Zwischen Stummfilm und Stadtgeschehen

„Metropolis Wiesbaden“ – Sebastian Nübling sprengt die Genregrenzen

Deutschlands berühmtester Stummfilm „Metropolis“ von 1927 spielt in einer damals fernen Zukunft – im Jahr 2026. Regisseur Sebastian Nübling hat für das Staatstheater Wiesbaden zum Jubiläumsjahr eine theatrale Neuinterpretation gewagt.

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Stand

Von Autor/in Mareike Gries

„Alles, was Sie heute Abend hören und sehen, ist live“

Zuerst ist da dieser Blick in den Maschinenraum des Theaters: Per Videoübertragung sehen die Zuschauer in den Orchestergraben. Sie beobachten, wie Mundstücke angefeuchtet und Instrumente gestimmt werden. Dann bewegt sich die Kamera durch die Zuschauerreihen. Auch das ist ein intimer wie profaner Moment.

Die einen Zuschauer grinsen verlegen, andere schauen weg. Eine Frau in der vordersten Reihe ist entweder sehr konzentriert oder schon innerhalb der ersten zehn Minuten eingeschlafen. Dirigent Alejandro Jassán richtet sich ans Publikum: „Alles, was Sie heute Abend hören und sehen ist live.“

„Metropolis“ am Staatstheater Wiesbaden
Die Inszenierung ist ein ungewöhnliches Theaterexperiment. So haben die Wiesbadener ihr Staatstheater und ihre Stadt noch nie erlebt. Pressestelle Max Borchardt

Eine Kamera begleitet das Ensemble durch die Innenstadt

Normalerweise wird das Livemoment im Theater nicht hinterfragt. Dass jetzt zu Beginn der Inszenierung darauf hingewiesen wird, liegt daran, dass die fünf namenlosen Darsteller in ihren schlichten grauen Kostümen nur kurz auf der Bühne stehen.

Bald verlassen sie das Theater und bewegen sich außerhalb. Und das knapp zweieinhalb Stunden lang. Begleitet werden sie von einer Kamera und vom Orchester. Es spielt die Original-Filmmusik, die Komponist Gottfried Huppertz für den Film „Metropolis“ von 1927 schrieb.

Dank Videoübertragung werden die Zuschauer zu Augenzeugen. Sie sehen, wie die drei Männer und zwei Frauen im Gleichschritt durch den Park, die Fußgängerzone, ein Parkhaus und andere Teile der Wiesbadener Innenstadt streifen.

Sie scheinen etwas zu murmeln. Nur selten ist zu hören, was sie tatsächlich sagen. Zum Beispiel, als sie in einem leerstehenden Kaufhaus angelangt sind: „Mit 30,5 Jahren wird die Durchschnittsfrau zum ersten Mal Mutter. Mit 33,3 Jahren wird der Durchschnittsmann zum ersten Mal Vater.“

„Metropolis“ am Staatstheater Wiesbaden
Die fünf Darsteller bewegen sich in der Inszenierung von Sebastian Nübling durch das reale Wiesbaden im Jahr 2026. Pressestelle Max Borchardt

Das reale Jahr 2026 trifft auf die Dystopie aus „Metropolis“

Es sind reale Zahlen vom Statistischen Bundesamt. Seinen Sitz hat diese Behörde in Wiesbaden. In der Stadt also, in der auch das Filmmaterial von Fritz Lang lagert. Langs „Metropolis“ zeigt eine dystopische Großstadt, in der eine große Unterschicht für eine kleine Oberschicht schuften muss.

Der Film spielt in einer fernen Zukunft – im Jahr 2026. Die fünf Darsteller bewegen sich in der Inszenierung von Sebastian Nübling nun durch das reale 2026. Vorbei an Handyshops, Supermärkten und Massagestudios. Sie bewegen sich durch die Passanten hindurch, die immer wieder irritiert stehenbleiben.

Jugendliche kichern, man sieht viele fragende Gesichter. Die Theaterzuschauer aber haben einen Wissensvorsprung und können sich dadurch manches Mal amüsieren. Zum Beispiel als ein Darsteller einen Baustellenzaun überspringt, durch die Baustelle hindurchgeht und plötzlich ein Polizeiauto im Schritttempo neben ihm herfährt und hupend auf sein Fehlverhalten aufmerksam macht.   

„Metropolis“ am Staatstheater Wiesbaden
Eine Wanderung zu verschiedenen Orten der Wiesbadener Innenstadt in Echtzeit. Pressestelle Max Borchardt

Musik von Gottfried Huppertz trifft Sound der Straße

Die Musik von Gottfried Huppertz und der Sound der Straße liegen manchmal übereinander. Mal hört man nur die Musik, mal nur die Straßenatmosphäre. Schnell überträgt sich die Anstrengung des Ensembles in den Zuschauerraum.

Immer wieder hört man schweres Atmen. Die Schauspieler schwitzen, sind sie doch ununterbrochen in Bewegung. Dazu kommt, dass die sehr schnellen Kamerabewegungen bei manch einem Zuschauer zu einem gewissen Unwohlsein führen. Wer schwindelfrei ist, hat es leichter. 

„Metropolis“ am Staatstheater Wiesbaden
Lennart Preining, Sandrine Zenner, Tabea Buser, Adi Hrustemović, Timur Frey im Stück „Metropolis“ am Theater Wiesbaden. Pressestelle Max Borchardt

Beeindruckend, aber anstrengend

Die Inszenierung ist ein ungewöhnliches Theaterexperiment. So haben die Wiesbadener ihr Staatstheater und ihre Stadt noch nie erlebt. Es ist – im Wortsinn – hoch artifiziell. Das ist beeindruckend, aber auch anstrengend.

In einer Zeit, in der wir ohnehin ständig von Bildschirmen umgeben sind, hinterlässt dieser Theaterabend eine Leerstelle. Es fehlt die Nähe zwischen Publikum und Ensemble. Diese Unmittelbarkeit kann eine Filmleinwand auch hundert Jahre nach Fritz Lang nicht ersetzen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Mareike Gries
Mareike Gries, Autorin und Moderatorin bei SWR Kultur
Onlinefassung
Dominic Konrad