Am 12. August verunglückte eine 16-Jährige in Kusel tödlich, als ein Auto auf einem unbeschrankten Bahnübergang mit einem Zug kollidierte. Drei weitere Insassen des Autos wurden schwer verletzt. Offenbar hatte die 51-jährige Fahrerin nicht auf die ankommende Bahn geachtet. Ein Gutachter ermittelt die genaue Unfallursache.
Der Landrat des Kreises Kusel, Otto Rubly (CDU), sagte dem SWR, nach dem tödlichen Unfall müsse die Situation neu überdacht werden. Der Bahnübergang sei durch ein Andreaskreuz gesichert. Rechtlich sei daran nichts auszusetzen, aber seiner Meinung nach müsse der Bahnübergang besser gesichert werden. Ein Unternehmer aus Kusel forderte an der Stelle eine Signalanlage oder eine Schranke.
Laut Bahn besteht allerdings keine gesetzliche Pflicht zur Absicherung von Bahnübergängen mit Schranken auf Nebenstrecken. In der Regel werden unbeschrankte Bahnübergänge durch ein Andreaskreuz und in vielen Fällen auch durch eine Ampel gesichert. Wir schildern die aktuelle Lage und Gegenmaßnahmen, um die Unfallzahlen weiter zu senken.
- So unterscheidet die Deutsche Bahn zwischen gesichert und nicht gesichert
- Unter 50 Prozent der Bahnübergänge in RLP sind gesichert
- Zahl der Bahnübergänge und der Unfälle geht zurück
- Unfallzahlen in den letzten 20 Jahren
- Das ist laut Bahn die Unfallursache Nummer eins
- Darum enden Unfälle an Bahnübergängen oft tödlich
- So verhalte ich mich an Bahnübergängen korrekt
- Was gilt im Notfall an Bahnübergängen mit Schranken?
Bahnübergänge gelten auch ohne Schranken teils als technisch gesichert
Die Deutsche Bahn unterscheidet nicht zwischen beschrankten und unbeschrankten Bahnübergängen, sondern zwischen technisch gesicherten und nicht gesicherten. Das heißt, bereits Bahnübergänge mit Andreaskreuz und Warnblinkanlage gelten als technisch gesichert. Gleiches treffe auf Blinklicht und Halbschranken zu, so eine Bahnsprecherin. In einigen Fällen - etwa bei selten genutzten Übergängen an Landwirtschafts- und Forstwegen - sind vorhandene Schranken auch dauerhaft geschlossen. Durch einen Anruf mit einem in der Nähe installierten Telefon kann man diese Übergänge im Bedarfsfall öffnen lassen.
Aus diesen Gründen ist es nicht möglich, die Zahl der Unfälle eindeutig beschrankten oder unbeschrankten Bahnübergängen zuzuordnen. Die veröffentlichten Unfallzahlen beziehen sich auch daher immer auf die Gesamtheit aller Unfälle an Bahnübergängen.
Unter 50 Prozent der Bahnübergänge in RLP sind technisch gesichert
In Rheinland-Pfalz gab es im vergangenen Jahr 1.052 bundeseigene Bahnübergänge, von den 601 als technisch gesichert bezeichnet werden - also mehr als die Hälfte. Auch an allen verbleibenden nicht technisch gesicherten Bahnübergängen, die an "verkehrsarmen Strecken mit mäßigem Straßenverkehr" zu finden seien, findet sich das. Dieses räumt dem Schienenverkehr prinzipiell den Vorrang vor dem Straßenverkehr ein.
Wie das Mobilitätsministerium dem SWR mitteilte, gibt es darüber hinaus 513 Bahnübergänge in Rheinland-Pfalz, die nicht zur bundeseigenen Bahn-Infrastruktur gehören. Und für die das Land zuständig ist. Davon seien 109 technisch gesichert, 404 nicht (Stand: 2024).
Zusammengerechnet sind dies also insgesamt 1.565 Bahnübergänge, davon gelten 710 - also weniger als die Hälfte - als technisch gesichert.
Zahl der Bahnübergänge geht zurück und damit auch das Unfallrisiko
Bundesweit gibt es derzeit 15.820 Bahnübergänge. Das ist der niedrigste Wert in der Geschichte der Deutschen Bahn. 1994 waren es den Angaben zufolge noch 28.682. Bund, Länder und Kommunen wollen diese Zahl weiter senken. Der Bund will Kommunen bei der Finanzierung von Brücken und Unterführungen unterstützen. Entlang von Schnellfahrstrecken, die die Bahn in den kommenden Jahren stark ausbauen möchte, sind Bahnübergänge gar nicht erlaubt.
Wie hat sich die Zahl der Unfälle in den letzten 20 Jahren entwickelt?
