Ein Mann, ein Text, eine Bühne: Jens Harzer eröffnete am Berliner Ensemble die Saison mit Oscar Wildes „De Profundis“. Allein im Bühnenquader, nur von Licht und Sprache getragen, verwandelte er den Gefängnisbrief in ein intensives Bekenntnis. Die Kritiken sind sich einig: Harzer ist ein fulminantes Debüt am Brecht-Theater gelungen und sprechen von einem „großen Theaterabend“.
Oscar Wildes „De Profundis“: Ein Brief aus der Tiefe
Wilde schrieb „De Profundis“ in den zwei Jahren seiner Haft (1895 - 1897) im Gefängnis von Reading.Verurteilt, weil er sich über Konventionen wegsetzte, Männer liebte und dies nicht versteckte, markiert die Inhaftierung einen Tiefpunkt in seinem Leben. Adressiert ist der Brief „aus der Tiefe“ an seinen ehemaligen Freund und Geliebten Lord Alfred Douglas.
Harzers spielt den an Liebe und Welt Verzweifelten mit nahezu unerhörter Intensität auf engsten Raum. In der bewusst minimalistisch gestalteten Kerkerzelle entfaltet er sein volles Potential: Mit Bedacht setzt Harzer Wort für Wort, so eindringlich, als gingen sie ihm gerade zum ersten Mal durch den Kopf.
Ausgezeichnet mit dem Iffland-Ring
Diese pointierte Präsenz zeichnet Harzer, der 1972 in Wiesbaden geboren wurde, seit Jahren aus. Er ist ein Schauspieler der Zwischentöne, der Räume öffnet, die weit über den Text hinausgehen. Seine Intensität liegt im Detail und in der exakten Dosierung von Stimme, Blick und Bewegung.
Dass er dafür höchste Anerkennung erfährt, zeigt der Iffland-Ring, den er 2019 erhielt, der verstorbene Bruno Ganz hatte dies testamentarisch verfügt. Seit dem 19. Jahrhundert gilt er als wichtigste Auszeichnung für Schauspieler im deutschsprachigen Theater. Doch Harzer trägt ihn nicht als Krönung, sondern als Verpflichtung – wie er selbst immer wieder betont.
Stationen Harzers Theaterkarriere
Ausgebildet an der Otto-Falckenberg-Schule in München, spielte Harzer an den Münchner Kammerspielen, dem Bayerischen Staatsschauspiel, der Schaubühne Berlin, dem Deutschen Theater Berlin, der Volksbühne sowie den Salzburger Festspielen. Seit 2009 prägte er das Thalia Theater Hamburg, unter anderem in Inszenierungen von Jette Steckel oder Andreas Kriegenburg. 2025 debütierte er am Berliner Ensemble.
Seine Rollen reichen von Shakespeare über Tschechow bis zur Gegenwartsdramatik. Immer sucht er den existenziellen Kern eines Textes. Damit steht er quer zum Zeitgeist: Während viele Bühnenstars auf Sichtbarkeit setzen, vertraut Harzer auf Tiefe und Substanz.
Film und Fernsehen: Von „Requiem“ bis „Babylon Berlin“
Obwohl Harzers Schwerpunkt immer das Theater geblieben ist, wirkte er gelegentlich auch in Kino- und Fernsehfilmen mit. 2006 spielte er in „Requiem“ von Hans-Christian Schmid die Rolle eines katholischen Priesters, im gleichen Jahr war er in Bülent Akıncıs „Der Lebensversicherer“ als lebensmüder Vertreter zu sehen. 2016 übernahm er in Wim Wenders’ Verfilmung von „Die schönen Tage von Aranjuez“ nach Peter Handke die Rolle des Schriftstellers.
Im Fernsehen war Harzer unter anderem in mehreren Tatort-Filmen, der finalen Episode des „Tatortreinigers“ sowie in der Serie „Babylon Berlin“ zu sehen. Ergänzend wirkt er bei Hörspielen und Hörbüchern mit, wodurch sich sein Spiel auf unterschiedlichsten medialen Ebenen zeigt.
Privates und Mitgliedschaften
Privat lebt Harzer in Hamburg, ist verheiratet mit der Schauspielerin Marina Galic und hat zwei Kinder. Seit 2013 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (Sektion Darstellende Kunst) sowie der Freien Akademie der Künste in Hamburg.
Würdiger Träger des Iffland-Ringes
„De Profundis“ ist Wildes schonungslose Selbstprüfung. Harzer bringt den Text in die Gegenwart – konzentriert, nuanciert und intensiv, sodass jeder Moment auf der Bühne Gewicht gewinnt. Ein Abend, der verdeutlicht, warum er den Iffland-Ring trägt und als einer der herausragenden Schauspieler des deutschsprachigen Theaters gilt.