Rotierende Wände und Projektionen
Auf der Drehbühne stehen mehrere schmale, hohe Wände, die langsam rotieren. Eine Schauspielerin rennt um sie herum. Eine andere Darstellerin schaut ihr zu und rezitiert langsam einen Gedichttext von Hilde Domin.
Während beide Schauspielerinnen gemeinsam weiter um die hohen Wände rennen, taucht an den Seiten der Bühne plötzlich eine Projektion des Gedichttextes auf. Handgeschrieben, wie mit weißer Kreide auf einer schwarzen Tafel.
Am Bühnenrand sitzt die Künstlerin Linn Reusse. Was sie auf ihrem Laptop schreibt und assoziativ live zum Geschehen zeichnet, erscheint auf den Seiten und der Rückwand der Bühne. Ganz rechts sitzt die dreiköpfige Band um den Komponisten Christoph Bernewitz.
Bildgewaltige Lyrik auf der Bühne
Dem Theatermacher Marcel Kohler war es wichtig, auf möglichst vielen Ebenen mit den Texten von Hilde Domin umzugehen, sie nicht einfach nur vorzulesen, sondern sie anzuspielen, zu singen, zeichnerisch und musikalisch aufzugreifen.
„Es passiert dauernd etwas: Leute, die Rhönräder fahren, Menschen , die in der Luft hängen und Chöre, die singen. Ich will zeigen, dass Lyrik groß und bildgewaltig sein kann“, sagt Kohler.
Flucht und Neuanfang in Hilde Domins Leben
Neben den Gedichten von Hilde Domin werden auch immer wieder autobiografische Texte eingestreut, Episoden aus dem bewegten Leben der Lyrikerin erzählt. Hilde Domin wurde 1909 in Köln als Hilde Löwenstein in eine liberale, jüdische Familie geboren. Sie studierte in Heidelberg, Köln und Berlin.
1930 hörte sie dort eine Rede Hitlers und war sofort überzeugt, dass er seine menschenverachtenden Gedanken in die Tat umsetzen würde. Sie floh 1932 mit ihrem Mann nach Italien, doch auch dort waren sie nicht lange sicher.
Über England und Kanada fliehen sie in die Dominikanische Republik – erst nach dem Krieg kehren sie nach Deutschland zurück und leben bis zu ihrem Tod in Heidelberg. Diese Erfahrungen der ständigen Angst und Flucht, das Fremdsein und wieder neu anfangen müssen haben Hilde Domin tief geprägt.
Wohin würde man selbst fliehen?
Doch Marcel Kohler wollte mit seinem Theaterabend auch eine Brücke ins Heute und in sein Ensemble schlagen: „Eine Beobachtung, die auch zu der Beschäftigung mit Domin führte, war, dass ich gemerkt habe, dass in meinem Umfeld immer öfter das Thema des Weggehens aufkam: wo würde man denn hingehen, wenn?“
Eine der Schauspielerinnen stammt aus der Ukraine und ist bei dem Angriff Russlands auf ihre Heimat nach Heidelberg geflohen. Während auf der Bühne andere Schauspielerinnen darüber nachdenken, was sie in einen Koffer packen würden, wenn sie plötzlich wegmüssten, sitzt sie bereits mit ihrem Koffer auf der Bühne.
Als Rahmen dieses außergewöhnlichen Theaterabends taucht immer wieder die Stadt Heidelberg auf. Marcel Kohler hatte das Gefühl, dass Domins Gedichte immer noch durch die Stadt wandern. Er möchte das an diesem Abend spürbar machen – mit einer ganz besonderen Form von Theater, die er gerade noch zusammen mit seinem Ensemble erfindet.