Ein Jahr Förderschulordnung

Tränen und Frust in der Grundschule: Kritik an der Landesregierung

Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen sollen zusammen lernen. Das will die rheinland-pfälzische Landesregierung mit ihrer Förderschulordnung, das jetzt gut ein Jahr in Kraft ist. Doch damit sorgt sie für immer mehr Frust.

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Von Autor/in Christiane Spohn, Pascal Lasserre, Jessica Cichy

Lehrerin Simone Kühn steht vor ihrer 1. Klasse in der Grundschule "Am Lemmchen" im Mainzer Stadtteil Mombach. Die 24 Mädchen und Jungen haben vor sich ein kleines Buch liegen. Darin sollen sie das Wort des Tages schreiben. Es ist die "Banane".

Grundschullehrer werden alleine gelassen

Die meisten Kinder fangen sofort an zu arbeiten. Ein Junge schaut die Lehrerin ratlos an. Simone Kühn geht zu ihm und macht eine andere Aufgabe mit ihm. "Ich habe sehr früh am Anfang der ersten Klasse gemerkt, dass er Schwierigkeiten hat, mitzukommen", erklärt die 48-Jährige.

Lehrerin Simone Kühn sitzt an einem Tisch mit einem Jungen, den sie besonders fördern muss.
Lehrerin Simone Kühn kümmert sich um einen Jungen, der im Deutschunterricht die Aufgabe nicht alleine lösen kann. Christiane Spohn

Er hat eine Lernbeeinträchtigung. "Diese Kinder verstehen Aufgaben nicht, arbeiten langsamer und entwickeln sich nicht weiter", sagt Simone Kühn. Sie muss ihn persönlich betreuen, sie gibt ihm leichtere Aufgaben und hat einen besonderen Lernplan für ihn entwickelt.

Landesregierung verbietet Einschulung in Förderschule

Vor der neuen Förderschulordnung hätte man das Kind schon im Kindergarten testen können. Ein Förderschullehrer hätte ein sogenanntes sonderpädagogisches Gutachten erstellt. Mit Einverständnis der Eltern wäre der Junge in eine Förderschule mit Schwerpunkt Lernen, eine sogenannte Förderschule L, gegangen. Das geht mit der neuen Förderschulordnung nicht mehr.

Koblenz

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Laut Gesetz müssen Kinder mit einer Lernbeeinträchtigung in die Regelschule eingeschult werden. Nur Kinder mit anderen Beeinträchtigungen können schon im Kindergarten begutachtet werden und direkt in eine Förderschule gehen.

Das trifft zum Beispiel auf Kinder zu, die sprachlichen Förderbedarf haben. Sie können direkt eine Förderschule mit Schwerpunkt Sprache gehen.

Grundschullehrerin muss alleine Inklusion umsetzen

Die Landesregierung will die Inklusion so umsetzen: Beeinträchtigte und nicht beeinträchtigte Kinder sollen zusammen lernen. Aber Simone Kühn ist alleine in der Klasse. Sie muss sich auch um die anderen 23 Jungen und Mädchen kümmern.

Simone Kühn muss kreativ sein: Damit das Mädchen nicht mehr unruhig in der Klasse herumläuft, darf es seine Aufgabe auf einem Tablet auf dem Boden machen.
Simone Kühn muss kreativ sein: Damit das Mädchen nicht mehr unruhig in der Klasse herumläuft, darf es seine Aufgabe auf einem Tablett auf dem Boden machen. Christiane Spohn

Sie geht schnell zu einem Mädchen, das nicht ruhig sitzen bleiben kann. Es darf auf dem Boden knien und an einem Tablett die Aufgabe lösen. "Ich muss mir immer was Neues ausdenken, das macht mir viel Spaß," sagt die 48-Jährige. Sie wolle jedes Kind fördern, aber an manchen Tagen sei sie traurig, weil sie es nicht schaffe.

An manchen Tagen bin ich traurig, weil ich es einfach nicht schaffe, jedem Kind gerecht zu werden.

Sie findet Inklusion gut. "Das kann funktionieren, aber da brauchen wir viel mehr Hilfe, noch eine zweite Lehrkraft in der Klasse, eine Förderschullehrerin und kleinere Klassen", fordert Simone Kühn.

Lehrer und Lehrerinnen sind am Limit

Der Schulleiter der Grundschule "Am Lemmchen" in Mainz-Mombach, Ralf Oeser, wird deutlicher. "Ich habe ganz hervorragende Lehrerinnen in den drei ersten Klassen, aber die Kolleginnen sind am Limit", sagt er.

