Es ist das Jahr 1947, der Zweite Weltkrieg ist seit zwei Jahren vorbei und der ungarisch-jüdische Bauhaus-Architekt László Tóth wandert in die USA aus. Seine Ehefrau Erzsébet (Felicity Jones) und seine Nichte Zsófia (Raffey Cassidy) lästt er in Europa zurück, während er versucht, auf dem neuen Kontinent wieder in seinem Metier Fuß zu fassen. Die Anfänge im fremden Land gestalten sich aber schwierig.
Durch Zufall bekommt er die Chance, sich als Architekt zu beweisen und seine minimalistische und moderne Denkweise begeistert die Architekturwelt: Er ist der Brutalist.
Doch was zeichnet den Brutalismus aus? Wieso wurde er lange Zeit negativ betrachtet –und erlebt nun eine Renaissance?
Was bedeutet das Wort „Brutalismus“?
Der Begriff Brutalismus leitet sich vom französischen „béton brut“ ab, was wörtlich „roher Beton“ bedeutet. Sichtbeton prägt die Konstruktionen dieser architektonischen Stilrichtung, die ab den 1950er-Jahren ihre Blütezeit erlebte.
Die Bauwerke in diesem Stil wirken massiv und zeichnen sich durch geometrische, oft verschachtelte Formen aus. Die Innenräume sind funktional und auf ihre Nutzung ausgerichtet.
Neben Beton sind auch Stahl, Glas oder Backstein typische Elemente dieser Gebäude und die vielen strukturellen Elemente wie Träger, Treppen, Rohre und Fensterrahmen bleiben bewusst sichtbar.
„Es ist eine durch und durch ehrliche Architektur“, erklärt Oliver Elser, Architekt und Kurator des Deutschen Architekturmuseums.
Der Beton wird bewusst zelebriert und nicht mehr verborgen. Der Brutalismus erwies sich damit als innovativ, da er sich klar von der zuvor dominierenden Architektur abgrenzte, erklärt der Experte: Eine „weiße Moderne“, die häufig verkürzt als „Bauhaus-Architektur“ bezeichnet wird.
Sozialer Aspekt: Zentral im Brutalismus
Die brutalistische Architektur sollte hingegen eine praktische Antwort auf den Wiederaufbau der Städte nach dem Zweiten Weltkrieg und den daraus resultierenden Wohnmangel bieten. Der Brutalismus wurde daher oft für Sozialwohnungen und Gemeindezentren genutzt, da der Stil mit Ideen von Fortschritt und sozialem Wandel verbunden war.
Die „vertikale Stadt“: Eine Wohnsiedlung in Marseille
Der französisch-schweizerische Architekt Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier, gilt als Vorreiter des Brutalismus mit seiner „Unité d'habitation“ – einer Wohnsiedlung in Marseille, die zwischen 1946 und 1952 erbaut wurde.
Dieser Komplex sollte vielen Menschen eine effiziente und funktionale Wohnmöglichkeit bieten. In den Gebäuden sind auch Einrichtungen für den täglichen Bedarf integriert. Die Wohnungen sind oft übereinander gebaut, um mehr Platz zu schaffen. Le Corbusier strebte damit an, eine sogenannte „vertikale Stadt“ zu erschaffen.
Emotionalität von Architektur?
Die Idee von funktionalen Wohnbauten formulierte er dabei bereits lange vor den Konstruktionen in Marseille. In seinem Essay „Vers une architecture“ von 1923 beschreibt er Architektur als etwas, das durch den Einsatz roher Materialien emotionale Bindungen aufbauen könne – der Fokus liegt also auf dem Sozialen.
„L'architecture, c'est avec des matières bruts, établir des rapports émouvants.“
Le Corbusiers Werk: Welterbe der UNESCO
Auch in Berlin ließ Le Corbusier das gleiche Modell wie in der südfranzösischen Stadt aufbauen. Im Berliner Westend steht das sogenannte „Corbusierhaus“.
Genau das war das Ziel des Architekten: eine standardisierte Serienproduktion, die Wirtschaftlichkeit garantierte. Dank der Innovation von Le Corbusier und seinem Beitrag zur Entwicklung der modernen Architektur im 20. Jahrhundert gehört sein architektonisches Werk seit 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Eine Stadt in der Stadt
Brutalistische Gebäude sind weltweit zu finden: in den USA, Kolumbien, Russland, Georgien und vielen weiteren Ländern in Europa.
