Neue Studie zur Artenvielfalt

Triers geheime Krabbelwelt: Wie Studierende nach Insekten suchen

Zwei Wochen lang sind Studierende mit Tüchern durch Trierer Wälder und Wiesen gezogen. Ihr Ziel: unsichtbare Spuren von Insekten finden. Ohne sie zu fangen oder zu töten.

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Von Autor/in Christian Altmayer

Die Kenner Flur am frühen Morgen. Gerade erst ist die Sonne über der Moselaue bei Trier aufgegangen. Da ist die Tierwelt schon längst wach. Überall zirpt und knackt es in den Feldern. Hier hüpft eine Heuschrecke, dort krabbelt ein Käfer.

Doch um zu bestimmen, welche Tiere hier genau leben, mussten zwei Studentinnen der Universität Trier heute früh aufstehen. Mit einem Rucksack ausgerüstet und immer dem Handy nach, stapfen sie durch das Naturschutzgebiet.

Proben ziehen mit weißen Tüchern

An einem scheinbar willkürlichen Punkt an einem Feldweg bleiben sie stehen. Bao Thien An zückt einen Bambusstock, ihre Kommilitonin Anne Klein sprüht ihn mit destilliertem Wasser ein.

Keine neue Trendsportart, sondern Wissenschaft: Mit einem weißen Tuch an einem Bambusstock sucht die Studentin Bao Tien An nach Insekten auf der Kenner Flur.
Keine neue Trendsportart, sondern Wissenschaft: Mit einem weißen Tuch an einem Bambusstock sucht die Studentin Bao Tien An nach Insekten auf der Kenner Flur. Christian Altmayer

"Der Stock muss sauber sein, damit die Proben nicht verunreinigt werden", erklärt sie und befestigt mit Kabelbindern ein weißes Tuch an dem Stock. Und mit dieser selbst gebauten Fahne streicht Bao Thien An dann über die Pflanzen am Wegesrand.

Insekten hinterlassen unsichtbare Spuren

Was aussieht wie ein kurioser Trend aus dem Internet, ist eine neue Methode, um Insekten zu bestimmen. Wenn die Studentin mit dem feuchten Tuch durch die Wiese fährt, bleibt sogenannte Umwelt-DNA daran haften.

Auch beim Eintüten der Tücher muss Studentin Anne Klein vorsichtig sein, damit die Umwelt-DNA nicht kontaminiert wird.
Auch beim Eintüten der Tücher muss Studentin Anne Klein vorsichtig sein, damit die Umwelt-DNA nicht kontaminiert wird. Christian Altmayer

Das sind Spuren, die Insekten in der Natur hinterlassen. Der Speichel einer Ameise, die ein Blatt angeknabbert hat, zum Beispiel. Oder der Panzer eines Käfers nach der Häutung. "Da ist so viel genetisches Material, das wir nicht sehen können. Das ist unsichtbar für das menschliche Auge", erklärt Anne Klein.

Diese Umwelt-DNA gibt einen Überblick darüber, welche Insekten sich in den vergangenen Wochen in einem Gebiet aufgehalten haben. Bis zu 100 Arten könnten das etwa in der Kenner Flur sein. En weiterer Vorteil der Methode ist, dass man keines der Tierchen töten muss. Anders als mit herkömmlichen Insektenfallen.

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Studentin: "Man wird schon komisch angeguckt"

Zwölf Teams waren zwei Wochen lang in der Stadt unterwegs, um insgesamt 1.000 Proben aus den unterschiedlichsten Gegenden zusammenzutragen. Und dabei kommt man ganz schön herum.

Geschafft: Die Studentinnen haben wieder eine Probe eingesackt und damit neues Material zum Forschen.
Geschafft: Die Studentinnen haben wieder eine Probe eingesackt und damit neues Material zum Forschen. Christian Altmayer

"Wir waren ein bisschen im Wald, in Feuchtgebieten, aber auch in den urbanen Räumen und in Vorgärten", erzählt Anne Klein: "Wir mussten auch bei Leuten klingeln, um an die Flächen heranzukommen."

Nicht alle Bürger hätten dabei verständnisvoll reagiert. "Manche haben schon komisch geguckt", erinnert sich Klein. Ein Anwohner habe sogar gedroht, die Polizei zu rufen.

Bei der Arbeit ist Vorsicht geboten

Weitere Herausforderung bei der Arbeit: der Wind und die eigene Tollpatschigkeit, sagt die Studentin Bao Tien An: "Wenn das Tuch auf den Boden fällt, zerreißt oder an unsere Körper drankommt, ist es kontaminiert." Und dann heißt es: Alles noch mal von vorne machen.

"Wir hatten neulich ein Tuch schon fertig aufgerollt auf den Stock. Und dann ist es auf den Boden gefallen und dann mussten wir alle Schritte wiederholen. Und gerade so spät am Nachmittag, hat uns das schon ziemlich mitgenommen", erzählt die Studentin. Aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft!

Forscher rechnet mit etwa fünf Prozent Ausschuss

Der Geoinformatiker Marvin Bock ist jedenfalls froh, dass seine Studierenden so gewissenhaft bei der Sache sind. Sein erster Eindruck von den Proben ist gut, auch wenn er einkalkuliert, dass etwa fünf Prozent nicht verwertbar sind.

Der Geoinformatiker Marvin Bock schreibt seine Doktorarbeit über die Studie zur Artenvielfalt in Trier.
Der Geoinformatiker Marvin Bock schreibt seine Doktorarbeit über die Studie zur Artenvielfalt in Trier. Christian Altmayer

Mit der großen Studie wollen er und seine Kollegen die Artenvielfalt in Trier zum ersten Mal systematisch erfassen. Was in so großem Stil noch nie gemacht wurde, wie Bock sagt: "Für uns ist interessant, wie sich die Biodiversität über den Stadtraum verteilt. Wo kommt der eine Käfer vor und der andere dafür nicht und was sind die Gründe dafür?"

Barrierefreiheit: auch für Käfer!

Diese Informationen helfen zu verstehen, wo es Insekten in Trier besonders schwer haben und wo es Barrieren gibt, die Tiere nicht überwinden können.

Marvin Bock nennt ein Beispiel: "Für einen Laufkäfer könnte eine vierspurige Straße schon eine Schwierigkeit sein. Da traue ich mich selbst kaum rüber. Aber so ein Käfer schafft es da ganz sicher nicht lebend."

Was dem Laufkäfer helfen könnte: ein sogenannter Stepstone – auf Deutsch: Trittstein. Das könnte etwa ein Grünstreifen sein, über den der Käfer laufen kann, um die Straße zu überqueren. Eine vergleichsweise günstige Maßnahme, um die Biodiversität in der Stadt zu verbessern. "Die Ergebnisse der Studie können also auch für die Stadtplanung interessant werden", glaubt Bock.

Rund 1.000 Proben sind im Labor an der Universität Trier zusammengekommen. Es wird nun Monate dauern, sie auszuwerten.
Rund 1.000 Proben sind im Labor an der Universität Trier zusammengekommen. Es wird Monate dauern, sie auszuwerten. Christian Altmayer

Ergebnisse liegen frühestens im November vor

Vorliegen werden sie wohl frühestens im November. Erstmal müssen die 1.000 Tücher abgespült, das Material gefiltert und untersucht werden. Das braucht Zeit.

Wenn die Daten so umfangreich sind, wie die Wissenschaftler erwarten, könnten vielleicht auch in anderen Regionen bald viele weiße Fahnen zu sehen sein.

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Autor/in
Christian Altmayer
Foto von Christian Altmayer, Redakteur bei SWR Aktuell im Studio Trier

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