40 Jahre Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

"Uns hat Panik erfasst": Angst vor AKW in Cattenom ist in Trier weiter groß

Als der Reaktor in Tschernobyl in die Luft ging, war die Gefahr in Trier wohl bewusster als woanders: Denn nebenan steht das AKW Cattenom. Bis heute muss man hier damit umgehen.

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Von Autor/in Anna-Carina Blessmann

Wenn die Gendarmerie über dem französischen Cattenom Hubschrauber aufsteigen ließ, dann sollte sie schon von oben sehen, was Familie Kronenberg vom Kernkraftwerk hielt, das dort gebaut wurde. "Atomkraft? Nein danke", stand auf Dach und Kühlerhaube des Kleinbusses, mit dem die Trierer dorthin zu Demos fuhren. Und das schon, bevor der 26. April 1986 die Welt veränderte.

"Atomkraft? Nein danke", prangte damals nicht nur auf Parkas und Rucksäcken, sondern bei Familie Kronenberg auch auf dem Auto. Damit sind sie und die Kinder auch zu Demos in Cattenom gefahren.
"Atomkraft? Nein danke", prangte damals nicht nur auf Parkas und Rucksäcken, sondern bei Familie Kronenberg auch auf dem Auto. Damit sind sie und die Kinder auch zu Demos in Cattenom gefahren. Anna-Carina Blessmann

"Wir waren schon immer gegen Atomkraft. Wir wissen nach wie vor nicht, wo der radioaktive Müll gelagert werden soll. Damit bürden wir nachfolgenden Generationen etwas auf, was eigentlich verboten sein müsste", sagt Herbert Kronenberg.

Ihm und seiner Frau ging es um ihre fünf Kinder, die damals zwischen 2 und 10 Jahre alt waren, sagt Maria Kronenberg: "Das hat uns sehr viel Angst gemacht. Alle Berechnungen haben gesagt, wenn es zu einem Unfall kommt, würden die Wolken über Trier ziehen."

An den rebellischen Aufkleber auf ihrem Auto erinnern sich Maria und Herbert Kronenberg gern zurück. Nicht aber an die Zeit der Atomangst.
An den rebellischen Aufkleber auf ihrem Auto erinnern sich Maria und Herbert Kronenberg gern zurück. Nicht aber an die Zeit der Atomangst. Anna-Carina Blessmann

Panik erfasste die Trierer

Denn das französische AKW Cattenom, das seit 1979 gebaut wurde, liegt knapp 50 Kilometer von Trier und nur 25 Kilometer von der Grenze des Kreises Trier-Saarburg entfernt. Der Wind von dort geht aber auch in Richtung Mainz oder Kaiserslautern.

Vom Super-GAU im ukrainischen Tschernobyl erfährt man damals in Deutschland erst zwei, drei Tage verspätet. In Schweden und Finnland spielen die Geigerzähler verrückt, die Sowjetunion gibt aber nur kleckerweise Infos raus. Herbert Kronenberg hört davon im Radio: "Und ich konnte es einfach nicht glauben. Jetzt haben wir plötzlich hier Radioaktivität. Wie groß? Wie schlimm?"

Uns hat Panik erfasst. Auf einmal soll das wahr geworden sein.

Jeder weiß, wo er beim Mauerfall oder 9/11 war - Maria Kronenberg weiß es bei Tschernobyl nicht mehr: "Ich erinnere mich nur an die Panik, die uns erfasst hat. Weil wir uns ja lange davor mit den Risiken beschäftigt haben. Und dann auf einmal soll das wahr geworden sein."

Familie bleibt zwei Monate im Haus

Ihre Reaktion: Die Kinder dürfen nicht mehr im Garten in Trier-Süd spielen, nicht mehr in den Sandkasten. Und das für zwei Monate, erinnert sie sich: "Plötzlich hat man statt frischem Gemüse Konserven gekauft. Unser normales Leben war auf den Kopf gestellt."

Man sieht nichts, man riecht nichts, man hört nichts.

