Konstruktive Lösung für Vandalismus

Graffiti im Eifeldorf: Kreativität statt Anzeige

Nicht nur in der Stadt gibt es sie: illegale Schmierereien an öffentlichen Orten. In Körperich und Gutweiler greift man nun selbst zur Spraydose, statt die Polizei zu rufen.

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Von Autor/in Anna-Carina Blessmann

Eine Sonne, ein Herz, die Jugendphrase "6-7" - es sind harmlose Motive, die neuerdings die Brücke über dem Gaybach in Körperich "schmücken". Und doch sind die Graffitis Sachbeschädigung, die den Ort in der Verbandsgemeinde Südeifel Geld kosten.

Gemeinderatsmitglied Kristina Zender freut sich, wenn aus der beschmierten Wand in Körperich durch legales Graffiti ein buntes Kunstwerk wird.
Gemeinderatsmitglied Kristina Zender freut sich, wenn aus der beschmierten Wand in Körperich durch legales Graffiti ein buntes Kunstwerk wird. Anna-Carina Blessmann

Eine Anzeige bei der Polizei gab es trotzdem nicht. "Wir sind ein bisschen mit Schuld, dass die Kinder im Ort Spaß an Graffiti haben", sagt Kristina Zender vom Gemeinderat. Denn die sind schon im Kid's Club der Gemeinde auf den Geschmack gekommen.

Vor zwei Jahren haben sie dort Graffitis auf Leinwände gesprayt. Vergangenes Jahr konnten sie mit einem Profi eine Wand gestalten. Sie hat den Verdacht, dass jetzt Kinder mit Farbdosen eine Tour über einen kleinen Weg und die Brücke gemacht haben.

Wand als Ventil für Kreativität

Das Interesse an der Kunstform ist also offenbar weiter ungebrochen groß. Der Ort will das nicht unterbinden: "Ich finde es gut, den Kindern hier im Dorf eine Möglichkeit zu geben, sich so kreativ auszuleben, wie man es eher von Städten kennt."

Vermeintlich harmlose Symbole wie eine Sonne "zieren" seit Kurzem die Brücke über den Gaybach in Körperich. Sachbeschädigung sind sie trotzdem.
Vermeintlich harmlose Symbole wie eine Sonne "zieren" seit Kurzem die Brücke über den Gaybach in Körperich. Sachbeschädigung sind sie trotzdem. Anna-Carina Blessmann Bild in Detailansicht öffnen
Die Jugendphrase "6-7" in einem Herz lässt darauf schließen, dass hier Kinder am Werk gewesen sein könnten.
Die Jugendphrase "6-7" in einem Herz lässt darauf schließen, dass hier Kinder am Werk gewesen sein könnten. Anna-Carina Blessmann Bild in Detailansicht öffnen
Auf ihrer Auf ihrer Tour durch das Dorf haben Kinder, so vermutet Kristina Zender, auch einen Laternenmast nicht ausgelassen.
Auf ihrer Tour durch das Dorf haben Kinder, so vermutet Kristina Zender, auch einen Laternenmast nicht ausgelassen. Anna-Carina Blessmann Bild in Detailansicht öffnen
Der Schriftzug "Shadow Vortex" könnte sich entweder auf ein Computerspiel, die Science-Fiction-Serie "Doctor Who" oder eine Band beziehen. Womöglich wird er von der Straße leichter losgewaschen als von der Brücke.
Der Schriftzug "Shadow Vortex" könnte sich entweder auf ein Computerspiel, die Science-Fiction-Serie "Doctor Who" oder eine Band beziehen. Womöglich wird er von der Straße leichter losgewaschen als von der Brücke. Anna-Carina Blessmann Bild in Detailansicht öffnen

Also hat der Gemeinderat kurzerhand entschieden, eine Wand am Dorfplatz zur Verfügung zu stellen, an der die Kinder legal sprayen können. Um der Kreativität ein Ventil zu geben.

Wand hätte ohnehin gestrichen werden müssen

"Wir machen hier aus der Not eine Tugend", findet Zender. Denn auch diese Wand wurde beschmiert, mit dem Schriftzug "Police". Die gleiche Handschrift habe sie schon an Graffitis auf Straßenschildern außerorts gesehen: "Auch hier wurde die Wand mutwillig versaut. Das waren aber keine Kinder."

