Der heruntergekommenen Kleinstadt winkt eine Milliardenspende
In einer typischen Mehrzweckhalle mit einem Turnhallenboden für die Sportvereine und einer Bühne für die Stadtmusik, versammelt sich die Gemeinde Güllen. Die Bürgermeisterin spricht:
Ich habe die Ehre, bekannt zu geben, dass Frau Claire Zachanassian beabsichtigt, uns eine Milliarde zu schenken!
In Güllen ist Claire Zachanassian als Klara Wäscher aufgewachsen. Mit 17 wurde sie von Alfred Ill schwanger. Der damals 20-Jährige bestritt die Vaterschaft. Das Mädchen wurde aus dem Ort vertrieben. Ihr Kind wurde ihr weggenommen. Als „alte Dame“ und Milliardärin kehrt sie nun dorthin zurück, will der heruntergekommenen Kleinstadt viel Geld schenken. Aber nur, wenn Ill getötet wird.
Entsteht durch Rache Gerechtigkeit?
Güllen lässt sich kaufen. Sofort wird materieller Wohlstand angehäuft. So ziehen in das traditionelle holzvertäfelte Schweizer Bahnhofsrestaurant von Güllen eine mexikanische Fastfood-Kette und ein Sushi-Laden ein. Und: Claire Zachanassian bekommt, was sie will. Den Tod von Ill.
Entsteht durch Rache Gerechtigkeit? Was passiert, wenn Geld, Habgier und Korruption das Geschehen bestimmen? Diese Fragen, die Dürrenmatt mit dieser „tragischen Komödie“ stellte, sind für Regisseurin Barbara-David Brüesch brandaktuell. In der derzeitigen politischen Lagen müsse sich Europa, aber auch die Schweiz, anbiedern und werfe dabei viele Werte über den Haufen, um den derzeitigen Wohlstand zu erreichen.
„Man opfert Einzelne für den Reichtum der anderen. Bringt man dieses Opfer, dass alle davon profitieren und wir einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben? Diese Fragen sind so virulent, dass ich dachte, es ist die Stunde dieses Textes“, so die Regisseurin.
Nur ein Traum der gedemütigten 17-Jährigen?
Bei all der Gesellschaftskritik, die hier mitschwingt, legt Barbara-David Brüesch den Fokus ihrer Inszenierung aber auf das Schicksal von Claire Zachanassian.
Dabei stellt sie eine spannende Frage: Ist das Leben von Claire, nachdem sie aus Güllen vertrieben wurde, nur eine Vision der gedemütigten Klara? Ist es ihr Traum, dass sie als Milliardärin zurückgehrt und sich rächt? Eine obdachlose junge Frau, die am Bahnhof von Güllen liegt, ist wohl im Stück die Antwort darauf.
Wer trifft im richtigen Leben schon einen Milliardär?
„Wir erzählen wie eine Parallelgeschichte auch das Leben der jungen Claire“, erklärt Barbara-David Brüesch. „Und das Ende wird bei uns ein anderes sein, weil es im Ursprung ja eine Art ‚Pretty Women‘-Geschichte ist.“
Wer treffe schon einen Milliardär wie Zachanassian im richtigen Leben, fragt die Regisseurin. „Ich glaube, die Realität von Frauen, die diese Geschichte erlebt haben, ist meistens eine andere. Denn selten ist dann jemand bei einem Milliardär gelandet.“
Ein Dürrenmatt im Schweizer Dialekt
Der Text wurde nun von Dramaturg Martin Bieri in eine neue Schweizer Mundartfassung umgeschrieben. Dürrenmatt selbst erlebte 1973 eine Inszenierung seiner „Alten Dame“ in Mundart.
In Martin Bieris Bühnenfassung sprechen die Schauspielerinnen und Schauspieler ihren jeweiligen eigenen Schweizer Dialekt oder auch hochdeutsch. Zudem singt die Güllener Bürgerschaft Schweizer Volklieder – mit deutschen Übertiteln.
Eine Grand Dame des Schweizer Theaters spielt die „alte Dame“
Eine „Grande Dame“ des Schweizer Theaters, Heidi Maria Glössner, spielt Claire Zachanassian. Sie ist 82 Jahre alt und hat schon mal vor elf Jahren die Rolle verkörpert.
Mit ihrer jahrzehntelangen Schauspielerfahrung auf vielen Bühnen ist sie begeistert von dem neuen Zugang zu Dürrenmatts Theaterklassiker: „Das wird etwas ganz Farbiges, das bekommt hier einen ganz anderen Untergrund als die bisherigen Inszenierungen dieses Stückes.“
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