Anja-Katharina Huemer ist Verkehrspsychologin an der Universität der Bundeswehr in München. In ihrem Forschungsbereich geht es darum, wie ungeschützte Verkehrsteilnehmer, wie Fahrradfahrer und Fußgänger, sicherer durch den Straßenverkehr kommen. Sie sagt, wenn man will, dass Fahrradfahrer in einer Stadt sicher von A nach B kommen, dann muss man ihnen mehr Platz einräumen als einen schmalen Streifen am Straßenrand.
SWR Aktuell: Wenn man morgens in der Rushhour unterwegs ist, dann kann man schon mal den Eindruck bekommen, dass Radfahrer und Autofahrer einen Kleinkrieg ausfechten. Beleidigungen sind keine Seltenheit. Was ist da los auf der Straße?
Anja-Katharina Huemer: Solche Dinge haben mit der Frage zu tun: Wie kommt Verhalten von anderen bei uns an? Und das hat selten damit zu tun, ob der andere Rad- oder Autofahrer ist. Dahinter steckt ein psychologisches Prinzip. Das nennt man den Actor-Observer-Effekt. Der besagt, dass ich nicht die gleiche Wahrnehmung habe von dem Verhalten des anderen wie von meinem eigenen. Für mich selber weiß ich zum Beispiel, warum ich heute Morgen gestresst im Auto sitze. Und warum ich nicht ganz so ruhig und vorausschauend im Verkehr unterwegs bin.
Der andere ist ein rücksichtsloser, aggressiver, böser Mensch
Wenn jetzt jemand anderes dieses Verhalten zeigt, dessen Weg sich auch noch mit meinem kreuzt und wir in Konflikt kommen, dann weiß ich das alles von dem nicht. Und dann kann es passieren, dass ich das der Person zuschreibe: Der ist ein rücksichtsloser, aggressiver, böser Mensch. Oder eben seiner Rolle das zuschreibe. Alle Autofahrer sind immer aggressiv und böse. Wir haben die Tendenz, uns gegenüber verzeihender zu sein. Dinge, die uns passieren, mit den Umständen zu erklären. Und bei anderen beziehen wir es auf die Person. Einfach weil uns Wissen fehlt.
SWR Aktuell: Also da sind morgens gar keine Fahrradhasser oder Autohasser auf der Straße unterwegs?
Huemer: Die allermeisten Menschen sind nicht nur Autofahrer, sie sind auch Radfahrer und Radfahrerinnen. Eine Grundeinstellung gegen das Fahrrad kann ich mir da sehr schwer vorstellen. Es ist dann ja auch kein Persönlichkeitsmerkmal: Autofahrer gleich Fahrradhasser. Oder Autohasser gleich Fahrradfahrende. Sondern eher: In welcher Rolle bin ich jetzt gerade unterwegs?
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Bin ich zu Fuß und schiebe den Kinderwagen? Dann stören mich die parkenden Autos. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, stören mich die parkenden Autos, weil ich damit rechnen muss, dass da jetzt gleich einer die Tür aufmacht. Bin ich mit dem Auto unterwegs, dann taucht da der Radfahrer aus dem Nichts auf. Da ist jeder in seiner Routine.
SWR Aktuell: Was man schon beobachtet, ist aber, dass bei Unfällen Radfahrer größeren Schaden nehmen. Also stärker betroffen sind von der Unachtsamkeit des Anderen.
Huemer: Das stimmt. Wenn wir uns die Statistiken anschauen, dann sind bei Kollisionen in drei Viertel der Fälle die Motorisierten schuld. Und den Radfahrenden passiert dabei viel mehr. Die werden sehr viel schwerer verletzt oder getötet, weil sie ungeschützt sind. Gerade Ältere sind dann auch in der Heilung der Verletzungen beeinträchtigt. Für die ist das noch schlimmer.
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SWR Aktuell: Was bedeutet das für die Verkehrsplanung?
Huemer: Die Lösung muss sein, Radwege so zu gestalten, dass sie sicher sind. Die sichere Lösung ist die einfachste und bequemste Lösung für alle. Denn es ist nichts so schwer, wie das Verhalten anderer Menschen zu ändern, die nicht bereit sind, ihr Verhalten zu ändern. Wenn wir wüssten, wie das geht, hätten wir keine Probleme mehr. Früher haben wir Radwege neben die Straße verlegt, parallel zum Fußgängerweg. Dann hatten wir das Problem, dass Autofahrer beim Rechtsabbiegen wegen parkender Autos am Straßenrand die Radfahrer übersehen haben. Dann hat man die Radspur wieder auf die Straße verlegt und einen Fahrradschutzstreifen eingerichtet. Der Nebenwirkung, dass die Radler dann enger überholt werden, war man sich nicht bewusst. Und so etwas wird dann jetzt wieder umgebaut.
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SWR Aktuell: Was ist denn die sichere Lösung für Radfahrer?
Huemer: Wenn wir dahin wollen, dass mehr Menschen mit dem Rad fahren, dann müssen die Wege komfortabel und sicher sein. Erst sicher, dann komfortabel. Weil jemanden in eine unsichere Situation zu bringen, das kann ja auch nicht der Sinn der Sache sein. Und da geht es darum, Radwege breiter zu machen. Und das Bewusstsein schaffen: Wenn du zu wenig Platz hast, dann mach lieber gar nichts, als einen viel zu schmalen Streifen anzubringen. Das ist dann eben auch eine politische Frage. Wem gebe ich wie viel Platz?
Brauchen wir viele kostenfreie Parkplätze in Städten?
Dann ist die Frage: Wo wollen wir hin? Braucht man viele kostenfreie Parkplätze in Städten, wenn man weiß, dass Autos da sehr lange stehen? Das sind dann Fragen, denen man sich stellen muss. Und die man sich vielleicht am besten mit Datengrundlagen stellen und nicht mit Meinungen. Wem gebe ich für was wie viel Platz und zu welchen Kosten?