Internetbetrüger locken mit Fakes und Kryptowährung

Betrug mit Investments: So hat ein Mann aus der Eifel 40.000 Euro verloren

Er investiert, das Geld vermehrt sich, die Berater wirken seriös – doch alles ist Betrug. Ein Eifeler ist auf eine raffinierte Online-Masche hereingefallen und will andere warnen.

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Stand

Von Autor/in Anna-Carina Blessmann

Es klingt nach einer lukrativen Investition: Eine KI hilft dabei, das Geld zu vermehren. Das denkt Hermann Schmied* als er im vergangenen Oktober eine Mail mit diesem Angebot öffnet. Schließlich demonstriert auch Politikerin Sahra Wagenknecht in der Talkshow von Markus Lanz, wie sie zu Beginn der Sendung 200 Euro investiert, die sich dann im Lauf der Sendung vermehren.

Zumindest zeigt das das Video, das der Mail damals angehängt ist. "Es war für mich nicht zu erkennen, dass da etwas manipuliert sein könnte", erinnert sich Schmied. Was er damals noch nicht weiß: Das Video ist tatsächlich verfremdet, wahrscheinlich sind Originalaufnahmen aus der Talkshow mit neuen Stimmen unterlegt worden, möglicherweise mit KI.

Aus Interesse klickt er also auf einen Link in der Mail und soll ein paar Daten angeben. "Nur die Adresse und so weiter, keine Bankdaten." Er soll dann 250 Euro auf ein Konto mit litauischer Länderkennung einzahlen. Schmied zahlt kurzerhand 300 Euro, die sich KI-berechnet vermehren sollen.

Täglich Fälle von Cybertrading-Betrug in der Region Trier

Mit 200 bis 300 Euro fängt es meist an, sagt Marc Fleischmann von der Polizei Trier. Seit mehreren Monaten beschäftigen seine Kollegen von der Kriminalpolizei in der Region immer öfter Fälle von Cybertrading-Betrug. Denn der Betrug beginnt meist Online.

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"Teils wird da mit Prominenten geworben. Natürlich ohne deren Kenntnis und fingiert", erklärt Fleischmann. Alles, was man sich im Bereich Trading, also Finanzhandel, vorstellen kann, werde angepriesen - etwa Kryptowährung oder ETFs.

"Die Täter motivieren die Opfer, aufgrund der Gewinne, mehr Geld anzulegen. Bis dahin schöpfen wenige Opfer Verdacht. Weil es nach einem gewinnversprechenden Investment aussieht und man sich über die Rendite freut", erklärt Fleischmann. Weil der Betrug online stattfindet, könne es jeden treffen, es gebe keine genaue Zielgruppe.

Mir hätte das überhaupt nicht passieren dürfen.

Hermann Schmied ist 84, war Diplom-Ingenieur. Er hat Ende der 1950er Jahren neben seinem Konto ein erstes Depot bei der Bank angelegt, das er heute per Onlinebanking verwaltet. Er steuert sein Radio über eine Sprachassistentin.

Schmied scheint nicht unbedarft zu sein, weder was Bankgeschäfte betrifft noch moderne Technik. "Von daher hätte mir das hier überhaupt nicht passieren dürfen", sagt er.

Angebliche Finanzberater geben sich persönlich

Nachdem er die 300 Euro überwiesen hat, wird Schmied von Anne Foster angerufen, seiner "persönlichen Anlageberaterin". Der Anruf kommt aus Großbritannien, Foster spricht aber ohne Akzent. Höchstens mit einem Anflug Osteuropäisch, sagt Schmied. Foster schickt ihm Screenshots seines "Wallets" und eines "Handelskontos".

Die Täter haben Hermann Schmied (Name geändert) aus der Vulkaneifel über Monate Nachrichten geschickt, mit dem Geld, das er bei dem Investmentbetrug angeblich verdient.
Die Täter haben Hermann Schmied (Name geändert) aus der Vulkaneifel über Monate Nachrichten geschickt, mit dem Geld, das er bei dem Investmentbetrug angeblich verdient.

Schon beim nächsten Gespräch kann Foster ihm Gewinne vorweisen. "Da war auch ein kleiner Betrag als Verlust. Aber unterm Strich war eben ein Gewinn zu verzeichnen", erinnert sich Hermann Schmied. Für ihn klingt alles plausibel, er hat das Geld, das vorher auf seinem Depot lag, gut angelegt. Denkt er.

Doch Foster will mehr: Schmied soll nicht nur die 300 Euro investieren. Er kann entweder 2.500 Euro einzahlen oder 7.000 Euro. "Da war ein Investitionsplan dabei, was bei 2.500 Euro für sechs Monate zu erwarten wäre. Ich hab gedacht: Na ja, das kannst du probieren."

Die Täter bauen einen engen Kontakt auf und stellen sich als freundschaftliche Anlageberater vor.