Bei einer Demo in Trier im Mai 1986 rollten die Demonstrierenden "Atomfässer" durch die Innenstadt und fuhren "kontaminiertes" Gemüse in Schubkarren, um gegen das AKW in Cattenom zu demonstrieren.
Bei einer Demo in Trier im Mai 1986 rollten die Demonstrierenden "Atomfässer" durch die Innenstadt und fuhren "kontaminiertes" Gemüse in Schubkarren, um gegen das AKW in Cattenom zu demonstrieren.

Ihr Mann ergänzt: "Man kann Caesium, das zu uns rüber kam, ja nicht fassen. Man sieht nichts, man riecht nichts, man hört nichts." Sie fühlten sich ausgeliefert, weil es nichts gab, was sie selbst gegen die Gefahr tun konnten.

Der Jüngsten konnten sie nicht erklären, warum sie nicht mehr draußen spielen durfte, erzählt Maria: "Die Älteren haben von unserer Angst viel mitbekommen", schließlich waren die schon selbst bei Demos gegen Cattenom dabei: "Wir haben viel mit ihnen gesprochen, dass nicht sofort etwas passiert wie bei Flut oder Feuer. Dass man sich darauf einstellen kann."

Der Garten, in dem Maria und Herbert Kronenberg heute eine kleine Solaranlage haben, musste 1986 abgetragen und auf die Mülldeponie gebracht werden.
Der Garten, in dem Maria und Herbert Kronenberg heute eine kleine Solaranlage haben, musste 1986 abgetragen und auf die Mülldeponie gebracht werden. Anna-Carina Blessmann

Damals größte Demo der Nachkriegszeit in Trier

Aber irgendwann war den Eltern, damals 35 und 37 Jahre alt, klar, dass sie nicht ewig nur im Haus bleiben können. Also hat die Familie zusammen die oberste Schicht des Gartens abgetragen: "Wir haben alles platt gemacht und auf die Müllkippe gefahren. Damit wir die Kinder wieder rauslassen konnten."

Und sie sind auch wieder zu Demonstrationen gegangen. Denn trotz Tschernobyl sollte Cattenom weiter im Herbst an den Strom gehen. Am 17. Mai 1986 fand mit 6.000 Teilnehmenden die bis dahin größte Demo der Nachkriegszeit in Trier statt, berichtete damals das SWR-Fernsehen. In Cattenom selbst kamen im Juni zwischen 15.000 und 20.000 Menschen zu Demos zusammen.

6.000 Menschen gingen im Mai in Trier gegen das Atomkraftwerk Cattenom auf die Straße. So viele wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte, berichtete damals das SWR-Fernsehen.
6.000 Menschen gingen im Mai in Trier gegen das Atomkraftwerk Cattenom auf die Straße. So viele wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte, berichtete damals das SWR-Fernsehen.

Familie Kronenberg traf auf den Demos Gleichgesinnte: "Wir hatten Recht gehabt mit allem, was wir vorher gesagt hatten, und wurden bestätigt: Ja, so gefährlich ist das alles. Und trotzdem geht Cattenom ans Netz." Maria hat die Zeit als sehr aufgeregt erlebt. Für Herbert kam noch das Ohnmachtsgefühl dazu: "Wir stehen zwar hier und demonstrieren. Aber wir wissen, dass es nichts bewirkt."

Cattenom bekommt Laufzeitverlängerung

Dieses Gefühl ist bis heute - 40 Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl, fast 40 Jahre, nachdem Cattenom ans Netz gegangen ist - bei Maria präsent: "Es ist unbegreiflich, dass die Politik immer so weiter macht. Dass die Politiker nicht die gleichen Gefühle haben wie wir. Die haben Tschernobyl, Fukushima doch auch erlebt."

Tatsächlich kommt es in Frankreichs drittgrößtem AKW Cattenom immer wieder zu Zwischenfällen: Im vergangenen Juni wurde ein Arbeiter radioaktiv kontaminiert. Seit 2021 gab es korrodierte Leitungen und 2023 wurde erneut bemängelt, dass das AKW nicht ausreichend gegen Erdbeben gesichert sei.

Das drittgrößte Atomkraftwerk Frankreichs in Cattenom wird mit seinen vier Kühltürmen noch mindestes zehn Jahre weiter laufen.
Das drittgrößte Atomkraftwerk Frankreichs in Cattenom wird mit seinen vier Kühltürmen noch mindestes zehn Jahre weiter laufen. picture alliance / dpa | Christophe Karaba

Cattenom war ursprünglich auf 40 Jahre Laufzeit angelegt. Die französische Atomaufsicht entschied im vergangenen Jahr, dass es doch bis 2036 laufen darf. Und der Betreiber des AKWs will sogar, dass es mindestens bis 2047 bestehen bleibt.

