Seit einem halben Jahr gibt es in Rheinland-Pfalz eine neue Schulordnung. Danach sollen alle Erstklässler zunächst in die Regelschule eingeschult werden. Der direkte Weg in die Förderschule soll für viele ausgeschlossen werden.
Die Reform zielt - so das Bildungsministerium - zunächst auf Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf ab. Das seien meist Kinder, die beispielsweise einen niedrigeren IQ haben, sehr schlecht deutsch sprechen oder aus Elternhäusern kommen, die sich nicht wirklich um sie kümmern. Diese Kinder konnten bisher mit einem entsprechenden Gutachten direkt in eine Förderschule eingeschult werden. Das ist nun nicht mehr möglich.
Experten sehen Nachholbedarf bei der Inklusion
Der Grund für die Reform: Das Land hat - Studien zufolge - Nachholbedarf beim Thema Inklusion - also dem gemeinsamen Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern.
Viele Experten und auch die Politik erhoffen sich, dass die Kinder möglichst in die Regelschule integriert werden und dann ihren Weg gehen. Dass sie nicht in eine Förderschule müssen, die oft - so Bildungsexperten - noch ein Stigma sei.
Doch viele Lehrer in den Regelschulen sind frustriert, sie fühlen sich allein gelassen, weil sie glauben, den Anforderungen, die Kinder mit Förderbedarf brauchen, nicht gerecht zu werden - zumal die Reform auch weitere Änderungen beinhaltet.
Seit 15 Jahren unterrichtet Christina Schöfer an der Eichendorffschule in Neustadt an der Weinstraße. Rund 400 Kinder besuchen die Grundschule, viele, sagt sie, aus sozial schwachen Familien, viele mit einem Migrationshintergrund. Viele bräuchten eine spezielle Förderung. Bisher - so die Lehrerin - kam bei einem Kind, bei dem ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert wurde, eine Lehrkraft aus der Förderschule, um mit diesem Kind regelmäßig allein zu arbeiten. Ziel sei es gewesen, dass Kind fit für den weiteren Weg in der Regelschule zu machen, im Zweifel aber auch zu attestieren, dass ein Wechsel in die Förderschule ratsam sei.
Die Arbeit am Kind durch Förderlehrkräfte gibt es nicht mehr.
Doch mit der neuen Reform habe sich das geändert. Nun müssten sich die Lehrkräfte, wenn sie Hilfe bräuchten, an das ihnen zugeordnete Förderschulzentrum wenden. Wenn es gut laufe, komme eine Förderschullehrkraft. Allerdings nicht, um mit dem betroffenen Kind zu arbeiten, sondern, um die Grundschullehrer zu beraten.
Förderung bleibt an Grundschullehrern "hängen"
"Die Arbeit am Kind durch Förderlehrkräfte gibt es nicht mehr", sagt Christina Schöfer. Das sei zum einen sehr umständlich: "Oft erklärt mir die Förderlehrkraft, wie ich mit dem Kind arbeiten muss, dann aber kommt vertretungsweise ein anderer Lehrer in die Klasse, dem ich dann weitergebe, was der Förderlehrer gesagt hat."
Zum anderen sei die Arbeit am Kind sehr wichtig gewesen. "Viele Kinder", so Schöfer, "haben sich auf ihre Lehrkraft, die ausschließlich nur mit ihnen arbeite, gefreut." Nun bleibe die Förderung an den Grundschullehrern hängen: "Die haben aber noch 23 andere Kinder in der Klasse, um die sie sich auch kümmern müssen."
Hilfsanträge der Regelschulen stapeln sich
Auch im zuständigen Förder- und Beratungszentrum ist der Frust groß. Tammo Scherr ist Leiter der Schubert-Förderschule in Neustadt und für das Zentrum zuständig. "Die Zahl der hilfesuchenden Regelschulen steigt", sagt er. Schon jetzt würden rund 50 noch zu bearbeitende Anträge auf den Schreibtischen der Kollegen liegen.
"Wir müssen Schulen vertrösten. Damit aber geht wertvolle Zeit für die betroffenen Schüler verloren. Viele Kinder brauchen eine umfangreiche Förderung. Da reicht es nicht aus, dass eine Förderschullehrkraft mal kurz zur Beratung kommt." Es brauche - so sein Fazit - deutlich mehr Berater. Zudem müssten diese auch entsprechend fortgebildet werden. "Unsere Kollegen sind ausgebildet für die Arbeit mit Kindern und nicht, um andere Lehrkräfte zu beraten."
Viele Kinder brauchen eine umfangreiche Förderung. Da reicht es nicht aus, dass eine Förderschullehrkraft mal kurz zur Beratung kommt.
Dazu komme, so Christina Schöfer, dass notwendige Gutachten nicht rechtzeitig ausgestellt werden könnten. "Bisher hatten wir bis zum Februar Zeit, um ein Gutachten für Kinder zu schreiben." Dies sei notwendig, um Kinder, die gar nicht mitkommen, auf eine Förderschule überweisen zu können. Nun müssten diese Gutachten bis Herbst ausgestellt werden.
Schöfer weiter: "Wir haben also nur sieben Wochen Zeit, die Lernfortschritte des Kindes zu beobachten. Das ist zu wenig." Zudem sei es wichtig, dass ein Förderschullehrer das Kind auf jeden Fall auch noch einmal beurteile. Dadurch, dass die Förderschulkräfte überlastet seien, sei es oft nicht möglich, ein Gutachten zu erstellen. Die Folge: Die Kinder gingen weiter in die zweite Klasse der Grundschule. "Im schlimmsten Fall", so Schöfer, "fallen sie immer weiter zurück."
Experte: Kinder mit Hilfsbedarf können Schulangst entwickeln
Auch Tammo Scherr befürchtet langfristig gravierende Folgen für einige Kinder mit Hilfsbedarf. "Bei vielen Kindern wächst der Frust, weil sie nicht mitkommen. Unter Umständen können sie eine regelrechte Schulangst entwickeln."
Der Förderschulleiter ist der Überzeugung, dass viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Förderschule besser aufgehoben sind. Zumal es immer auch ein Ziel sei, dass die Kinder wieder in die Regelschule wechseln könnten. "Wir haben kleine Lerngruppen, mit etwa acht Kindern in einer Klasse. So können wir uns um das einzelne Kind besser kümmern. Außerdem bieten wir verschiedene Möglichkeiten wie beispielsweise Logo-oder Ergotherapie an."
Wechsel von Förder- auf Regelschule schwierig
Dennoch: Viele Lehrer aus Förder- und aus Regelschulen befürworten die Inklusion, auch wenn die Voraussetzungen nicht ideal seien. Denn Förderschule sei und bleibe immer noch ein Stigma, so der Tenor. Ein Kind, das mal in der Förderschule sei, komme selten da raus, auch weil die Anforderungen niedriger seien. Dies erschwere oft den Wechsel auf eine Regelschule. Zudem kämen viele Kinder aus sozial schwachen Familien. Diese Kinder könnten oft mehr leisten, wenn sie die Chance hätten, von Anfang an in der Regelschule zu lernen und eben, so sehen es die Experten, dann auch eines Tages die Chance hätten, einen Berufsabschluss zu machen.
Das Bildungsministerium ist von der Reform überzeugt. Laut Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) geht es um rund 400 Kinder. Bei 40.000 Grundschulkindern sei das im Verhältnis überschaubar. Tatsächlich, sagen Kritiker, hätten aber meist Schulen in Ballungsgebieten mehr mit Förderkindern zu tun. Deshalb dringen die Fachleute darauf, diese Schulen besonders stark zu unterstützen.