„Radikal klassisch“ – unter diesem vielsagenden Motto steht ein neuer Tanzabend der Gauthier Dance Juniors im Stuttgarter Theaterhaus. Mit „Radical Classical“ will die Kompagnie von Choreograph Eric Gauthier zeigen, dass sich zeitgenössischer Tanz und Klassik sehr gut verbinden lassen.
Gauthier Dance will junges Publikum locken
Die Juniortruppe von Gauthier zielt damit besonders auf ein junges Publikum, das so einen leichteren Zugang zu klassischer Musik finden soll. Die meisten Choreographien der Stücke lagen schon vor.
Sie wurden so zusammengestellt, dass sie neben anspruchsvollem zeitgenössischem Tanz auch die große Bandbreite der klassischen Musik zeigen.
So klingen jetzt Wiener Walzer Klänge im Stuttgarter Theaterhaus. Mit den „Frühlingsstimmen“ von Johann Strauss, allerdings ohne die sich im Kreis drehenden Paare.
In schwarzen Glitzer-T-Shirts und kurzen schwarzen Hosen stehen die jungen Tänzer und Tänzerinnen hintereinander. Huschen, schleichen oder rennen dann plötzlich über die Bühne, bilden einen Knäuel aus dem Arme und Beine ragen.
Und die Koloraturen, also den Gesang, der „Frühlingsstimmen“ kommentieren sie gelegentlich mit kleinen Schreien.
Choreograph Andreas Heise kombiniert Klassik mit modernem Tanz
Der Choreograph Andreas Heise arbeitet sehr oft mit klassischer Musik. Dazu zeitgenössischen Tanz zu choreographieren, reizt ihn sehr. Oft beschäftigt sich zuerst mit der Musik.
Wie beim Walzer „Frühlingsstimmen“, in dem es oberflächlich betrachtet um Frühlingsgefühle geht. Hier musste Andreas Heise erstmal einen Zugang finden. Er schildert, dass er erst einmal recherchieren musste, wo die Musik zum Einsatz kam.
„Die Musik von Strauss wurde ja auch genutzt, um politisch zu harmonisieren. Da habe ich ein bisschen an Marionetten gedacht. An maschinenartige Bewegungen, so eine aufgesetzte Heiterkeit“, erklärt Heise.
In seiner Choreographie will er auch der Schwere hinter der Heiterkeit nachspüren.
Eric Gauthier wollte einen Abend nur mit Klassik
Schon lange wollte Eric Gauthier, der Leiter der Gauthier Dance Company, einen Abend wie „Radical Classical“ machen – ausschließlich mit klassischer Musik.
Ich selbst bin ein Fan von Klassik. Aber die neue Generation ist nicht so affin mit Blick auf klassische Musik oder es wird als ein bisschen altbacken gesehen
Eric Gauthier suchte, wie er sagt, „coole“, moderne Tanzstücke zu klassischer Musik aus, um besonders das junge Publikum zu begeistern. Vor den insgesamt sieben Choreographien läuft jeweils ein kurzes Video, das auf die Musik eingeht.
Videos gehen näher auf die Musik ein
Die Kurzfilme über eine Schlagzeugerin, einen Instrumentenbauer oder einen Dirigenten spielen dabei eine wichtige Rolle:
„Diese Filmen erzählen ein uns ein bisschen was über die Musik, die als nächstes kommt, nicht über den Tanz. Die Fokus von diesem Abend ist auf der Musik“, erklärt Gauthier.
In dem Film vor den „Frühlingsstimmen“ spricht beispielsweise die Mezzosopranistin Maria Theresia Ullrich von der Stuttgarter Staatsoper über das Singen.
Sie erzählt, dass sie schon in der Schule wusste, dass sie singen kann. Aber für sie sei es nur ein Spaß gewesen. Dann empfahl ihr der Musiklehrer, Gesangsunterricht zu nehmen.
„Ich antwortete: „Oh mein Gott, ich hasse Opern.“ Und jetzt bin ich Opernsängerin.“, schildert sie. Dann lauscht das Publikum ihrem Gesang.
Marco Goecke zeigt Hommage an Gudrun Schretzmeier
Die einzige Uraufführung des Abends kommt vom Basler Ballettdirektor Marco Goecke. Zu Barockmusik choreographierte er eine Hommage an die kürzlich verstorbene Gudrun Schretzmeier, eine der Mitbegründerinnen des Stuttgarter Theaterhauses.
Schretzmeier, eine herausragende Kostümbildnerin, entwarf auch für Gauthier Dance die Kostüme. Die junge Tänzerin Mathilde Roberge tanzt in Goeckes Hommage „Furia“ – einem Duett – zum Thema Vergänglichkeit.
Goecke Choreografie zur Vergänglichkeit
„Es geht darum, die Zeit einzufangen, die einem einfach davonläuft.“, erzählt Roberge. „Es gibt Wut, Leidenschaft und viele Versuche, sie zu stoppen. Aber die Zeit lässt sich nicht aufhalten.“, so die Tänzerin.
Von der Barockmusik bis zur klassischen Moderne – diese musikalische Spannweite bringt der Tanzabend „Radical Classical“ dem Publikum näher – kombiniert mit zum Teil mitreißenden Choreographien.
Altersbegrenzung könnte Ziel im Weg stehen
Allerdings ist der Abend erst ab 16 Jahren empfohlen, weil in dem Tanzstück „L’Après-midi d’un faune“ sexuelle Inhalte gezeigt werden. Was dem Ansatz von Eric Gauthier möglichst viele junge Menschen für Klassik zu begeistern im Weg stehen dürfte.