Die Gemeinde hätte die Wand ohnehin neu streichen lassen. Jetzt aber wird erst einmal Kindern zum legalen Sprayen freie Bahn gelassen: "Entweder, das klappt und die Kinder nehmen es gut an. Oder man muss es als gescheitert erklären, weil zum Beispiel zu viel versaut wurde."

So sah die Rückwand des Dorfplatzes noch vor Kurzem aus. Bei der Schmiererei hatte Kristina Zender Vandalen und keine experimentierfreudigen Kinder im Verdacht. Deshalb sollte sie auch neu gestaltet werden.
So sah die Rückwand des Dorfplatzes noch vor Kurzem aus. Bei der Schmiererei hatte Kristina Zender Vandalen und keine experimentierfreudigen Kinder im Verdacht. Deshalb sollte sie auch neu gestaltet werden. Anna-Carina Blessmann

Dann wäre die Gemeinde wieder am Ausgangspunkt und müsste die Wand streichen, meint Zender: "Eigentlich haben wir nichts zu verlieren."

Sorge vor neuen illegalen Graffitis

Es gab aber auch Kritik im Gemeinderat, dass eine solche Plattform zu noch mehr Schmierereien führt. "Das sind berechtigte Stimmen", findet Zender. Die Mehrheit war trotzdem dafür.

Bei der legalen Fläche am Dorfplatz gelten Regeln: Ist kein Platz mehr, dürfen bestehende Kunstwerke übermalt werden. Es darf kein Müll entstehen, ausschließlich auf der Fläche gesprüht werden, aber keine rassistischen und extremistischen Inhalte: "Es geht wirklich ums schöne, kreative Austoben."

Jugendliche besprühen Bushäuschen in Gutweiler

Wie das später aussehen kann, sieht man schon jetzt in Gutweiler in der Verbandsgemeinde Ruwer: Auch dort steht der Jugendspruch "6-7" gleich dreimal auf einem Bushäuschen. Völlig legal und zur Freude vieler.

Eine Frau fährt an der Haltestelle vorbei und ruft Aleksandra Panek zu: "Alle bewundern es, das war ne super Aktion!" Panek ist die Jugendbeauftragte des Ortes, die im April zusammen mit einigen Jugendlichen und einer Streetart-Künstlerin das Häuschen angesprüht hat.

Die Jugendphrase "6-7" darf auch hier nicht fehlen. "Das ist ein aktueller Trend, warum also nicht. Die Jugendlichen sollten das verwirklichen können, was ihnen gerade wichtig ist", sagt die Jugendbeauftragte Aleksandra Panek.
Die Jugendphrase "6-7" darf auch hier nicht fehlen. "Das ist ein aktueller Trend, warum also nicht. Die Jugendlichen sollten das verwirklichen können, was ihnen gerade wichtig ist", sagt die Jugendbeauftragte Aleksandra Panek. Anna-Carina Blessmann

Denn auch das wurde immer wieder illegal besprüht, auch hier gab es laut Polizei keine Anzeige. Aber: "Unser Gemeindearbeiter hatte immer wieder damit zu tun, das Bushäuschen zu streichen", berichtet Panek.

Die Idee kam von anderen Jugendbeauftragten der Region, die gute Erfahrungen damit gemacht hatten, Jugendlichen Wände für Graffiti bereitzustellen: "Und der Bürgermeister hat gesagt: Jo, macht mal."

Streetart-Künstlerin hilft Jugendlichen

Im Rahmen der Aktion "Rollendes Kunstatelier" im Kreis Trier-Saarburg entwickelten Jugendliche zwischen 12 und 15 Ideen, zum Beispiel den Schriftzug "Let's go Gutweiler" für die Rückseite.

