Jonas Platter muss an diesem Morgen schnell sein. Alle paar Sekunden läuft eine Weinflasche übers Band. Dann heißt es: Abfüllen, Korken drauf und ab in die Kiste. Der junge Mann macht das seit vier Jahren und es macht ihm Spaß: "Wir haben hier immer viel zu tun. Wenn wir keinen Wein abfüllen, dann sind wir draußen und schneiden die Reben."
Was Jonas Platter gefällt: Der Job ist abwechslungsreich. Vom Weinberg bis zum Etikett auf der Flasche ist er bei allen Arbeitsschritten dabei. Die Arbeit läuft hier auf dem Hofgut des Sozialwerks des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) anders ab als in vielen anderen Werkstätten für behinderte Menschen, wo Klienten oft immer dieselben Handgriffe machen.
Und hinzukommt: Der Wein, den Jonas Platter und seine Kollegen hier herstellen, hat Spitzenqualität und wird in ganz Deutschland verkauft. "Das ist ein cooles Gefühl", sagt der junge Mann.
Winzer: "Wir können bei der Qualität oben mitspielen"
Achim Kerpen beobachtet das oft bei seinen Klienten: "Die sind stolz, wenn ihr Wein Preise gewinnt oder an ein teures Hotel nach Berlin geht." Und das ist auch Kerpens Verdienst. Vor etwa 30 Jahren hat der gelernte Kellermeister das weltweit einzige Weingut mit aufgebaut, das vom Roten Kreuz betrieben wird.
"Von der Qualität her können wir oben mitspielen", meint Kerpen. Was auch an den Toplagen liegt, die von den rund 30 Menschen mit verschiedenen Behinderungen bewirtschaftet werden. Darunter sind zum Beispiel die Wehlener Sonnenuhr oder die Brauneberger Juffer. "Das gehört mit zum Besten, was es an der Mittelmosel gibt", sagt Kerpen.
Doch diese Weinberge ernten sich nicht von selbst ab. Es sind auch Steilhänge dabei. "Da muss man schon fit und mobil sein, wenn man da arbeitet", sagt der 64-Jährige: "Das schafft nicht jeder."
Wein verkauft sich auch im Hofladen gut
Doch die Mühe zahlt sich aus. Viele Flaschen gehen über die Ladentheke von Klara Wilms im Hofladen auf dem Kueser Plateau. "Manchmal ist sehr viel los, dann ist es anstrengend", sagt die 29-Jährige: "Aber man hat hier an der Kasse viel mit Kunden zu tun."
Die junge Frau ist seit zwölf Jahren beim DRK-Sozialwerk. Sie hat schon im Pferdestall gearbeitet, in der Schreinerei und der Gärtnerei. Im Hofladen gefällt es ihr bis jetzt am Besten, weil hier jeder Tag anders sei.
Jobs im Laden, in der Gärtnerei und im Pferdestall
Für Roland Wagner hingegen ist die Gärtnerei der perfekte Arbeitsplatz, sagt er. Bei Blumen und Gemüse findet er Ruhe. Sein Kollege Rainer Kübler ist am Liebsten im Pferdestall und kümmert sich um die Tiere: "Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst vor den Pferden, weil sie so groß sind. Aber mittlerweile ist die Angst weg und ich bin gern hier."
Menschen können verschiedene Berufe ausprobieren
"Das Hofgut ist schon etwas Besonderes in der Region", sagt Carsten Müller-Meine, der Geschäftsführer des DRK-Sozialwerks. Nicht nur wegen der malerischen Lage. Hier könnten beeinträchtigte Menschen sich in verschiedenen Berufen ausprobieren und so arbeiten, wie es ihren Talenten entspreche: "Jeder kann sich seinen Platz und seinen Schwerpunkt suchen."
Das Ziel ist es, sie zu fördern und für Stellenausschreibungen auch in anderen Unternehmen zu qualifizieren. Auch wenn das nur selten gelinge. "Viele halten dem Druck nicht stand", sagt Müller-Meine. "Doch zurückkommen kann man immer", fügt er hinzu. Derzeit arbeiten bei ihm im Sozialwerk mehr als 120 Menschen mit Behinderung.
Und die meisten wollen hier auch nicht mehr weg. Jonas Platter zum Beispiel würde die Kollegen vermissen, die Betreuer und den Job, bei dem er sich selbst verwirklichen kann. Und Spitzenwein herstellt, der über die Region hinaus gefragt ist.