Auch Menschen wie die vorgebliche Anne Foster kennt Polizeisprecher Fleischmann aus den Ermittlungen: "Die Täter bauen einen sehr engen Kontakt auf über Telefonate und WhatsApp-Nachrichten. Man stellt sich als der persönliche, fast schon freundschaftliche Anlageberater dar. Der nur das Beste für seinen Kunden möchte."

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Betrüger bauen professionell aussehende Webseiten

Hermann Schmied überweist im November die 2.500 Euro, diesmal auf ein deutsches Konto. "Da kamen mir schon die ersten Zweifel, weil die Überweisung nicht an irgendein Institut, sondern an Privatleute ging."

Aber Anne Foster, Schmieds vorgebliche persönliche Finanzberaterin, schickt ihm immer wieder per Mail oder Chat die angeblich positiven Entwicklungen seiner Anlage.

Denn die Täter nutzen technische Mittel, um den vermeintlichen Verlauf dieser Investments darzustellen, erklärt Polizeisprecher Fleischmann: "Da werden Dashboards erstellt, die man sich wie ein Onlinebanking-Konto vorstellen kann. Da sehe ich einen Kontostand, irgendwelche Grafiken mit Entwicklungen. Sodass es für die 'Kunden' sehr glaubhaft aussieht."

Hermann Schmied (Name geändert) aus der Vulkaneifel äußert Zweifel, die Täter räumen sie aber immer wieder aus und bringen ihn letztlich um 40.000 Euro.
Hermann Schmied (Name geändert) aus der Vulkaneifel äußert Zweifel, die Täter räumen sie aber immer wieder aus und bringen ihn letztlich um 40.000 Euro.

Schmied überweist noch einmal 5.000 Euro, aber nach einem "heißen Tipp" von Foster ist für ihn Schluss: Wenn er weitere 7.000 Euro einzahle, solle sich das Geld in 24 Stunden verdoppeln: "Das kam mir komisch vor, da war meine Grenze erreicht."

Täter machen sich echte Finanzmechanismen zunutze

Auch das ist kein Problem für Foster, sie könne das Investment auflösen und ihm 20.000 Euro zurück überweisen. Aber: Um Geldwäsche auszuschließen und zu überprüfen, dass Schmieds Konto existiert, müsse er zunächst zwei Wertpapiere kaufen. Nur zur Sicherheit. Wenn er die 20.000 Euro habe, könne er auch die Wertpapiere weiterverkaufen.

Eine Behauptung, die einleuchtend sein kann, schließlich machen sich die Täter hier Mechanismen zunutze, die man von echten Bankgeschäften kennt, erklärt Polizeisprecher Fleischmann: "Es gibt ja bei Online-Zahlungsdiensten die Funktion, dass man einen Cent überweist, um zu verifizieren, dass es ein tatsächliches Konto ist."

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Bei der Kryptowährung gebe es auch tatsächlich Transaktionsgebühren. Das könne man auch bei einer Recherche finden und daher für glaubwürdig halten: "All diese Zahlungen laufen natürlich direkt an die Täter. Wenn ich eine Gebühr entrichte, um meine Gelder aus dem Invest herauszuziehen, hab ich den Tätern in Wirklichkeit noch mal mehr Geld überwiesen."

So kommt es auch bei Hermann Schmied: Er überweist gut 7.000 Euro für die "Wertpapiere", diesmal auf ein Schweizer Konto. Aber die angekündigten 20.000 Euro bekommt er nicht. Dann kommt auch hier das Argument mit der Kryptowährung: Erst muss Geld aufs Konto, damit die Kryptos in Euros umgewandelt und ihm überwiesen werden können.

Mann überweist fast 40.000 Euro an Betrüger

Schmied überweist immer mehr Geld. Am Ende sind aus den anfangs 300 Euro knapp 40.000 Euro geworden. Die gehen an verschiedene Konten eines angeblichen Instituts, das sich mal "Phantom Team", mal "Blockchain" nennt.

Wie kann man so blöd sein? Das müsste man ja merken.

"Im Nachhinein sage ich: Wie kann man so blöd sein? Das müsste man ja merken." Seinen Verdacht, dass das alles nicht funktioniert, spricht er bei einem weiteren Berater an, der sich über seine Handynummer bei ihm meldet.

Er nennt sich Alexander Waser. "Der hat einen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht. Er war sehr persönlich im Gespräch und hat mir das alles garantiert."

Im Laufe der sechsmonatigen "Geschäftsbeziehung" gewährt Schmied zwei "Finanzberatern" auch eingeschränkten Zugriff auf seinen Computer, um "das Konto zu legalisieren". Einmal, erzählt er, erscheinen auf seinem Girokonto 78.000 Euro, die ihm überwiesen werden sollen - allerdings nur als Vormerkung.

Auch hier zahlt Schmied 4.000 Euro, damit die Rückabwicklung läuft. "Ich hätte ab diesem Zeitpunkt das verlorene Geld abschreiben und das alles beenden müssen. Aber mir wurde versichert, dass ich alles retten kann, wenn ich noch einmal zahle." Doch am nächsten Tag ist die Vormerkung über 78.000 Euro verschwunden.

