Wer Richard Wagners Opern auf die Bühne bringt, steht mit einem Fuß an seinem Grab. Man setzt sich mit dem künstlerischen Erbe des vor langer Zeit von uns gegangenen Dichterkomponisten auseinander.
Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe stellt Regisseur Manuel Schmitt auf der Bühne von Julius Theodor Semmelmann Wagners Grabhügel mit der Steinplatte ins Zentrum. Davor spielt sich ein Prozess ab in einem von Kriegsschäden gezeichneten Gerichtsgebäude.
In Manuel Schmitts Lesart ist es ein Streit um die künstlerische Macht vor dem Grabhügel, der für den Herzog bestimmt sein kann, aber eindeutig an den des Komponisten erinnert.
In kriegsgeprägten Zeiten von größter Aktualität
Mit einer berüchtigten Festspielaufführung von 1936 ist der „Lohengrin“ in den Kontext des Führerkults geraten und politisch kontaminiert: Den vom Gral entsandten Lohengrin hat man kurzerhand mit dem Führer überblendet und dem nationalistischen Kriegsgetöse des Stücks affirmativ gehuldigt.
Solches ist in unseren kriegsgeprägten, von Autokraten dominierten Zeiten leider wieder von größter Aktualität. Im Bühnenbild des zweiten Akts wird mit der Domtreppe, dem Burgsöller auf der linken Seite und dem großen Mauerbogen im Hintergrund an die Ausstattung dieser berüchtigten Bayreuther Aufführung erinnert.
Markant gesungener Heerrufer
Der Heerrufer, markant gesungen von Tomohiro Takada, hetzt als Propagandist der Macht die Masse zu König Heinrichs Krieg gegen die Ungarn und drängt Lohengrin seine Führerrolle auf.
Mirko Roschkowski ist der zögerliche Selbstzweifler und für diese Rollendisposition der Regie hat er auch die passende Stimme: kein heldisch auftrumpfender, sondern ein lyrischer Tenor, dem das Reflektierende mehr liegt als das Behauptende.
Hochspannende Sichtweise als Kunst- und Politkrimi
Manuel Schmitt gelingt eine komplexe, zugleich hochreflektierte Deutung des „Lohengrin“ mit starken Bildern, eindringlicher Personen- und Chorregie, eine Tragödie über Kunst und Politik, die gerade dieser Oper des revolutionären Wagners eingeschrieben ist.
Ein „Hier gilt’s der Kunst“ ist mit Wagners Werk kaum zu haben. Konsequent reflektiert diese Inszenierung den Zwiespalt dieser erzromantischen Oper. Ein Theater des erhobenen Zeigefingers ist das nicht, sondern eine hochspannende Sichtweise als Kunst- und Politkrimi.
Elektrisierender Zugriff auf Wagners Partitur
Die Lesart von Georg Fritzsch am Pult der Badischen Staatskapelle ist dazu passgenau. Es ist ein elektrisierender, akzentuierter Zugriff auf Wagners Partitur mit ihrer Spannung zwischen Traum, Intimität und Klangmasse.
Die Dialektik dieses Werks lässt sich eben kaum vermeiden: Die musikalische Schönheit des Klangwunders geht einher mit dem zugleich heraufbeschworenen Nationalpathos, das so missbrauchsanfällig ist.
Die Karlsruher Produktion zeigt das klug durchdacht, lässt es auch hören und damit gelingt ihr ein Meilenstein in der Interpretationsgeschichte dieser heiklen Oper. Genau darin liegt ihre Größe.