Nur wenige Wochen, nachdem das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich im März 1986 in Betrieb ging, kam es zu dem verheerenden Super-GAU in Tschernobyl. Dieser verstärkte den Widerstand gegen Atomkraft im allgemeinen und das Kernkraftwerk selbst, das unter anderem wegen seiner Lage im erdbebengefährdeten Neuwieder Becken umstritten war. Im September 1988 wurde die Anlage schon wieder abgeschaltet.
40 Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl stehen immer noch Teile des Kernkraftwerks in Mülheim-Kärlich. Unter anderem ist die Reaktor-Kuppel noch zu sehen, ebenso wie der hoch aufragende Abluftkamin. Der markante Kühlturm wurde bereits 2019 abgerissen. So spektakulär dessen Ende damals war, so unauffällig laufen die aktuellen Arbeiten.
Arbeiten am Herzstück des Kernkraftwerks
Wie eine Sprecherin des Betreibers RWE auf SWR-Anfrage mitteilte, wird gerade am Herzstück des Kraftwerks, dem Reaktor-Druckbehälter gearbeitet. Das Innenleben wurde in mühevoller Kleinarbeit entfernt, jetzt geht es dem Behälter selbst an den Kragen. Danach geht es an anderer Stelle weiter.
Mitten im ehemaligen Atomkraftwerk AKW Mülheim-Kärlich: "Der spannendste Teil des Abrisses hat begonnen!"
Rund fünf Jahre nach dem Abbau des AKW-Kühlturms geht es jetzt an die markante Reaktorkugel und den daneben aufragenden Abluftkamin. Das Innerste des sogenannten Reaktordruckbehälters wird zerlegt.
"Alles muss raus aus dem Kontrollbereich", so die RWE-Sprecherin und verweist dabei auf technische Systeme wie Lüftungen, Brandmeldeanlagen oder auch Kräne. Danach wird man die Bausubstanz auf Strahlenbelastung testen. "Wir werden so lange Beton abtragen, bis sich nichts mehr nachweisen lässt", erklärt die Sprecherin. Das Unternehmen geht mittlerweile davon aus, dass sich der Rückbau des AKW in Mülheim-Kärlich noch bis in die 2030er-Jahre ziehen wird.
Bürokratie verzögert Rückbau des AKW in Mülheim-Kärlich
Dass die Arbeiten so lange dauern, liegt laut der Sprecherin unter anderem daran, dass viel händisch gemacht werden muss, sowie an den hohen Sicherheitsanforderungen. Aber auch der bürokratische Aufwand sei immens. Jede einzelne Maßnahme müsse aufwändig geplant und genehmigt werden.
Wie hoch die Kosten für den Rückbau sind, lässt sich laut der Sprecherin aktuell nicht sagen. Sie verweist jedoch darauf, dass das Unternehmen bei einem Kernkraftwerk in der Größe des Kraftwerks in Mülheim-Kärlich von Gesamtkosten von rund einer Milliarde Euro ausgeht. Darin enthalten sind etwa auch Personalkosten und Kosten für die Entsorgung. Aktuell seien am Rückbau noch rund 70 Beschäftigte der RWE sowie genauso viele Beschäftigte von Partnerfirmen beteiligt.
Hotelzimmer mit Blick auf die Reaktorkuppel
Während es beim Rückbau nur langsam voran geht, ging es rund um das alte Kernkraftwerk umso schneller. Weite Teile des rund 40 Hektar großen ehemaligen Betriebsgeländes sind verkauft und mittlerweile auch schon in Benutzung. So wurden etwa Bürogebäude, Logistikhallen sowie ein Hotel gebaut. Die Rückbauarbeiten selbst finden nur noch auf einem etwa sechs Hektar großen Gelände statt.
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Seit 2023 sind die letzten drei Atomkraftwerke vom Netz. Ihnen droht ein milliardenteurer Abriss, dem Atomzeitalter das Vergessen. Wieso nicht als Denkmal und Kulturort umnutzen?
Der Bürgermeister von Mülheim-Kärlich, Gerd Harner (FWG), ist froh, dass das Gelände, das so viele Jahre brach lag, wieder belebt wurde - und Gewerbesteuereinnahmen in die Stadtkasse fließen. Das ehemalige Kernkraftwerk hingegen sei kein wirkliches Thema mehr in der Stadt. Mit dem Abriss des Kühlturms sei das Kernkraftwerk nicht nur aus den Augen, sondern auch aus den Köpfen der Menschen verschwunden.