Theaterstar zwischen Intensität und Nuancen

Jens Harzer am Berliner Ensemble: „De Profundis“ als Meisterleistung der Bühnenkunst

Allein auf der Bühne, nur Licht und Sprache um ihn herum: Jens Harzer verwandelt Oscar Wildes „De Profundis“ am Berliner Ensemble in einen Abend voller Intensität. Der Iffland-Ring-Träger und „Babylon-Berlin“-Schauspieler zeigt, warum er zu den bedeutendsten Schauspielern des deutschsprachigen Theaters zählt

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Von Autor/in Helen Roth

Ein Mann, ein Text, eine Bühne: Jens Harzer eröffnete am Berliner Ensemble die Saison mit Oscar Wildes „De Profundis“. Allein im Bühnenquader, nur von Licht und Sprache getragen, verwandelte er den Gefängnisbrief in ein intensives Bekenntnis. Die Kritiken sind sich einig: Harzer ist ein fulminantes Debüt am Brecht-Theater gelungen und sprechen von einem „großen Theaterabend“.

Oscar Wildes „De Profundis“: Ein Brief aus der Tiefe

Wilde schrieb „De Profundis“ in den zwei Jahren seiner Haft (1895 - 1897) im Gefängnis von Reading.Verurteilt, weil er sich über Konventionen wegsetzte, Männer liebte und dies nicht versteckte, markiert die Inhaftierung einen Tiefpunkt in seinem Leben. Adressiert ist der Brief „aus der Tiefe“ an seinen ehemaligen Freund und Geliebten Lord Alfred Douglas.

Harzers spielt den an Liebe und Welt Verzweifelten mit nahezu unerhörter Intensität auf engsten Raum. In der bewusst minimalistisch gestalteten Kerkerzelle entfaltet er sein volles Potential: Mit Bedacht setzt Harzer Wort für Wort, so eindringlich, als gingen sie ihm gerade zum ersten Mal durch den Kopf.

Jens Harzer in De Profundis am Berliner Ensemble
Eingezwängt in eine Zelle: Regisseur Oliver Reese und Bühnenbildner Hansjörg Hartung lassen Harzer auf kleinstem Raum agieren. Picture Alliance

Ausgezeichnet mit dem Iffland-Ring

Diese pointierte Präsenz zeichnet Harzer, der 1972 in Wiesbaden geboren wurde, seit Jahren aus. Er ist ein Schauspieler der Zwischentöne, der Räume öffnet, die weit über den Text hinausgehen. Seine Intensität liegt im Detail und in der exakten Dosierung von Stimme, Blick und Bewegung.

Dass er dafür höchste Anerkennung erfährt, zeigt der Iffland-Ring, den er 2019 erhielt, der verstorbene Bruno Ganz hatte dies testamentarisch verfügt. Seit dem 19. Jahrhundert gilt er als wichtigste Auszeichnung für Schauspieler im deutschsprachigen Theater. Doch Harzer trägt ihn nicht als Krönung, sondern als Verpflichtung – wie er selbst immer wieder betont.

Alexander Schallenberg (ehemaliger Kulturminister Österreichs) überreicht Jens Harzer den Iffland-Ring
Alexander Schallenberg, damaliger Kulturminister von Österreich, überreicht 2019 Jens Harzer den Iffland-Ring im Wiener Burgtheater. Die Auszeichnung gilt dem „würdigsten“ Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Picture Alliance

Stationen Harzers Theaterkarriere

Ausgebildet an der Otto-Falckenberg-Schule in München, spielte Harzer an den Münchner Kammerspielen, dem Bayerischen Staatsschauspiel, der Schaubühne Berlin, dem Deutschen Theater Berlin, der Volksbühne sowie den Salzburger Festspielen. Seit 2009 prägte er das Thalia Theater Hamburg, unter anderem in Inszenierungen von Jette Steckel oder Andreas Kriegenburg. 2025 debütierte er am Berliner Ensemble.

Seine Rollen reichen von Shakespeare über Tschechow bis zur Gegenwartsdramatik. Immer sucht er den existenziellen Kern eines Textes. Damit steht er quer zum Zeitgeist: Während viele Bühnenstars auf Sichtbarkeit setzen, vertraut Harzer auf Tiefe und Substanz.

Jens Harzer in 100 seconds to midnight am Thalia Theater Hamburg
Magie und Mathematik: Jens Harzer 2022 bei der Vorpremiere von "100 seconds to midnight" am Thalia Theater Hamburg. Picture Alliance

Film und Fernsehen: Von „Requiem“ bis „Babylon Berlin“

Obwohl Harzers Schwerpunkt immer das Theater geblieben ist, wirkte er gelegentlich auch in Kino- und Fernsehfilmen mit. 2006 spielte er in „Requiem von Hans-Christian Schmid die Rolle eines katholischen Priesters, im gleichen Jahr war er in Bülent Akıncıs „Der Lebensversicherer als lebensmüder Vertreter zu sehen. 2016 übernahm er in Wim Wenders’ Verfilmung von „Die schönen Tage von Aranjuez nach Peter Handke die Rolle des Schriftstellers.

Im Fernsehen war Harzer unter anderem in mehreren Tatort-Filmen, der finalen Episode des „Tatortreinigers sowie in der Serie „Babylon Berlin zu sehen. Ergänzend wirkt er bei Hörspielen und Hörbüchern mit, wodurch sich sein Spiel auf unterschiedlichsten medialen Ebenen zeigt.

Filmaufnahme aus Babylon Berlin, Jens Harzer spielt Dr. Anno Schmidt
Jens Harzer spielt in Babylon Berlin Dr. Anno Schmidt. Harzer verkörpert diese Rolle über alle vier Staffeln hinweg und trägt maßgeblich zur düsteren und komplexen Atmosphäre der Serie bei. Picture Alliance

Privates und Mitgliedschaften

Privat lebt Harzer in Hamburg, ist verheiratet mit der Schauspielerin Marina Galic und hat zwei Kinder. Seit 2013 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (Sektion Darstellende Kunst) sowie der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Würdiger Träger des Iffland-Ringes

„De Profundis“ ist Wildes schonungslose Selbstprüfung. Harzer bringt den Text in die Gegenwart – konzentriert, nuanciert und intensiv, sodass jeder Moment auf der Bühne Gewicht gewinnt. Ein Abend, der verdeutlicht, warum er den Iffland-Ring trägt und als einer der herausragenden Schauspieler des deutschsprachigen Theaters gilt.

Hörspiel Bettie I. Alfred: Meerkatzer – Oder der Kran übers Haus

Die Hörspiel erzählt humorvoll und surreal von der Seelenverwandtschaft zwischen einer jungen Frau und einem alternden Schriftsteller.

Ein schriftstellerisches Sehnsuchtshörspiel von Bettie I. Alfred
Mit: Bettie I. Alfred, Mariana Kunica, Jens Harzer, Axel Grube, Leopold von Verschuer, Cordula Heiland und Jan Christ
Sounddesign und Regie: Die Autorin
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Jens Harzer „verleibt sich Figur und Worte ein, um sie anschließend zu verkörpern“ schärmt SWR Kultur-Redakteurin Ina Beyer von dessen Soloabend am Berliner Ensemble.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Helen Roth
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