Kleist-Neuinszenierung am Theater Freiburg

Der zerbrochne Krug - Viel gewollt, wenig erreicht

Regisseurin Yana Eva Thönnes bringt das Stück von Kleist als feministisches Theater auf die Freiburger Bühne und verlegt es vom Gerichtssaal in das Schlafzimmer von Eve. Die Idee ist gut, die Umsetzung schwer verständlich.

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Stand

Von Autor/in Chris Libuda

Die Frage nach dem Warum

Eve hat ihre Freundinnen zur Pyjama-Party geladen. Von Anfang an übernimmt die junge Frau, die im Originaltext bei Kleist kaum zu Wort kommt, selbstbewusst die Regie, die Freundinnen sollen die Rollen aus dem Schauspiel übernehmen.

Auf dem Shirt einer Spielerin steht „Swan Lake“; aber eine andere tanzt als Ballerina über die Bühne; Laura Palacios soll den Part des Richters Adam übernehmen und trägt ein rosa Negligé. Sehr unpassend für die Richterrolle, warum trägt sie das?

Achtung, Spoiler: Wenn man anfängt, sich die nach Frage nach dem „Warum“ zu stellen, kann man den ganzen Abend nicht mehr damit aufhören.

Eve (Jorid Lukaczik) und ihre Freundinnen Käthe, Sophia und Chloe
Eve (Jorid Lukaczik) und ihre Freundinnen Käthe, Sophia und Chloe. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Kleists Stoff stammt von Anfang des 19. Jahrhunderts

Kleist hat mit poetischer Kraft das Stück über die Gerichtsverhandlung Anfang des 19. Jahrhundert geschrieben. Die Mutter, gespielt von Anja Schweitzer, klagt an: Wer hat sich nachts in die Kammer von Eve geschlichen?

Nicht der Verlobte Ruprecht war es, sondern Richter Adam. Der windet sich und wird zur Karikatur seiner selbst. So entlarvt Kleist im Original unterhaltsam das Machtgefüge.

Ratlosigkeit an vielen Stellen

Nun also der feministische Ansatz: Eve soll sich selbst ermächtigen, auf der Bühne mit dem Bett aus weißen Rüschen und Satin, auf dem rumgehopst wird und unter dem sich die Akteurinnen immer mal wieder verkriechen, wenn sie sich nicht in die weißen Riesen-Teddys am Rand der Bühne fallen lassen.

Hinter Schlafgemach und Tüllvorhang rieselt den ganzen Abend lang Schnee vom Himmel, man fragt sich wieder: warum? Und: Warum zählt Hale Richter alias Ruprecht auf der Bühne bis 100 oder noch weiter, wie beim kindlichen Versteckspiel, wo wir doch im Schlafzimmer von offensichtlich erwachsenen Frauen sind?

Eve hat ihren Freundinnen zu einer Pyjama-Party eingeladen
Eve hat ihren Freundinnen zu einer Pyjama-Party eingeladen.Traut sie sich, ihren Freundinnen zu erzählen, was passiert ist? Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Man kann kaum folgen

Eines glaubt man zu verstehen: Es gibt keinen Krug, der zerbrochen wurde. Stattdessen werden die Teddybären über die Bühne geschleift, offensichtlich ein Symbol für eine verlorene Kindheit.

Fragen über Fragen, aber das Wichtigste ist: Wie soll man dem ganzen Theater inhaltlich folgen können?

Wir sehen Schauspielende – die in mädchenhafter Nachtkleidung Schauspieler spielen, die in einem Gerichtssaal agieren sollen, um dann immer mal wieder zu jungen Frauen oder Mädchen zu werden – mindestens ein Twist zu viel.

Jana Baldovino spielt Eves Freundin Chloe, Schreiber Licht und Frau Brigitte
Jana Baldovino spielt Eves Freundin Chloe, Schreiber Licht und Frau Brigitte in „Der zerbrochne Krug“ am Theater Freiburg. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Zerstückelung des Originals bis zur Unkenntlichkeit

Der Text von Kleist wird bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt und verliert seine Kraft. Das Schlafzimmer bleibt durchgehend die Kulisse, auch das Bühnenbild hilft nicht weiter. Noch dazu sind die Akteurinnen mit drahtlosen Mikrophonen ausgestattet und sind immer wieder, auch akustisch, nur schwer zu verstehen.

Vielleicht wollte die Regisseurin auch gar nicht, dass man zu viel versteht. Vielleicht reicht es ja, wenn man sich eine Bedrohung vermittelt, das unterstreichen die Lichteffekte, die immer greller werden und der immer härter werdende Sound.

Das Ensemble „Der zerbrochne Krug“
Der zerbrochne Krug, Ensemble. Pressestelle Theater Freiburg | Philip Frowein

Gute Idee, schlechte Umsetzung

Zum Schluss hat Eve den Richter in die Ecke gedrängt und ist ihm plötzlich überlegen. Auch das unterscheidet sich vom Original, denn in der Vorlage gewinnt die Obrigkeit. Die Regisseurin verteilt Blumen, das Publikum verlässt ratlos den Saal.

Die Idee, den Kleistschen Stoff feministisch zu übersetzen ist gut und wichtig, in der Umsetzung ist die Inszenierung aber leider in fast jeder Hinsicht schwer verständlich.

Am besten bedient ist man vielleicht, wenn man es so macht wie die Abiturientinnen und Abiturienten im Land („Der zerbrochene Krug“ ist nämlich Pflichtlektüre): Erst Kleist lesen und verstehen und dann ins Freiburger Theater gehen. Die Inszenierung wird sicher für reichlich Gesprächsstoff sorgen.

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Chris Libuda