Letzte Chance in der KoA-Klasse

Null Bock, viel Mist, kein Schulabschluss - und dann hat es bei Gabriel "klick gemacht"

Tausende Schüler und Schülerinnen gehen in Rheinland-Pfalz ohne Abschluss von der Schule. Gabriel war einer von ihnen. Bis es "klick gemacht hat" und er etwas ganz Wichtiges verstanden hat.

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Von Autor/in Andrea Lohmann

Gabriel hat es geschafft. Er hat seinen Schulabschluss gepackt, und nicht nur das. Er hat ihn als Klassenbester geschafft. Deshalb kommt er im weißen Anzug zur Abschlussfeier. Mit seinem Vater hatte er den Deal gemacht: Wird er Klassenbester, gibt es den weißen Anzug.

Auch den Vater macht es stolz, dass Gabriel dieses letzte Schuljahr erfolgreich durchgezogen hat in der so genannten KoA-Klasse an der Realschule Plus in Idar-Oberstein. KoA - das steht für "Keine/r ohne Abschluss" und ist ein Projekt des Landes Rheinland-Pfalz.

Die ganze Doku von Elena Weidt sehen Sie hier:

Lange Zeit war nicht klar, wie die ganze Schulgeschichte für Gabriel ausgehen würde. "In der siebten, achten Klasse habe ich halt immer kurzsichtig gedacht. Ich habe nicht an die Konsequenzen meiner Taten gedacht", erzählt Gabriel im Gespräch mit dem SWR. Damals sei er schnell reizbar gewesen und die Zündschnur "ziemlich kurz".

Das Familienleben war für Gabriel schwierig

Da flogen auch schon mal die Fäuste - auch in den Bauch eines Lehrers. Was genau die "blöden Bemerkungen" des Lehrers waren, daran kann sich Gabriel schon gar nicht mehr so ganz genau erinnern.

Woran er sich aber erinnern kann: Es war eine schwere Zeit für ihn: "Das Familiendasein hat sich eben so ausgewirkt, dass ich die Konzentration auf mich selber verloren habe."

Wir sind hier nicht die Resterampe.

Julia Molter kann das verstehen. Sie war Gabriels Klassenlehrerin in der KoA-Klasse. Alle Schüler und Schülerinnen in diesen Klassen hätten ihr Päckchen zu tragen, sei es im familiären Bereich, seien es Krankheiten oder Schicksalsschläge. "Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn einem etappenweise ein normaler Schulalltag schwer fällt." Und sie legt Wert darauf klarzustellen: "Wir sind hier nicht die Resterampe."

Gabriel (rechts), Justin (links) und Lehrerin Julia Molter sitzen auf einer Treppe im Schulgebäude
Lehrerin Julia Molter und ihre Schüler Justin (li) und Gabriel (re.) aus der KoA-Klasse.

Die KoA-Klassen sollen die jungen Menschen auffangen, die es am Ende der neunten Klasse nicht geschafft haben, den Abschluss zu bekommen. Es ist die Chance, doch noch ein Fundament für die Zukunft zu legen. Oft ist es die letzte Chance auf einen Schulabschluss. Statistiken zeigen: Etwa ein Drittel der Langzeitarbeitslosen hat keinen Schulabschluss, ein weiteres Drittel keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Der Schulabschluss ist für mich selbst!

Gabriel war ursprünglich Gymnasiast, aber irgendwie hat er sich unterwegs verloren und hat - wie er sagt - immer "eine Menge Scheiß" gebaut. Aber dann "hat es irgendwie in meinem Kopf klick gemacht und dann habe ich gecheckt, was ich alles machen muss, um ein Leben zu haben", erzählt der 17-Jährige rückblickend. Und dann lief es irgendwie: "Ich hatte schon Bock auf das Schuljahr und ich wusste auch, dass ich es durchziehe."

KoA-Klasse: Wenige Schüler und zwei Lehrkräfte

In der KoA-Klasse werden die Jugendlichen in einem dualen System unterrichtet und an das Berufsleben herangeführt. Die Klassen sind deutlich kleiner als Regelklassen. Gabriel hat mit 15 Mitschülerinnen und Mitschülern die Schulbank gedrückt, betreut von zwei Lehrkräften, die sich intensiv um die einzelnen Schüler kümmern können. Auch die Klassenräume bieten mehr Möglichkeiten für Individualität. Zudem gibt es eine Sport- und eine Ruheecke.

Duales System heißt: Praxistage in Betrieben und Unterrichtstage in der Schule sind gleichmäßig verteilt. Seine zwei Tage Praktikum in der Woche hat Gabriel bei einer Stadtverwaltung gemacht und bei der Grünpflege geholfen. Scheinbar genau sein Ding: Sein Plan ist, eine Ausbildung als Garten- und Landschaftsbauer zu machen.

Astronaut: "Das war nicht das, was ich wollte"

Astronaut dagegen, das war null sein Ding. Das war das Ding seines Vaters. Oder genauer: "Das waren die Erwartungen, die er an mich gesetzt hat, seit der ersten Klasse." Aber er erinnert sich, dass das überhaupt nicht das war, was er selbst wollte. "Diese Erwartung hat mich total blockiert und deshalb bin auch auch vom Gymnasium geflogen."

Gabriel ist einer von jährlich gut 3.000 Schülern und Schülerinnen in Rheinland-Pfalz, die (zunächst) am Schulabschluss scheitern. Heute weiß er: "Der Schulabschluss ist für mich selbst." Das seien die entscheidenden Wörter: "Sobald man das gecheckt hat, dass es für sich selbst und nicht für jemand anderen ist, dann macht man das automatisch alles besser."

"Drogen haben mein ganzes Leben zerstört"

Gabriel hat mittlerweile aber auch das gecheckt: "Man sollte nicht anfangen, in dem Alter Drogen zu nehmen. Das ist ein sehr wichtiger Rat, den ich anderen jungen Leuten mitgeben möchte." Die Drogen hätten sein ganzes Leben zerstört. Was sie nicht zerstört, sondern wohl nur zeitweise verschüttet haben, ist seine Zielstrebigkeit. "Das ist die Stärke, die ich in der KoA-Klasse an mir erkannt habe, nachdem ich auch meine Ziele klarer gesehen habe."

Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer, später ein eigener Betrieb - das sind heute Gabriels Ziele, wenn auch eher mittel- bis langfristig. Jetzt hat er erstmal an seiner Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr gestartet und will schauen, dass er in den kommenden Ferien ein Praktikum in einem Gartenbaubetrieb machen kann. Den Lebenslauf hat er schon fertig geschrieben.

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Autor/in
Andrea Lohmann
Andrea Lohmann, Online-Redakteurin bei SWR Rheinland-Pfalz Aktuell

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