Gefälschte Steuerberechnungen oder Anwaltsschreiben

Endgültig vorbei ist es für Hermann Schmied, als ihm ein David Norman ein Schreiben mit dem Briefkopf des Bundesfinanzministeriums schickt.

Darin wird Schmieds Einkommenssteuer berechnet, woraus sich ergebe, dass er 3.800 Euro nachzahlen müsse. "Norman war auch ziemlich rabiat. Der hat gesagt: Wenn Sie das nicht überweisen, kann es sein, dass Sie Ihr Geld komplett verlieren."

Immer neue angebliche Finanzberater melden sich bei dem Mann aus der Vulkaneifel. Die Täter im Investmentbetrug bauen so Vertrauen auf.
Immer neue angebliche Finanzberater melden sich bei dem Mann aus der Vulkaneifel. Die Täter im Investmentbetrug bauen so Vertrauen auf.

Aber Schmied bricht den Kontakt ab. Eine Einkommenssteuerberechnung würde schließlich nicht vom Ministerium, sondern von seinem Finanzamt kommen. Schmied zeigt das Ganze bei der Polizei an.

Auch Drohungen mit Steuernachzahlungen sind dort als Teil der Masche bekannt. Es geht aber noch perfider, sagt Polizeisprecher Fleischmann: "Option A: Man bekommt einen Vertrag, um sein Geld freizuschaffen. Die Unterschrift darauf wird genutzt, um auf den Namen des Opfers ein Darlehen abzuschließen."

Das Opfer bekomme daraus dann auch Geld ausgezahlt. Es könne den weiteren Betrug aber erst erkennen, wenn nach einigen Wochen die ersten Raten vom Konto abgehen, um das Darlehen abzuzahlen.

Option B dreht das Ganze noch weiter: "Uns sind Fälle bekannt, in denen das Opfer den Betrug erkannt hat. Später hat dann ein angeblicher Anwalt Kontakt mit dem Opfer aufgenommen und behauptet, er würde eine Sammelklage gegen die Betrüger vorbereiten." Auch hier habe das Opfer eine Vollmacht unterschrieben, womit wiederum ein Darlehen abgeschlossen wurde.

Betrugsopfer möchte andere warnen

"Dass es sich so entwickelt hat, das verzeihe ich mir nicht", sagt Betrugsopfer Schmied. Warum er auf die Masche reingefallen ist? Zuletzt habe er die etablierten Banken als sehr konservativ erlebt.

Große Gewinne seien da nicht möglich: "Und in den vergangenen Jahren wurde öfter über Kryptowährung berichtet, da habe ich mich verleiten lassen. Weil ich ja auch nur mit einem geringen Betrag eingestiegen bin, war das auch nicht so kritisch."

Am Ende hat er aber den Inhalt seines Wertpapierdepots verloren und damit auch den eigentlich stetigen Ertrag daraus. Schmied hat zwar noch andere Geldanlagen: "Aber ich bin jetzt mit meiner Rente an einem Punkt, wo ich mir über Anschaffungen Gedanken machen muss, weil das Geld dafür nicht da ist." Er möchte andere Menschen, die für ein solches Investment gar einen Kredit aufnehmen würden, warnen.

Täter agieren beim Investmentbetrug professionell

Wahrscheinlich gibt es weder Anne Foster, noch Alexander Waser, noch David Norman wirklich. Wahrscheinlich sind das alles falsche Namen von Leuten, die überall sitzen könnten. Nicht unbedingt in Großbritannien.

Denn es ist laut Polizei technisch nicht sehr schwierig, die eigene Telefonnummer für eine andere auszugeben: "Das nennen wir Spoofing. Die können auch so tun, als würden sie von unserer Nummer hier aus dem Präsidium anrufen", sagt Marc Fleischmann.

Die Ermittlungen zum Cybertrading-Betrug seien daher auch schwierig: "Das ist sehr technisch und die Täter sind professionell. Es ist generell komplex, Zahlungen nachzuverfolgen." Denn die Täter würden Geld weiter überweisen, Beträge splitten, das sei eine kleinteilige Arbeit für die Polizei.

Weitere Opfer sollen sich melden

Hermann Schmied hat trotzdem Hoffnung: "Wenn die Kriminalpolizei es fertig bringen würde, den Tätern das Handwerk zu legen, das ist mein größtes Interesse. Der nächste Punkt ist, von dem Geld etwas zurückzubekommen."

Marc Fleischmann kann nicht sagen, wie groß die Aufklärungsquote beim Investmentbetrug im Internet ist. Und er möchte den Tätern diese Infos auch nicht an die Hand geben. "Aber meine Kollegen sind täglich mit diesen Fällen konfrontiert und stellen definitiv einen Anstieg fest."

Deshalb hofft die Polizei, dass die Menschen in der Region Trier sensibler für die Betrugsmasche im Internet werden. Und dass sich Opfer, die bisher vielleicht noch gar nicht bemerkt hatten, dass sie Opfer sind, bald bei der Kripo melden.

*Name von der Redaktion geändert

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