Nun steht fest: Denis Villeneuve wird 2026 beim nächsten James-Bond-Film Regie führen. Die Wahl ist nicht ganz überraschend, zählt der Macher von „Sicario“ und „Dune“ derzeit zu den gefragtesten Hollywood-Regisseuren. Offen ist allerdings noch, wer den ikonischen Geheimagenten diesmal verkörpern wird.
Die Gerüchteküche brodelt: Aaron Taylor-Johnson gilt gegenwärtig als Favorit, aber auch Henry Cavill, Regé-Jean Page oder James Norton stehen weiter im Raum. Alle vier bringen unterschiedliche Typen von Männlichkeit mit. Damit stellt sich die Frage: In welche Richtung wird sich der neue Bond entwickeln?
Connery, Moore und Brosnan: Vom Gentleman zum Muskelmann
Ein Blick zurück: Die Figur des Geheimagenten James Bond hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Sean Connery und Roger Moore standen für smarte Anzüge, – euphemistisch gesprochen – doppeldeutigen Charme und koloniale Selbstgewissheit. Die „Bond-Girls“ waren kaum mehr als schmückendes Beiwerk, Misogynie ein noch unbekannter Begriff.
Pierce Brosnan markiert innerhalb der Bond-Filme die Wende. Er war der letzte klassische Bond – ein Symbol für eine Ära, in der Männlichkeit noch ungebrochen stilisiert werden konnte. Gleichzeitig steht er am Kipppunkt. In den 1990er-Jahren noch passend, wurde er gegen Ende von vielen als „zu glatt“ empfunden – ein überästhetisierter Actionheld ohne Tiefgang.
Mit komplexer werdenden Zeiten wuchs der Wunsch nach einem vielschichtigeren Bond. Durch Daniel Craig wurde Bond dann kantiger, körperlicher und gleichzeitig verletzlicher. Sein 007 war nicht mehr der souveräne Weltenlenker, sondern ein Held mit Abgründen. Martini geschüttelt oder gerührt? Dem Craig-Bond ist das egal, Hauptsache er hilft dabei, sein Trauma zu vergessen.
Der kalte Agent: Ian Flemings Romanfigur
In Ian Flemings Romanen ist James Bond längst kein Dandy, sondern ein disziplinierter, kalter Profi. Er ist ein Mann, der tötet, weil es sein Job ist. Mitleid oder Zweifel haben darin wenig Platz.
Flemings Bond ist durch und durch britisch, geprägt von Nachkriegszeit und Empire-Nostalgie. Seine Gefühlskälte gegenüber Frauen und Feinden ist keine Schwäche, sondern Programm – zuverlässig wie der Glockenschlag von Big Ben.
Daniel Craig: Männlichkeit im Wandel
Daniel Craig hat diese Vorlage weiterentwickelt. Zwar brachte er die physische Härte zurück, doch zeigte er zugleich Schwäche, Schmerz, Verlust. Folgt man der US-amerikanischen Geisteswissenschaftlerin Judith Butler ist Geschlecht performativ – auch Bonds Männlichkeit wird über Gesten, Körper und Macht inszeniert.
Craig hat diese Performance gebrochen: Statt glatter Unangreifbarkeit zeigte er seine Wunden – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Sein Bond legte psychische Brüche offen und gewann, trotz actionreicher Handlung, an Realität: ein Mann in einer Welt, die ihn überfordert.
Taylor-Johnson, Cavill, Page oder Norden: Wer wird der nächste Bond?
Noch ist offen, wer Craig beerben wird. Immer wieder genannt werden:
- Aaron Taylor-Johnson, britisch, durchtrainiert, Action-erfahren. In „Tenet“ und „Bullet Train“ zeigte er Härte mit Präzision – kontrolliert, introvertiert. In „Nocturnal Animals“ war er brutal und unberechenbar, in „Nowhere Boy“ sensibel. Er könnte dem literarischen Bond näherkommen als Craig – weniger zerrissen, mehr effizient.
- Regé-Jean Page, bekannt aus „Bridgerton“, steht für Diversität und Charme mit Tiefgang. Als Bond wäre er ein kultureller Bruch – nicht im Erbe, sondern in bewusster Abkehr davon.
- James Norton wiederum könnte eine introspektive, psychologisch komplexe Figur verkörpern – ein Agent, der in Grauzonen operiert, nicht im Rampenlicht.
- Henry Cavill bringt die klassische Heldenästhetik mit, bekannt aus „The Man from U.N.C.L.E.“, „The Witcher“ oder als Superman. Doch gerade diese makellose Oberfläche macht ihn zur vielleicht unzeitgemäßen Option.
Jeder dieser Männer steht für eine andere Bond-Ära – und für eine gesellschaftliche Haltung zur Männlichkeit.
Villeneuve als Regisseur: Bond wird nicht eindimensional
Mit Denis Villeneuve bekommt der neue Bond nicht nur Action, sondern Haltung. In „Dune“, „Arrival“ oder „Sicario“ hat er gezeigt, dass er komplexe Geschichten erzählen kann. Beispielsweise über Macht und Identität, aber auch über Feminismus oder systemische Gewalt. Damit steht Villeneuve eher für Tiefe, als bloße Gewalt.
Es ist also gut möglich, dass der neue Bond – trotz aller Körperlichkeit – wieder ambivalenter wird. Vielleicht sogar politischer. Gerade in einer Welt, die von Brüchen geprägt ist: Krieg in Europa, autoritäre Tendenzen in den USA, globale Männlichkeitskrisen.
Die Frage, was für ein Mann James Bond heute sein darf, ist längst keine reine Genrefrage mehr. Sie hat auch eine politische Dimension.