Haus am Brandenburger Scharmützelsee
Der letzte Schrei der Dinosaurier, die einst dort gelebt haben, wo heute Deutschland liegt, ist Sinnbild für unsere Vergänglichkeit. Ebenso wie ein verrostetes Ortsschild auf der Bühne, mit der Aufschrift Germania.
Von Scheinwerferlicht angestrahlt, wirft es einen bedrohlichen Schatten auf die Bühne und je nachdem wie man darauf schaut, ist vom Wort nur noch ein Bruchstück zu lesen: Mania.
Im Vordergrund das Fundament eines zerstörten Hauses. Das Haus ist der Dreh- und Angelpunkt des Stückes und auch des Romans „Heimsuchung“, der in der idyllischen Landschaft des Brandenburger Scharmützelsees spielt.
100 Jahre deutsche Geschichte komprimiert
„Das Faszinierende an dem Stück und warum das, glaube ich, gerade so häufig gespielt wird: weil es 100 Jahre deutsche Geschichte auf ein Haus in Brandenburg komprimiert“, sagt Regisseur Daniel Schüßler. „Von der Weimarer Republik über das Dritte Reich, die Nachkriegszeit, die russische Besatzungszone, die DDR, bis in die Nachwendezeit hinein.“
Schüßler ist Leiter des Kölner Künstler- und Performanceensembles Analog und inszeniert das Stück jetzt gemeinsam mit drei Kolleginnen und Kollegen an der Badischen Landesbühne Bruchsal. Ihr Ziel ist es, den Roman auch für ein junges Publikum zugänglicher zu machen.
Figuren auf unterschiedliche Weise mit dem Haus verbunden
Wobei das Team schnell gemerkt hat, dass die Romanvorlage doch sehr komplex und umfangreich ist – eine echte Herausforderung. Alle Figuren sind mit dem Haus oder dem Grundstück, auf dem es steht, auf ganz unterschiedliche Art und Weise verbunden.
Beispielsweise der Architekt, der in den 1930er-Jahren das Haus für seine Frau gebaut hat, der Rotarmist, der mit seinen Kameraden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in dem verlassenen Haus für ein paar Tage übernachtet hat oder die Schriftstellerin, die vor den Nationalsozialisten ins Exil nach Moskau geflüchtet ist und später in die noch junge DDR zurückkehrt.
Bilder eines zerfallenen Hauses
Ebenso wie im Roman von Jenny Erpenbeck wird die Geschichte der Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses in der Bühnenadaption in der dritten Person erzählt. Flankiert von kurzen Videosequenzen aus ihrem Leben.
Über die Leinwand auf der Bühne flimmern außerdem in Zeitlupe Bilder des verfallenen Hauses. Ein Lost Place, den sich die Natur zurückgeholt hat.
Stück über die Vergänglichkeit des Lebens
Eine Geschichte, die uns mit ihren ganz unterschiedlichen Figuren und deren Schicksalen immer auch etwas über uns selbst erzählt. Sei es über unsere Vorstellung von Heimat und was es bedeutet, diese zu verlieren und wiederzufinden.
Sei es über die Flüchtigkeit des Lebens, die Vergänglichkeit von materiellem Besitz oder das Verblassen von Erinnerungen. So wie das Stück an der Badischen Landesbühne nun erzählt wird, soll es gleichzeitig auch als Mahnung verstanden werden.
„Wir erzählen es von der Zerstörung rückwärts“, sagt Regisseur Daniel Schüßler. „Das Stück ist eine Mahnung, dass man darauf achten muss, das zu erhalten, was wichtig ist an so einer wehrhaften Demokratie.“