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Altern als Krankheit? – Medikamente für ein langes Leben

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Stand

Von Autor/in Michael Lange

In den letzten Jahrzehnten ist die Lebenserwartung des Menschen deutlich gewachsen. Die wichtigsten Faktoren, die das Altern insgesamt verzögert haben:

  • gute medizinische Versorgung
  • weniger schwere Arbeit
  • gesündere Lebensweise

Und jeder Einzelne kann etwas dafür tun, um länger jung zu bleiben:

  • gesunde Ernährung
  • ausreichend Schlaf
  • regelmäßige Bewegung

Doch statt selbst etwas für die Gesundheit zu tun, vertrauen viele lieber auf Pillen und Pülverchen – Vitamine, Hormone oder Substanzen, die in Rotwein enthalten sind. Dabei konnte keine der verschiedenen Substanzen, die man in Apotheken oder aus fragwürdigen Quellen erhalten kann, in größeren klinischen Studien überzeugen.

Schutz vor Alterskrankheiten

Der Kampf gegen die Folgen des Alterns ist längst zum Ziel für die seriöse Medizin geworden. Denn wer das Altern bremst, schützt sich damit vor Alzheimer, Parkinson, Herzkrankheiten, Diabetes oder Krebs. Alternsforscher haben diesen typischen Alterskrankheiten den Kampf angesagt.

Kalorienrestriktion: Hungern verlängert Leben von Mäusen und Taufliegen

In Tierversuchen haben Forscher längst ein einfaches Rezept gegen das Altern entdeckt: Taufliegen, Mäuse, Ratten oder Hunde, die weniger essen, als sie es ohne Einschränkung täten, leben länger. Was bei Mäusen und Taufliegen wirkt, lässt sich jedoch nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen. Wer für die Gesundheit hungert, sollte auf jeden Fall darauf achten, dass keine Mangelerscheinungen auftreten.

Rapamycin: verlangsamt das Altern – und hemmt das Immunsystem

Wissenschaftler suchen nun nach Stoffen, die die gleiche Wirkung haben wie das Hungern. Eine im Labor besonders vielversprechende Substanz heißt Rapamycin. 

Doch leider verlangsamt Rapamycin nicht nur das Altern, es hemmt auch das Immunsystem: Das Medikament verhindert die Abstoßung transplantierter Organe, schwächt aber auch die Abwehr gegen Infektionskrankheiten. Forschungsinstitute und Pharmafirmen suchen deshalb nach Alternativen zu Rapamycin.

Hoffnungsträger Stammzellen-Forschung

Ein Hoffnungsträger ist außerdem die Stammzellen-Forschung. So ist es bereits 2006 gelungen, gealterte Körperzellen im Labor so zu verjüngen, dass sie zu vielseitigen Stammzellen wurden. Mit verschiedenen genetischen oder biochemischen Faktoren können Forscher reife Körperzellen so umsteuern, dass sie die Fähigkeiten junger oder sogar embryonaler Zellen aufweisen. Zellen lassen sich also verjüngen. Aber es ist ein Unterschied, ob man einzelne Zellen verjüngen will – oder einen ganzen Organismus.

Altersuhr: Wie man das biologische Alter exakt bestimmen kann

Doch wie lässt sich überhaupt feststellen, ob eine Verjüngung tatsächlich stattgefunden hat? Um Verjüngung nachzuweisen, brauchen Wissenschaftler eine Art Altersuhr, mit der sie das biologische Alter exakt bestimmen können. Am besten aus einer Blutprobe.  

  • Telomere

Um das Alter von Zellen zu messen, bestimmen Wissenschaftler seit über 20 Jahren die Länge sogenannter Telomere. Diese befinden sich an den Enden der Chromosomen, wie kleine Schutzkappen – ähnlich den Plastikringen am Ende von Schnürsenkeln. Jedes Mal, wenn sich eine Zelle teilt, werden die Telomere etwas kürzer, bis sie schließlich ganz verschwunden sind.