Der Schulleiter der Grundschule "Am Lemmchen" in Mainz-Mombach will die neue Förderschulordnung unbedingt abschaffen.
Der Schulleiter der Grundschule "Am Lemmchen" in Mainz-Mombach, Ralf Oeser, wünscht sich, dass die Landesregierung die Ordnung zurücknimmt. Christiane Spohn

Die Lehrerinnen könnten nicht 24 Jungen und Mädchen gerecht werden, wenn in der Regel in der Klasse zwei beeinträchtigte Kinder seien. "Wer Inklusion will, muss uns mehr Lehrkräfte und Untersützung geben", kritisiert Ralf Oeser.

Lernschwache Kinder leiden unter Förderschulordnung

Besonders die lernschwachen Kinder treffe es hart. "Erst in der 2. Klasse kann laut Gesetz ein sonderpädagogisches Gutachten erstellt werden", erklärt er.

Stimmen die Eltern zu, können die Kinder dann zur 3. Klasse in die Förderschule L wechseln. "Da geht viel Zeit verloren und das Kind leidet", sagt Schulleiter Oeser.

Ein Teufelskreis beginne. "Das Kind merkt, es kommt nicht mit und ist frustriert", erzählt Oeser. Entweder werde es aggressiv, verweigere die Leistung oder aber es ziehe sich vollkommen zurück.

Frust und Verzweiflung bei den Kindern

Das hat Belana-Kim Spitzer selbst erlebt. Ihr Sohn konnte erst in der 3. Klasse in die Nordringschule in Landau wechseln. Es ist eine Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. "In der normalen Grundschule kam er immer traurig nach Hause. Er kam nicht mit und war verzweifelt", erzählt sie.

Mein Sohn hat in der normalen Grundschule gelitten, in der Förderschule geht es ihm endlich gut.

In der neuen Schule sei ihr Sohn aufgeblüht. "Er erzählt jetzt, dass die Schule Spaß macht und er auch mal besser ist als andere Kinder", freut sich Belana Kirn-Spitzer.

Psychologin: Immer mehr Tränen und Ängste seit Reform

Auch die Psychologin Nina Scherer warnt davor, lernbeeinträchtigte Kinder erst in die Regel-Grundschule zu schicken. Sie hat eine lerntherapeuthische Praxis in Siegelbach, einem Stadtteil von Kaiserslautern. Nina Scherer arbeitet seit zwölf Jahren mit Kindern, die unter Lernstörungen oder Lernschwächen leiden.

Die Kinder bekommen Schulangst und sind frustriert.

Seit der Reform erlebt sie immer öfter Frustration, Ängste und Tränen bei den Kindern. Grundsätzlich hätten Kinder Freude am Lernen und gingen gerne zur Schule.

"Wenn sie jedoch von Beginn an überfordert sind und Erfahrungen machen, egal wie sehr ich mich anstrenge, ich kann nicht gut werden, dann führt das zu Angst vor dem Lernen", warnt die Psychologin.

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Auch die Eltern seien überfordert. Seit der Gesetzesänderung müsse sie viel mehr Elternberatung und Aufklärungsarbeit leisten als zuvor. "Wenn die lernbeeinträchtigten Kinder an Regelschulen lernen sollen, dann braucht es mehr Sonderpädagogen und Förderschullehrer an diesen Schulen", fordert Nina Scherer.

Appell an die Landesregierung: Weg mit Förderschulordnung

Unter den Eltern und Lehrkräften in Rheinland-Pfalz gibt es immer mehr Widerstand gegen die Förderschulordnung. Charmaine Beyer ist Elternsprecherin der Nordringschule in Landau. "Wir haben schon dem Bildungsminister Sven Teuber (SPD) gesagt, dass wir das Gesetz nicht mehr wollen, dass die Kinder sofort in die Förderschule gehen und dort ihren Abschluss machen sollen, aber er hat das abgelehnt", sagt sie frustriert.

Der Mainzer Grundschulleiter Ralf Oeser fordert mit seinen Kollegen und Kolleginnen in Mainz auch eine Abkehr von dem Gesetz. "Ich würde mir sehr wünschen, dass dieses Gesetz zurückgenommen wird", sagt Oeser, "und ich werde auch nicht müde, das immer wieder den Schulbehörden und den Politikern zu sagen."

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Autor/in
Christiane Spohn
Christiane Spohn ist Reporterin im SWR Studio Mainz
Pascal Lasserre
SWR-Autor Pascal Lasserre
Jessica Cichy
Jessica Cichy, SWR Aktuell Studio Ludwigshafen

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