Und neben Berlin auch in vielen anderen Städten Deutschlands. Ein Beispiel dafür, wie Le Corbusier mit seiner Vision mehrere Wohnkomplexe beeinflusst hat, ist das Olympische Dorf in München – eine „Stadt in der Stadt“.
Errichtet im Jahr 1972 für die Olympischen Spiele, war dies auch ein städtebauliches Experiment. Dort gibt es nicht nur etwa 3.500 Wohneinheiten, sondern auch Geschäfte des täglichen Bedarfs sowie beispielsweise Spielflächen für Kinder – also ein echtes „Dorf“ in der Stadt München.
„The Barbican“ in London: Wohngebäude und Kulturzentrum
Ähnlich war die Vorstellung des damaligen renommierten Londoner Architekturbüros Chamberlin, Powell and Bon.
Es entwarf den Gebäudekomplex „The Barbican“ in London, das zwischen 1965 und 1976 erbaut wurde. In diesem riesigen Komplex wohnen heute gut 4000 Menschen in etwa 2000 Wohnungen.
Der „Barbican“ sollte ein Raum für die Gemeinschaft werden, in dem man Zeit miteinander verbringt – also mehr als nur „wohnen“; ein Beispiel für gemeinschaftliches Zusammenleben.
Der Wohnkomplex ist um Schulen, eine Kirche, eine Bibliothek, einen künstlichen See, ein Gewächshaus und das komplette Kunstzentrum „Barbican Centre“ angeordnet, das mit Kino, Theater und Konzertsaal und viel mehr heute noch zu den wichtigsten Kulturorten in London zählt.
Das Ende des Brutalismus
Der Brutalismus verbreitete sich schnell weltweit, nicht nur aufgrund der moderaten Kosten des Materials Beton, sondern auch, weil er sich „zu einer Art Mode oder Stil entwickelte“, erklärt Architekt und Kurator Elser.
Der Erfolg endete, als die Kosten für gut gearbeitete Betonschalungen immer teurer wurden.
Lange als „Betonmonster“ bezeichnet, wurden die brutalistischen Bauwerke wegen ihrer Ästhetik harsch kritisiert. Denn aufgrund ihrer Pragmatik wurde diese Baukunst vor allem mit dem Sozialismus verbunden. Spätestens nach dem Ende der Sowjetunion wurde sie als totalitäre Architektur angesehen und war lange negativ behaftet.
In den letzten zehn bis zwanzig Jahren erlebt die Ästhetik des Brutalismus jedoch eine Renaissance: „Eine sehr wichtige Rolle spielten die sozialen Medien“, sagt Elser.
Auf verschiedenen Plattformen gibt es zahlreiche Profile und Gruppen, die Bilder von brutalistischen Bauten kuratieren, um diesen Stil zu zelebrieren – wie der Account „Brutalism Appreciation Society“. Auch Elser kennt ihn und erzählt, dass dieses Profil vor zehn Jahren 15.000 Follower hatte – heute sind es fast 265.000.
Die neue Begeisterung für den Brutalismus überrascht den Architekten nicht: „Es ist der normale Lauf der Dinge, dass sich die Denkmalpflege für Architektur interessiert, die vor zwei Generationen gebaut wurde“, erklärt er.
Brutalismus: Nicht mehr negativ konnotiert
Im Film sind helle Bauhaus-Gebäude, die der fiktive Architekt László Tóth entwarf, zu sehen. Für den wohlhabenden Industriellen Harrison Lee Van Buren soll er jedoch ein Zentrum mit einer Bibliothek, einem Theater, einer Turnhalle und einer Kapelle entwerfen, was der brutalistischen Idee entspricht.
Elser weist ausdrücklich darauf hin, dass im Film keine wirkliche brutalistische Architektur zu sehen sei.
Der Titel des Films könnte jedoch ein Zeichen dafür sein, „dass der Brutalismus mittlerweile wieder spannend klingt und nicht mehr negativ behaftet ist“. Womöglich wird auch der Film „The Brutalist“ um den fiktiven Architekten László Tóth neue Aufmerksamkeit auf diese umstrittene Stilrichtung lenken.
Für die Rolle des Architekten ist der US-amerikanische Schauspieler Adrien Brody jedenfalls bereits als bester Hauptdarsteller für die diesjährigen Oscars nominiert.