Die Nobelpreisträgerin Professor Elizabeth Blackburn, Präsidentin des Salk-Institutes in Kalifornien, hat die Telomere jahrzehntelang erforscht. Die Wissenschaftlerin nutzt die Telomere als Messfühler. Sie misst ihre Länge, bestimmt so das Alter der Zellen und zieht Rückschlüsse auf die Gesundheit. Aber die Interpretation ist schwierig. Die Länge der Telomere gibt Hinweise auf das biologische Alter eines Menschen. Doch die Aussagekraft ist begrenzt.

  • Horvath-Uhr

Eine neue, verlässlichere, aber auch kompliziertere Uhr hat der aus Deutschland stammende Bioinformatiker Steve Horvath entwickelt. Er lehrt als Professor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Steve Horvath hat sich kleine Schalter auf dem Erbmolekül DNA angeschaut. Diese sogenannten Methylgruppen sind Teil der Epigenetik. Das heißt: Sie steuern die Aktivität der Gene. Das Muster der Schalter verändert sich mit den Lebensjahren, wie eine Art Alters-Programm. Steve Horvath kann daran ablesen, wie alt ein Mensch ist.

Zunächst war die neue Altersuhr umstritten, inzwischen wird sie von mehreren Arbeitsgruppen auf der ganzen Welt eingesetzt und wird „Horvath-Uhr“ genannt.

Die Uhr bestimmt dabei nicht die Zeit, die seit der Geburt vergangen ist. Sie ermittelt vielmehr das biologische Alter. Das bedeutet: Sie kann messen, wie wir altern – und eventuell, wie wir uns verjüngen.

Verlangsamung des Alterns verhindert Krankheiten nicht

Wer das Altern verlangsamt, verhindert jedoch keinesfalls Krankheiten, die mit dem Alter gehäuft auftreten. Im Gegenteil. Heute leben mehr Menschen über 80 Jahre als je zuvor, und mit ihnen steigt die Zahl der Patienten, die unter typischen Alterskrankheiten leiden.

So sind in Deutschland insgesamt 1,7 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, und jedes Jahr werden es etwa 40.000 mehr. Wenn die Lebenserwartung weiter steigt, wird sich die Zahl der Betroffenen in 30 Jahren verdoppeln, schätzt die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft. Langsames Altern führt also zu höherer Lebenserwartung und gleichzeitig zu einem erhöhten Risiko für Demenz. Das gilt auch für viele andere Krankheiten, deren Häufigkeit mit dem Alter ansteigt.

Altern als natürlichen Prozess begreifen

Professor Jürgen Bauer vom Geriatrischen Zentrum der Universität Heidelberg mahnt die Grundlagenforscher zu mehr Zurückhaltung. Denn wenn sich z.B. das Diabetes-Medikament Metformin in einer neuen Studie namens „TAME“ – „Targeting Aging with Metformin“ als wirksame und verträgliche Pille gegen das Altern erweist, hätte das zahlreiche Konsequenzen für unseren persönlichen Umgang mit dem Altern und für die Gesellschaft, warnt Jürgen Bauer.

Bauer hat eine andere Zukunftsvision: Er entwickelt Methoden, die ältere Menschen dabei unterstützen, mit dem Alter umzugehen. Dazu hat er am Geriatrischen Zentrum der Universität Heidelberg Bewegungsprogramme entwickelt. Hier trainieren Senioren in Gruppen, die sich regelmäßig treffen – auch an speziell für sie entwickelten Fitness-Geräten.

Mehr Bewegung brauchen eigentlich alle Altersgruppen, gibt Jürgen Bauer zu bedenken. Für Menschen über 70 sind bestimmte Übungen überlebenswichtig.

Der Traum von der Unsterblichkeit

Hinter dem Wunsch, sehr alt zu werden, steht das Streben nach Unsterblichkeit. Ein Menschheitstraum, den auch die besten Medikamente nicht verwirklichen können.

Wir wollen der Vergänglichkeit ausweichen, wollen uns nicht mit dem eigenen Sterben und dem eigenen Tod befassen. Wir fürchten den Kontrollverlust. Aber absolute Kontrolle über unser Leben haben wir nie. Und wir erhalten sie auch nicht über strikte gesunde Ernährung, täglichen Sport und schon gar nicht über eine Pille.

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Autor/in
Michael Lange
Onlinefassung
Candy Sauer