Der 4. Mai 2023 war für Schauspieler Carl Grübel ein schwarzer Tag: Nach einer Abendvorstellung am Staatstheater Mainz wurde er gegen 21.30 Uhr in nächster Nähe des Theaters angegriffen. Ein Unbekannter überzog ihn mit homophoben Beschimpfungen und schlug auf ihn ein.
"Ich hatte total Glück", erzählt Carl Grübel. Ein Ehepaar, das ihn 15 Minuten zuvor auf der Bühne gesehen hatte, erkannte ihn und ging dazwischen. "Das hätte auch ganz anders ausgehen können", sagt er. So blieb es "nur" bei gelockerten Zähnen, einer aufgeplatzten Lippe und einem gewaltigen Schock.
Täter musste noch keine Konsequenzen tragen
Durch die Unterstützung des Theaters und seiner Freunde kam Grübel relativ schnell wieder auf die Beine. Doch was ihm schwer zu schaffen macht: Trotz sofortiger Anzeige gab es bislang noch kein Gerichtsverfahren. Er müsse sich gedulden, heißt es bei den Behörden.
"Das ist total frustrierend", sagt der 25-Jährige. "Ich wünsche mir, dass der Täter spürt: das hat eine Konsequenz nicht nur für die Person, die angegriffen wird, sondern auch für ihn selbst."
Fehlende Gerechtigkeit als künstlerischer Impuls
Schon seit längerem hatte Carl Grübel einen Chanson-Abend in der Kakadu Bar des Theaters geplant. Weil ihn das traumatische Erlebnis nicht loslässt, beschloss er, den homophoben Angriff auf der Bühne zu thematisieren. In "Lippenbekenntnisse" tut er das auf seine ganz persönliche Art: Weder anklagend noch leidend, sondern skurril, humorvoll und gewitzt.
Bei seinem szenischen Liederabend macht Grübel den Angreifer kurzerhand zu seinem Liebhaber. Das Publikum ist zur Hochzeitsfeier eingeladen, mit Luftballons, Geschenken und Torte. Er spielt den enthusiastischen Bräutigam, erzählt Anekdoten und singt Liebeslieder - doch sein Angetrauter ist seltsamerweise nicht dabei.
Liederabend mit völlig neuem Narrativ
Durch die Verdrehung der Rollen tritt Carl Grübel aus der Opfer-Rolle heraus: "Es hat natürlich ganz viel mit Selbstermächtigung zu tun. Ich kann jetzt entscheiden, was ich mit dem Täter mache, wie die Geschichte weitergeht." Dass er ihn als Teil einer superkitschigen Schwulen-Hochzeit präsentiert, sei eine Art "sanfte Rache".
Mal albern, mal ironisch präsentiert Carl Grübel einen musikalisch abwechslungsreichen Abend. Dabei lässt er immer wieder den realen Hintergrund der Geschichte durchscheinen. Zum Beispiel, indem er seinen eigenen Fall aus einer Wikipedia-Liste mit homophoben Angriffen vorliest. Dabei jubelt er: "Das bin ich, das sind wir - wir sind im Internet!“
Doppeldeutige Liedtexte erzeugen mulmiges Gefühl
Bei der Musik-Recherche ist Carl Grübel aufgefallen, dass die Texte vieler Liebeslieder zweideutig sind: Nimmt man sie wörtlich, stecken sie bisweilen voller Gewalt. Eine Ambiguität, die er auf der Bühne ganz bewusst einsetzt - von Britney Spears' "Hit me baby one more time" bis zu Hildegard Knefs "Nichts haut mich um, aber Du".
Für den Liederabend bekomme er viel positives Feedback, sagt Carl Grübel. Zum einen, weil er den Mut hat, seine persönliche Geschichte auf der Bühne zu erzählen. Zum anderen, weil er das Thema unterhaltsam verpackt. Natürlich freut er sich darüber. Wichtig ist ihm aber, dass das Publikum das reale Problem hinter seinem Auftritt begreift.
Es ist zwar zu einem gewissen Teil Phantasie, aber der Kern davon, der ist wirklich passiert. Und der Kern davon ist auch wirklich ein Problem. Da kann man auch noch so viele lustige Lieder singen, am Ende bleibt es das halt.