"Es ist wie in einem Film", erinnert sich Christopher Jutz von der Polizei Bitburg an den tödlichen Unfall im vergangenen Mai. "Man macht, was man gelernt hat, spult die Sachen ab, und erst im Nachgang realisiert man, was da alles passiert ist."
Die Rede ist von einem Einsatz bei einem tödlichen Falschfahrerunfall auf der A60, für den Jutz jetzt von der Polizei Trier geehrt wurde - ein Einsatz, der ihm heute immer noch nahegeht.
Polizist erinnert sich an den Unfall
Es ist dunkel auf der Autobahn A60, als Polizist Jutz damals als Erster bei der Unfallstelle eintrifft. Er und drei weitere Beamte wurden dorthin geschickt, weil ein Auto mit einem Falschfahrer zusammengeprallt sei.
"Man sieht erst ein Fahrzeug, im weiteren Verlauf ein Trümmerfeld über geschätzte 100 Meter. Sieht ein weiteres Fahrzeug in der Dunkelheit liegen, läuft hin, stellt fest: Da liegt schon eine Person, die von einem Ersthelfer betreut wird", erinnert sich Jutz.
Der Polizist ist sichtlich nervös, als er die Ereignisse von damals rekapituliert. Er knetet seine Hände, als er spricht. Diese Nacht wieder zu durchleben, das macht etwas mit ihm.
Und dennoch fährt er mit fester Stimme fort: "Dann stellt man fest: Weitere Personen sind im Fahrzeug noch eingeschlossen, weiß gleichzeitig auch: Man hat keine Zeit mehr zu warten, bis eine Feuerwehr kommt oder ein Rettungsdienst." Also handelt er - tut, was er gelernt hat.
Jutz und Partner versuchen Fahrerin zu retten
Jutz klettert auf das umgekippte und völlig zerstörte Auto, drückt die Tür auf und befreit die Beifahrerin. Mit seinem Streifenpartner versucht er dann, die leblose Fahrerin zu retten - sie ist im Fußbereich eingeklemmt. Er lässt seinen Streifenpartner durch die Beifahrertür kopfüber ins Auto herab, um die Fahrerin herauszuziehen. Doch es klappt nicht.
Erst mit der Hilfe weiterer Kollegen schaffen sie es, indem sie das Auto zurück auf die Reifen stoßen. Drei Polizisten reanimieren die Fahrerin im Wechsel, bis der erste Rettungswagen endlich eintrifft. "Das war gut für uns, weil wir wieder eine gewisse Unterstützung hatten. Wir standen da mit einem Streifenwagen, der nicht dafür ausgestattet war", sagt Jutz.
Drei Minuten fühlen sich wie eine Stunde an.
Wie viel Zeit tatsächlich vergangen ist, bis der Rettungswagen da war, kann Jutz rückblickend nicht mehr sagen. "Da denkt man eher, eine Stunde ist schon vergangen, aber eigentlich waren es erst drei Minuten."
Die Rettungskräfte bringen die drei Frauen schwer verletzt ins Krankenhaus. Die Fahrerin stirbt dort, eine Mitfahrerin muss notoperiert werden. Der Falschfahrer, der den Unfall verursachte - ein betrunkener US-Soldat -, ist leicht verletzt. Er wurde mittlerweile zu mehreren Jahren Haft verurteilt.
US-Soldat der Air Base Spangdahlem angeklagt Tödlicher Falschfahrer-Unfall in der Eifel: Angeklagter hatte getrunken
Warum starb im Mai eine Autofahrerin auf der A60 bei Landscheid? Das klärt seit Dienstag das Landgericht Trier. Der angeklagte US-Soldat entschuldigte sich am ersten Prozesstag.
Einsatz beschäftigt Jutz noch immer
Der Einsatz ist jetzt fast zehn Monate her. Richtig losgelassen hat er Christopher Jutz aber immer noch nicht: "Wenn man nochmal an die Sache zurückdenkt, macht das immer noch was mit einem. Weil es eben kein alltäglicher Einsatz ist, bei dem man nur seine Polizeiarbeit macht."
Auch ein Polizeibeamter ist nur ein Mensch.
"Es wühlt einen dann - auch jetzt im Gespräch - innerlich noch sehr auf. Es lässt einen eben nicht kalt. Auch ein Polizeibeamter ist nur ein Mensch", sagt er. Um den Einsatz zu verarbeiten, habe es ihm viel geholfen, mit seinen Kollegen darüber zu reden. Innerhalb der Polizei gibt es zudem einen Polizeiseelsorger und soziale Ansprechpartner.
Dankbar für Ehrung der Polizei Trier
Gerade weil ihn der Fall heute noch immer mitnimmt, hat Jutz lange überlegt, ob er zur Ehrung kommen soll oder nicht. "Man will nicht, dass die Umstände des Unfalls in den Hintergrund gelangen. Es ist ein dramatisches Ereignis gewesen für die eingesetzten Beamten, die Feuerwehren - egal für wen, auch die Hinterbliebenen und die Personen, die die Sache überlebt haben", erklärt er seine Unsicherheit.
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Letztlich hat er sich aber dafür entschieden, zur Ehrung zu kommen. Auch stellvertretend für seine Kollegen, die mit ihm im Einsatz waren. Und einfach, weil er sich trotz allem über diese Anerkennung freut: "Man weiß, man hat seinen Job gemacht, weiß, man hat alles gegeben. Und schlussendlich ist es natürlich immer schön, wenn man dafür den Dank erfährt."