Polizei an seiner Seite - manchmal sogar das Spezialeinsatzkommando (SEK). "Vor jeder Zwangsräumung rufe ich bei der Polizei an und frage, ob der Mieter beziehwungsweise die Mieterin polizeibekannt ist," erzählt er im Gespräch mit dem SWR.
Die Anrufe seien eine reine Sicherheitsmaßnahme. "In den letzten 10 Jahren geht ohne Polizei fast gar nichts mehr", sagt er. "Die verrammeln sich teilweise richtig. Einige haben auch eine Waffenbesitzkarte, das kann schnell gefährlich werden."
Gerichtsvollzieher mit Messer angegriffen
Christmann macht seinen Job bereits seit 35 Jahren. Er erzählt, dass die Mieter immer aggressiver werden. Dabei bleibt es nicht immer nur bei Beleidigungen und Beschimpfungen. Er sei auch schon mal mit einem Messer bedroht worden.
Auf mich ist auch schon einmal einer mit einem Messer losgegangen.
Verletzt wurde Ingolf Christmann glücklicherweise noch nie. "Aber einem Polizisten wurde fast ein Auge ausgestochen", erzählt er.
Zwangsräumungen werden immer gefährlicher
Der Beruf des Gerichtsvollziehers sei in den vergangenen Jahren immer gefährlicher geworden, findet Ingolf Christmann. Das bestätigt auch sein Kollege Wenz. Auch er erzählt, dass er bei den Räumungen oft ein mulmiges Gefühl habe. "Mittlerweile ist es so, dass der Respekt in der Bevölkerung gegenüber Vollstreckungsorganen wie uns komplett abgenommen hat", sagt er.
Schulden sind der häufigste Grund
Der Hauptgrund für Zwangsräumungen seien Geldprobleme. Die meisten der Schuldner hätten die Miete nicht bezahlt und müssten deswegen aus ihrer Wohnung, sagen die beiden Gerichtsvollzieher. Eher selten komme es vor, dass Menschen die Wohnung verlassen müssten, weil sie den Hausfrieden störten.
"Wenn der Mieter Krawall macht, den anderen Hausbewohnern Schläge androht oder seine Wohnung komplett vermüllt ist, dann kann auch das zu einer Zwangsräumung führen", erzählt Christmann.
Nicht immer treffen die beiden Gerichtsvollzieher bei den Zwangsräumungen die Mieter auch an. Viele seien an dem besagten Räumungstermin einfach nicht da. Das Wohnungsschloss würde dann aber trotzdem ausgetauscht werden, so Christmann. Schließlich sei der Räumungstermin schon Wochen vorher angekündigt.
Familien bekommen nach Zwangsräumung Hilfe
Eine Zwangsräumung bedeute aber nicht automatisch, dass die betreffenden Menschen obdachlos würden. Eine Fachstelle kümmere sich um die Mieterinnen und Mieter. Bereits vor der Räumung könnten sich die Betroffenen dorthin wenden. Die Mitarbeitenden vermittelten dann beispielsweise Adressen von Wohnheimen.
Und auch nach der Räumung würden verschiedene Hilfssysteme greifen. "In Mainz kümmert sich die Fachstelle für Wohnraumhilfe um die Menschen. Wenn Kinder betroffen sind, besorgen die Mitarbeitenden der Familie eine Ersatzwohnung", sagt Ingolf Christmann.
Alleinstehende Schuldner landen oft auf der Straße
Anders sehe es hingegen bei Alleinstehenden aus. "Die werden dann unter Umständen obdachlos", sagt der Gerichtsvollzieher. Bei ihm im Bezirk seien das überwiegend Männer.
Jede Räumung ist tragisch. Spaß macht mir das nicht.
Und auch sein Kollege Wenz sagt: "Natürlich lässt einen das nicht kalt. Leid tut es mir insbesondere, wenn Kinder mit dabei sind. Aber man stumpft irgendwann auch ab."
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Zwangsräumungen in Mainz 2025 auf Rekordniveau
Der Bereich des Amtsgerichts Mainz ist in verschiedene Bezirke aufgeteilt. Jeder Gerichtsvollzieher ist für seinen ihm zugewiesenen Bezirk verantwortlich. Wie Ingolf Christmann sagt, schwankt die Anzahl der Räumungen pro Jahr kaum. Allerdings sei dieses Jahr wohl eine Ausnahme.
Wie ihm das Ordnungsamt mitgeteilt habe, habe es im Bereich des Amtsgerichts Mainz in der ersten Jahreshälfte bereits um die 140 Zwangsräumungen gegeben. Das sei ein absoluter Rekord, erzählt er. Warum es in diesem Jahr bereits so viele Räumungen gegeben habe, könne er sich auch nicht erklären. Einen wirklichen Grund gebe es dafür nicht.
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