Die Idee zum Schriftzug "Let's go Gutweiler" auf der Rückseite des Bushäuschens hatten die Jugendlichen. Eine Streetart-Künstlerin hat ihn zusammen mit ihnen professionell umgesetzt.
Die Idee zum Schriftzug "Let's go Gutweiler" auf der Rückseite des Bushäuschens hatten die Jugendlichen. Eine Streetart-Künstlerin hat ihn zusammen mit ihnen professionell umgesetzt. Anna-Carina Blessmann

"Paradoxerweise waren einige im Gemeinderat der Meinung, dass die Ideen sehr brav sind für ein Graffiti. Und dass die Jugendlichen sich mehr austoben sollten." So kam es dazu, dass sie auf der Innenseite des Bushäuschens ganz frei ihre Ideen sprühen konnten.

Wir haben die Jugendlichen einfach machen lassen.

Weil die Streetart-Künstlerin Farben ausgewählt habe, die zueinander passen, wirkt das Ganze trotzdem wie ein harmonisches Kunstwerk, findet Panek: "Die Jugendlichen waren als Gruppe sehr stimmig und wussten irgendwann, was der gemeinsame Plan ist. Und wir haben sie einfach machen lassen."

Aleksandra Panek hat die Graffiti-Aktion als Jugendbeauftragte durchgeführt. Im Ort sind offenbar alle begeistert.
Aleksandra Panek hat die Graffiti-Aktion als Jugendbeauftragte durchgeführt. Im Ort sind offenbar alle begeistert. Anna-Carina Blessmann

Aber könnte es nicht auch hier wieder illegale Schmierereien geben? Nein, denkt Panek: "Die Künstlerin hat gesagt, sie macht sich da keine großen Sorgen, weil es eine Regel unter Graffiti-Künstlern gibt: Man beschmiert das Werk eines anderen nicht."

Neue Ideen für Graffiti in Wittlich

Das ist auch die Hoffnung in Wittlich: Dort hatte der Immobilienmakler Marvin Jeske eine Belohnung ausgesetzt, um denjenigen ausfindig zu machen, der prominent sein Graffiti-Tag an Wände gesprüht hat.

Nach der Berichterstattung durch den SWR haben sich Leute aus der Graffiti-Szene bei ihm gemeldet mit dem Hinweis auf diesen "Ehrenkodex", dass Kunstwerke nicht übersprüht werden, sagt Jeske.

Der Immobilienmakler Marvin Jeske stört sich an den Graffiti in Wittlich - wie hier am Schloßplatz. Jetzt setzt er privates Geld ein, um den Sprüher zu finden.
Der Immobilienmakler Marvin Jeske stört sich an den Graffiti in Wittlich - wie hier am Schloßplatz. Jetzt setzt er privates Geld ein, um den Sprüher zu finden. Christian Altmayer

Daraus entsteht gerade eine Idee: "Statt Problemflächen einfach nur immer wieder zu überstreichen, könnte man gezielt hochwertige Urban-Art-Projekte schaffen, die Immobilien optisch aufwerten und gleichzeitig weiteren Vandalismus reduzieren."

Er habe einen Künstler gefunden, der bereit ist, Wände in Wittlich zu besprühen. Außerdem hätten sich Unternehmer bei ihm gemeldet, die an Jugendprojekte spenden wollen. Damit Jugendliche etwas zu tun haben, statt etwa aus Langeweile zu sprühen: "Das ist das, was wir wollen: Dass jeder gewinnt."

In Körperich wird Graffiti über den Sommer beobachtet

Auch Kristina Zender hofft, dass in Körperich jeder gewinnt. Ihr Sohn hat mit einem Freund mittlerweile die Schmiererei "Police" am Dorfplatz kurzerhand in ein "Peace"-Zeichen verwandelt: "Ich denke, wenn die ersten mal angefangen haben, ziehen weitere nach."

Legales Graffiti hat aus der beschmierten Wand in Körperich direkt ein buntes Kunstwerk gemacht.
Legales Graffiti hat aus der beschmierten Wand in Körperich direkt ein buntes Kunstwerk gemacht. Kristina Zender

Zender will das Ganze den Sommer über beobachten und im Herbst eine Bilanz der Aktion ziehen. Ihr Wunsch ist: "Dass das eine schöne bunte Wand im Ort wird, die auffällt. Dass die Kinder Freude daran haben und wir am Ende sagen können: Es hat sich gelohnt."

Wittlich

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Der Nachmittag SWR1 Rheinland-Pfalz