Ein Schornsteinfeger träumt von David Bowie
Kreuzfahrtschiff, Kirchenturm, Kran – die Silhouette von Oslo. Ein Schornsteinfeger klettert das Dach hinauf und schaut über seine Stadt.
In einem eleganten Bogen folgt die Kamera von Cecilie Samec langsam dem Verkehr und blickt durch ein Fenster in die Geschäftsräume der Schornsteinfeger. Zunächst ist nur einer im Bild zu sehen. Er erzählt gerade von seinem Traum. Immer wieder erscheint ihm David Bowie in der Nacht.
Der andere Schornsteinfeger hat Sex mit einem Kunden
Sein Zuhörer ist zunächst nur verschwommen als Spiegelbild im Fenster zu erkennen. In der entspannten Feierabend-Atmosphäre beichtet er dann seinem Kollegen ein Abenteuer am Arbeitsplatz. Ein Kunde hatte ihm vorgeschlagen, Sex mit ihm zu haben.
Zwei namenlose heterosexuelle Familienväter stoßen an die Grenzen ihrer Identität. Wie ist es als Frau wahrgenommen zu werden? Und zwar von David Bowie. Bin ich schwul, wenn ich mit einem Mann geschlafen habe?
Träumen kollidieren mit der Realität
Was für den einen als Abenteuer beginnt, wird bald zu einer schmerzhaften Begegnung mit den Vorstellungen der Außenwelt. Denn als er seiner Frau von der Geschichte erzählt, ist die Leichtigkeit vorbei.
Mit sanfter Intensität erprobt der Film die Durchlässigkeit zwischen Innenraum und Außenraum, die Berührungspunkte zwischen privater und politischer Sphäre.
Mitsommersonne beherrscht diesen Film
Die Kamera schaut durch die Fenster der Wohnung auf die Stadt und sie schaut von der Straße in die Innenräume. Alles wird geflutet vom milchig-hellen Licht der Mittsommersonne.
Als die Ehefrau seine Geschichte einer Freundin erzählt, empfindet ihr Mann das als Verrat.
Auch in Oslo bringen die Schornsteinfeger das Glück
Die Welt größer machen – das will auch dieser luftige Film. Dafür vertraut Dag Johan Haugerud auf die Sprache, auf die schwebende Musik und auf ein klares Farbkonzept, das die widersprüchlichen Gefühle spiegelt. Leuchtendes Gelb und Blau treffen auf unentschiedenes Grün.
Haugerud will mit seiner Kunst neue Denkmuster anstoßen. Im Film erklärt eine Logopädin einem seiner Helden Hannah Arendts Konzept von der individuellen Freiheit.
In ihrer schwarzen Arbeitskluft sind die beiden Schornsteinfeger auf den Dächern von Oslo zwei Balancekünstler, die spielerisch Arendts Satz vom Denken ohne Geländer erproben.