Weniger Bahnübergänge, mehr technische Sicherung und die Präventionsarbeit hätten sich positiv auf die Unfallzahlen ausgewirkt. Die neuesten statistische Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2023. Bundesweit gab es 154 Unfälle an Bahnübergängen der Deutschen Bahn, 1995 waren es noch 603 Kollisionen. Die Zahl der Unfälle sank somit um 75 Prozent. In Rheinland-Pfalz waren es 2023 noch 14 Unfälle. Hier fehlt eine Vergleichszahl.
Bei Unfällen an Bahnübergängen starben 2023 bundesweit 40 Menschen, vier davon in Rheinland-Pfalz. Das teilte das Mobilitätsministerium dem SWR mit. Betroffen waren ausschließlich Bahnübergänge, die sich im Besitz des Bundes bzw. der Bahn befinden.
Auch 2024 kamen in Rheinland-Pfalz laut Innenministerium vier Menschen an Bahnübergängen ums Leben. Im ersten Halbjahr dieses Jahres gab es ein Todesopfer, fünf Schwerverletzte und 19 Leichtverletzte.
Bahn sieht Hauptunfallursache in Unaufmerksamkeit
Über 95 Prozent der Zusammenstöße sind nach der Darstellung der Bahn auf Unaufmerksamkeit, Leichtsinn oder Unkenntnis zurückzuführen. Man versuche daher seit Jahren, die Verkehrsteilnehmer über geltende Regeln an Bahnübergängen zu informieren. Dabei kämen Flyer und Videos zum Einsatz. Und man arbeite mit Fahrschulverlagen zusammen. An Unfallschwerpunkten gebe es auch Info-Termine vor Ort.
Darum enden Unfälle an Bahnübergängen oft tödlich
Der ADAC Mittelrhein weist darauf hin, das Züge einen ernorm langen Bremsweg haben. Als Vergleich nennt der Klub einen Pkw, der mit 100 km/h auf trockener Fahrbahn fährt. Sein Bremsweg liege bei 34 Metern. Ein 1.000 Tonnen schwerer Zug benötige bei der selben Geschwindigkeit zirka 1.000 Meter Bremsweg. Die Reaktionszeit sei für den Lokführer viel zu gering, um seinen Triebwagen rechtzeitig herunter zu bremsen.
Der Automobilklub setzt sich dafür ein, vor allem Bahnübergänge technisch umzurüsten, an denen es schon häufiger Unfälle gegeben hat oder wo es ein erhöhtes Risiko dafür gibt - etwa an unübersichtlichen Stellen.
So verhalte ich mich korrekt an Bahnübergängen
Der ADAC rät allen Straßenverkehrsteilnehmern, die Geschwindigkeit vor unbeschrankten Bahnübergängen rechtzeitig zu drosseln und diesen aufmerksam beobachten. Ein Überholen vor dem Bahnübergang oder Ablenkungen (etwa durch Handys oder Navigationsgeräte) sind tabu.
Vor dem Überqueren sollte man sich nach beiden Seiten vergewissern, dass sich kein Zug nähert. Auch auf akustische Signale von Zügen müsse unbedingt geachtet werden, erläutert Pressesprecher Mirco Hillmann vom ADAC Mittelrhein.
An Bahnübergängen mit Schranken gelte es, bereits bei rotem Blinklicht vor der Haltelinie stehen zu bleiben und erst dann weiter zu fahren, wenn das Licht erloschen ist und die Schranken vollständig geöffnet sind.
Der ADAC empfiehlt, dass an Bahnübergängen die Sicht verbessert werden sollte, indem beispielsweise Pflanzen und Bäume zurückgeschnitten werden. Unbeschrankte Bahnübergänge könnten kurzfristig mit Ampeln oder Halbschranken aufgerüstet werden. An besonders unübersichtlichen Stellen sollten auch deutlich sichtbare Info-Tafeln angebracht werden, mit denen die Verkehrsteilnehmenden auf eine korrekte Verhaltensweise hingewiesen werden.
Das gilt an Bahnübergängen mit Schranken, wenn es zum Notfall kommt
Aber auch an Bahnübergängen mit Schranken sind immer wieder schwere Unfälle möglich. Manche Autofahrende, Radfahrende oder Fußgänger wollen noch schnell den Übergang passieren, bevor sich die Schranken wegen des Zugs schließen. Das kann fatale Folgen haben.
Sollte ein Auto oder eine Person von den Schranken eingeschlossen werden, gilt es Ruhe zu bewahren und schnell zu handeln. Autofahrende sollten sofort versuchen, die Schranke zu durchbrechen. Denn diese ist so konstruiert, dass sie auf Druck nachgibt und keinen erheblichen Widerstand leistet.
Fußgänger sollten den Bahnübergang unverzüglich verlassen, auch wenn sie dafür unter der Schranke durchgehen oder diese wegdrücken müssen. Auch für Lkw- und Busfahrer gilt laut ADAC: Im Zweifel ist eine Beschädigung der Schranke der richtige Schritt, um Menschenleben zu retten.