Teures Unterfangen

Rückbau des AKW Mülheim-Kärlich wird noch Jahre dauern

Das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich war keine zwei Jahre in Betrieb, sein Rückbau dauert hingegen Jahrzehnte. Seit 2004 laufen die Arbeiten - ein Ende ist noch nicht in Sicht.

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Stand

Von Autor/in Christina Nover

Nur wenige Wochen, nachdem das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich im März 1986 in Betrieb ging, kam es zu dem verheerenden Super-GAU in Tschernobyl. Dieser verstärkte den Widerstand gegen Atomkraft im allgemeinen und das Kernkraftwerk selbst, das unter anderem wegen seiner Lage im erdbebengefährdeten Neuwieder Becken umstritten war. Im September 1988 wurde die Anlage schon wieder abgeschaltet.

40 Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl stehen immer noch Teile des Kernkraftwerks in Mülheim-Kärlich. Unter anderem ist die Reaktor-Kuppel noch zu sehen, ebenso wie der hoch aufragende Abluftkamin. Der markante Kühlturm wurde bereits 2019 abgerissen. So spektakulär dessen Ende damals war, so unauffällig laufen die aktuellen Arbeiten.

Arbeiten am Herzstück des Kernkraftwerks

Wie eine Sprecherin des Betreibers RWE auf SWR-Anfrage mitteilte, wird gerade am Herzstück des Kraftwerks, dem Reaktor-Druckbehälter gearbeitet. Das Innenleben wurde in mühevoller Kleinarbeit entfernt, jetzt geht es dem Behälter selbst an den Kragen. Danach geht es an anderer Stelle weiter.

Mülheim-Kärlich

Mitten im ehemaligen Atomkraftwerk AKW Mülheim-Kärlich: "Der spannendste Teil des Abrisses hat begonnen!"

Rund fünf Jahre nach dem Abbau des AKW-Kühlturms geht es jetzt an die markante Reaktorkugel und den daneben aufragenden Abluftkamin. Das Innerste des sogenannten Reaktordruckbehälters wird zerlegt.

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"Alles muss raus aus dem Kontrollbereich", so die RWE-Sprecherin und verweist dabei auf technische Systeme wie Lüftungen, Brandmeldeanlagen oder auch Kräne. Danach wird man die Bausubstanz auf Strahlenbelastung testen. "Wir werden so lange Beton abtragen, bis sich nichts mehr nachweisen lässt", erklärt die Sprecherin. Das Unternehmen geht mittlerweile davon aus, dass sich der Rückbau des AKW in Mülheim-Kärlich noch bis in die 2030er-Jahre ziehen wird.

Bürokratie verzögert Rückbau des AKW in Mülheim-Kärlich

Dass die Arbeiten so lange dauern, liegt laut der Sprecherin unter anderem daran, dass viel händisch gemacht werden muss, sowie an den hohen Sicherheitsanforderungen. Aber auch der bürokratische Aufwand sei immens. Jede einzelne Maßnahme müsse aufwändig geplant und genehmigt werden.

Betonprüfung im ehemaligen Kernkraftwerk Mühlheim-Kärlich
Die Betonstrukturen im ehemaligen Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich werden auf Strahlenbelastung getestet.

Wie hoch die Kosten für den Rückbau sind, lässt sich laut der Sprecherin aktuell nicht sagen. Sie verweist jedoch darauf, dass das Unternehmen bei einem Kernkraftwerk in der Größe des Kraftwerks in Mülheim-Kärlich von Gesamtkosten von rund einer Milliarde Euro ausgeht. Darin enthalten sind etwa auch Personalkosten und Kosten für die Entsorgung. Aktuell seien am Rückbau noch rund 70 Beschäftigte der RWE sowie genauso viele Beschäftigte von Partnerfirmen beteiligt.

Hotelzimmer mit Blick auf die Reaktorkuppel

Während es beim Rückbau nur langsam voran geht, ging es rund um das alte Kernkraftwerk umso schneller. Weite Teile des rund 40 Hektar großen ehemaligen Betriebsgeländes sind verkauft und mittlerweile auch schon in Benutzung. So wurden etwa Bürogebäude, Logistikhallen sowie ein Hotel gebaut. Die Rückbauarbeiten selbst finden nur noch auf einem etwa sechs Hektar großen Gelände statt.

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Der Bürgermeister von Mülheim-Kärlich, Gerd Harner (FWG), ist froh, dass das Gelände, das so viele Jahre brach lag, wieder belebt wurde - und Gewerbesteuereinnahmen in die Stadtkasse fließen. Das ehemalige Kernkraftwerk hingegen sei kein wirkliches Thema mehr in der Stadt. Mit dem Abriss des Kühlturms sei das Kernkraftwerk nicht nur aus den Augen, sondern auch aus den Köpfen der Menschen verschwunden.

Plusminus. Mehr als nur Wirtschaft. Atomkraft: Gibt es wirklich ein weltweites Comeback?

Klimafreundliche Energie dank Kernkraft – laut der Internationalen Energieagentur stehen wir am Beginn einer neuen Atom-Ära. Staaten und Unternehmen setzen auf neue Mini-Meiler, um den steigenden Strombedarf zu decken. Doch geht diese Strategie wirklich auf? Erleben wir tatsächlich ein Comeback der Nuklearenergie? Das klären Anna Planken und David Ahlf in dieser Plusminus-Folge.
Kapitel:
• Atomkraft auf Rekordniveau (04:07)
• Was kostet Atomstrom? (06:30)
• Endlagerkosten (14:55)
• Wie abhängig sind wir von Drittstaaten? (17:08)
• Sind Small Modular Reactors (SMR) die Lösung? (19:48)
• Wie deckt die Welt in Zukunft ihren steigenden Strombedarf? (24:46)
• Fazit: Beginnt eine neue Ära der Atomkraft? (29:07)
Weitere Infos und Quellen gibt es hier:
IEA: The Path to a New Era for Nuclear Energy
https://www.iea.org/reports/the-path-to-a-new-era-for-nuclear-energy
IEA: Electricity Midyear Update
https://www.iea.org/reports/electricity-mid-year-update-2025
Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung: Faktencheck: Ist Atomstrom günstiger als Strom aus anderen Energiequellen?
https://www.base.bund.de/shareddocs/faktencheck/base/de/atomstrom-alternative-energiequellen-kosten.html
IW: Rückkehr zur Atomkraft wäre nicht sinnvoll
https://www.iwkoeln.de/presse/interviews/malte-kueper-rueckkehr-zur-atomkraft-waere-nicht-sinnvoll.html
Siemens Energy: Daten und Fakten - Small Modular Reactors (SMR)
https://www.siemens-energy.com/de/de/home/pressemitteilungen/daten-und-fakten---small-modular-reactors--smr-.html
Tagesschau: Warum kauft Google jetzt Mini-Atomkraftwerke?
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/faq-google-atomkraft-energie-ki-boom-100.html
Ember: Global solar installations surge 64% in first half of 2025
https://ember-energy.org/latest-updates/global-solar-installations-surge-64-in-first-half-of-2025/#:~:text=China%20installed%20more%20than%20twice,global%20fossil%20fuel%20supply%20chains.
Das Team:
• Hosts: Anna Planken & David Ahlf
• Instagram: @anna.planken https://www.instagram.com/anna.planken/ und @davidihrswisst https://www.instagram.com/davidihrswisst/
• Autorin: Petra Thiele
• Redakteurin dieser Folge: Tamara Land
Kontakt:
Ihr habt Fragen, Feedback oder Ideen? Schreibt uns an: plusminuspodcast@ard.de
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Christina Nover
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