Die Lenz ist meistens online. Dann heißt sie KOB_LENZ. Auch, wenn sie wandert. Schwerer Trekkingrucksack auf den Schultern, das Smartphone dabei in der Hand.
An schönen Ausblicken stoppt sie, um los zu senden. KOB_LENZ erhält dann viele Textnachrichten ihrer Follower, wenn sie live geht. Um Natur und zugleich Seelenzustände zu schildern.
Schein-Kommunikation wird auf Vorhänge projiziert
Die Lenz wird von Paula Schindler gespielt. Man folgt ihr fasziniert bei ihrem Debüt am Theater Koblenz – wie sie ihrer Einsamkeit nachspürt, ihr Verrückt-Werden erträgt und besingt.
Vor welcher Welt flieht die weiblich gelesene Lenz in Elisabeth Papes Theaterstück? Regisseurin Marie-Theres Schmidt wirft den ganzen Chat auf Gaze-Vorhänge. Es ist eine Schein-Kommunikation.
Büchners Sound wird beibehalten
Als Gegengewicht gibt es mehr als ein Dutzend lyrische Posts, meist trägt Paula Schindler sie als Song vor. Elisabeth Pape hat die Lenz-Novelle konsequent aus dem Präteritum in unsere Gegenwart geholt und dabei Büchners Sound beibehalten.
Den Sehnsuchts-Stimmen folgt der Absturz, kopfüber fällt die Lenz in eine Leere, die schon Büchner beschrieb. Ihre Follower reden über sie, nicht mit ihr.
Im Bereich der Kommentare unter den Insta-Livestreams geht das ja wunderbar: kurz und knapp aus der Distanz heraus selber Botschaften senden. Echte Hilfen sind sie nicht.
Stimmen im Kopf wie bei Büchner
Das neue Theaterstück von Elisabeth Pape beschreibt Schizophrenie genau. Nicht nur mit dem Vokabular der Wissenschaft. Es geht viel über Gefühle und wie bei Büchner über Stimmen im Kopf.
Bei Büchner nimmt sich ja der Pfarrer Oberlin des Wanderers an. Seine Rolle übernimmt Schauspielerin Jana Gwosdek als: Yoga-Lehrerin, die im Wald zeltet und Ihre eigene digitale Follower-Gemeinde als OH_BERLIN_222 hat.
Sie versorgt sie mit Entspannungsübungen und Sinn-Sprüchen, die zum Glück führen sollen. Dieser Oberlin passt Lenz‘ Ankunft gut ins Geschäftsmodell – die Community lässt sich so vergrößern. Nur der Lenz hilft das alles nichts.
Das echte Leben gibt es nicht im Stream
Das ständige sich spalten und aufteilen zwischen analoger und Online-Existenz geht nicht gut aus. Selbst beim Yoga geht es um Follower, Clicks und Konsum – Das echte Leben gibt’s nicht im Stream.
Elisabeth Papes Stück „Lenz geht live“ ist eine kraftvolle Warnung vor dem Sich-Verlieren.