Galvin Irvine ist 43 Jahre alt. Er war Lkw-Fahrer. Sein Sitz im Führerhaus war auf einer Tour von Zwickau nach Tschechien beschädigt, so dass er immer wieder nach oben katapultiert wurde. "Nach der Tour hatte ich einen Bandscheibenvorfall und musste operiert werden", erzählt der Mainzer.
Große Schmerzen nach Bandscheiben-OP
Galvin wurde die Bandscheibe entfernt. "Seitdem habe ich starke Rückenschmerzen, Beinschmerzen, Muskelkrämpfe und -zuckungen", sagt er. An arbeiten gehen sei nicht zu denken gewesen.
Er nahm starke Schmerzmittel, aber alles half nichts. Im Gegenteil: "Mit den starken Schmerzmitteln hatte ich Aussetzer. Mir fehlten Stunden, ja manchmal Tage, an die ich mich nicht erinnern konnte."
"Nur medizinische Cannabis-Blüten helfen"
"Erst als ich medizinische Cannabis-Blüten bekam, konnte ich wieder leben", erklärt Galvin. Das Tetrahydrocannabinol - kurz THC - in den Cannabis-Blüten bewirke, dass die Schmerzen erträglich und die Zuckungen aufhören würden. Galvin Irvine konnte wieder Arbeiten gehen.
Verzweiflung: Kein Geld für Cannabis-Blüten
Wenn er jetzt seine Monatsration von 50 Gramm medizinische Cannabis-Blüten selbst bezahlen müsste, wäre das eine Katastrophe für ihn. "Ich müsste monatlich etwa 300 Euro zahlen, das kann ich nicht, ich muss eine Familie ernähren", sagt Galvin verzweifelt.
Genauso geht es einem anderen Mainzer. Er möchte anonym bleiben. Er hat eine schwere Erbkrankheit, die Hereditäre Spastische Spinalparalyse, kurz HSP Typ 4. Das bedeutet, dass er unter starken nicht zu kontrollierenden Muskelkrämpfen und Muskelzuckungen leidet. Dazu kommen starke Schmerzen.
"Für mich waren die Cannabis-Blüten der Weg zurück zum Leben", sagt er. Wenn er morgens drei Züge aus seinem Vaporisator mit Cannabis-Blüten nimmt, kann er arbeiten gehen. Er ist in der Buchbinderei der gpe Mainz beschäftigt, einem sozialen Dienstleister für Menschen mit Behinderungen.
Die Cannabis-Blüten beruhigen mich, die Zuckungen und das Zittern hören auf, ich kann nicht nur arbeiten, ich kann auch kochen und mich selbst waschen.
Er hat Angst, er weiß nicht, ob er seine Ration an Cannabis-Blüten von 300 Euro selbst bezahlen kann. "Vielleicht gehen wir an das Erbe meiner Mutter", vermutet er. "Ich fürchte mich vor der Zukunft", sagt er und schaut zu Boden.
"Gesetz ist eine Katastrophe für Patienten"
Der Mainzer Schmerztherapeut Dr. Oliver Löwenstein kann das neue Gesetz zur Beitragsstabilisierung der Bundesregierung nicht verstehen. Sparmaßnahmen seien nötig, das sehe er ein, aber hier werde an den Falschen gespart.
Die Patienten hätten alle Therapiemaßnahmen ausprobiert. Erst wenn kein Schmerzmittel, keine Physiotherapie, kein Opiat helfe, setze er medizinisches Cannabis ein. Erst probiere er Cannabis als Tropfen oder Kapsel aus.
"Viele Patientinnen und Patienten reagieren aber nicht darauf, dann erst verschreibe ich medizinische Cannabis-Blüten", erklärt Dr. Löwenstein. Seine Patienten hätten weniger Schmerzen, könnten Schlafen und wieder einigermaßen normal Leben.
Patienten weinen und haben Angst
"Wenn ich den Patienten sage, dass sie die Cannabis-Blüten nicht mehr von der gesetzlichen Kasse bezahlt bekommen, fangen viele an zu weinen", erzählt der Mainzer Schmerztherapeut. "Die meisten sind schwerbehindert und können das mit ihren Teilzeitjobs nicht bezahlen."
Nach dem neuen Gesetz, dem GKV Beitragssatzstabilisierungsgesetz, kann er jetzt nur noch Kapseln und Öle mit Cannabis auf Kassenrezept verschreiben. Voraussetzung ist aber eine Testphase von sechs Monaten.
"Das ist fatal, die Patienten haben das alles schon ausprobiert. Sie fallen also um Monate in der Schmerztherapie zurück", sagt Löwenstein.
Apotheker: "Keine wirkliche Ersparnis"
Kritik an dem Gesetz kommt auch von dem Mainzer Apotheker Roman Nagel. Er verkauft deutschlandweit medizinische Cannabis-Produkte. Cannabis in Ölen oder Kapseln würden 600 Euro kosten, die vergleichbare Menge in medizinischen Cannabis-Blüten nur etwa 300 Euro. "Wo da die Ersparnis für die gesetzlichen Kassen sein soll, verstehe ich nicht", sagt Nagel.
Seine Cannabis-Medizin quasi selbst anzubauen, davon raten Experten ab. Da Laien nicht wüssten, wieviel THC in den Pflanzen sei und sie die Dosis nicht genau bestimmen könnten.