Bei Super-GAU in Cattenom: Land ist zuständig

Würde es zum Super-GAU kommen, ist laut dem rheinland-pfälzischen "Katastrophenschutzplan Kernkraftwerke" das Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz zuständig. Die Alarmkette hat sich in den vergangenen Jahren offenbar nicht groß verändert.

Das Innenministerium teilt auf SWR-Anfrage mit, dass der Betreiber von Cattenom das Departement Moselle informieren würde. Das informiert das Landesamt, das wiederum informiert die Katastrophenschutzleitung des Landes. Und die alarmiert weiter in Rheinland-Pfalz. Das Ganze werde einmal im Jahr getestet.

Nicht nur in Trier, wie hier im Mai, auch in Cattenom selbst gab es 1986 Demonstrationen gegen das AKW. An den Strom ging es trotzdem.
Nicht nur in Trier, wie hier im Mai, auch in Cattenom selbst gab es 1986 Demonstrationen gegen das AKW. An den Strom ging es trotzdem. Anna-Carina Blessmann

Schon 1986 habe es eine Rufbereitschaft per Handy gegeben, in den folgenden Jahren ergänzt durch ein Satellitenfax. Auch heute noch gehe der erste Alarm über das Telefon raus, ergänzt durch E-Mails und andere Plattformen im Internet.

Jodtabletten und Notfallstation in Konz

Auch der Kreis Trier-Saarburg ist am Zug mit drei Maßnahmen, sagt Stephan Schmitz-Wenzel, Geschäftsbereichsleiter Katastrophenschutz: "Wir verteilen Jodtabletten, die bei den Verbandsgemeinden lagern. Es gibt Pläne für eine Notfallstation in Konz und wir evakuieren die Gemeinden, die im Umkreis von 25 Kilometern von Cattenom liegen."

Die Karte in der Kreisverwaltung Trier-Saarburg zeigt in der Mitte das AKW Cattenom. Im Umkreis von 25 Kilometern, also dem äußersten Kreis, liegt ein Zipfel des Kreises mit Palzem, Merzkirchen und Kirf.
Die Karte in der Kreisverwaltung Trier-Saarburg zeigt in der Mitte das AKW Cattenom. Im Umkreis von 25 Kilometern, also dem äußersten Kreis, liegt ein Zipfel des Kreises mit Palzem, Merzkirchen und Kirf. Anna-Carina Blessmann

Das sind Palzem, Merzkirchen und Kirf. In der Notfallstation würden Menschen registriert, Kontaminationen festgestellt und sie könnten dort auch dekontaminiert werden. Im Laufe diese Jahres soll noch einmal geübt werden, die Station einzurichten.

Schmitz-Wenzel meint, dass im Falle eines Super-GAUs in Cattenom genügend Zeit sei, zu reagieren: "Die Erfahrung ist, dass Unfälle in Atomkraftwerken nicht plötzlich passieren, sondern dass sich das Geschehen längerfristig aufbaut."

Messwerte von Radioaktivität einsehbar

Wie hoch die Radioaktivität in der eigenen Umgebung ist, das misst das rheinland-pfälzische Umweltministerium mit Stationen rund um Cattenom. Maria Kronenberg vertraut aber eher den Werten eines ehrenamtlichen Vereins: "Die kleine Gruppe MAUS als private Initiative würde vielleicht als erstes Alarm schlagen."

Ihr Mann sagt aber auch: "Wenn ein Super-GAU in Cattenom passiert, dann brauchen wir uns um unsere Zukunft keine Gedanken mehr zu machen." Deshalb wünscht sich Maria Kronenberg für die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder: "Dass ein Endlager - so wenig sicher das auch für die Millionen Jahre sein wird - dann doch jetzt gefunden wird. Die Zwischenlager sind keineswegs eine Lösung." Und sie wünscht sich, dass Atomkraftwerke abgeschaltet werden und Atomkraft nicht für Waffen verwendet wird.

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