Zwei Familienväter stoßen an ihre Grenzen

Die Welt größer machen: „Oslo Stories: Sehnsucht“ von Dag Johan Haugerud

In „Oslo Stories: Sehnsucht“ gerät für zwei Männer das Leben, wie sie es bisher kannten und gerne geführt haben, aus den Fugen. Die Angst, dass es nie wieder so werden könnte, wie es vorher war, wächst.

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Von Autor/in Simone Reber

Ein Schornsteinfeger träumt von David Bowie

Kreuzfahrtschiff, Kirchenturm, Kran – die Silhouette von Oslo. Ein Schornsteinfeger klettert das Dach hinauf und schaut über seine Stadt.

In einem eleganten Bogen folgt die Kamera von Cecilie Samec langsam dem Verkehr und blickt durch ein Fenster in die Geschäftsräume der Schornsteinfeger. Zunächst ist nur einer im Bild zu sehen. Er erzählt gerade von seinem Traum. Immer wieder erscheint ihm David Bowie in der Nacht.

„Oslo Stories: Sehnsucht“
Die Popikone nimmt den Schornsteinfeger als Frau wahr. Das wühlt den ihn so sehr auf, dass seine Stimme darunter leidet. Er singt regelmäßig in einem christlichen Chor, jetzt trifft er die Töne nicht mehr.

Der andere Schornsteinfeger hat Sex mit einem Kunden

Sein Zuhörer ist zunächst nur verschwommen als Spiegelbild im Fenster zu erkennen. In der entspannten Feierabend-Atmosphäre beichtet er dann seinem Kollegen ein Abenteuer am Arbeitsplatz. Ein Kunde hatte ihm vorgeschlagen, Sex mit ihm zu haben.  

Zwei namenlose heterosexuelle Familienväter stoßen an die Grenzen ihrer Identität. Wie ist es als Frau wahrgenommen zu werden? Und zwar von David Bowie. Bin ich schwul, wenn ich mit einem Mann geschlafen habe?

„Oslo Stories: Sehnsucht“
Zwei Schornsteinfeger (Jan Gunnar Røise und Thorbjørn Harr), sind beste Freunde und gestandene Familienväter, sie kennen einander seit Jahren und können sich aufeinander verlassen.

Träumen kollidieren mit der Realität

Was für den einen als Abenteuer beginnt, wird bald zu einer schmerzhaften Begegnung mit den Vorstellungen der Außenwelt. Denn als er seiner Frau von der Geschichte erzählt, ist die Leichtigkeit vorbei.

„Oslo Stories: Sehnsucht“
Eine Erfahrung, die er als interessant und angenehm empfindet, aber nicht weiter wichtig oder von Bedeutung. Seine Frau sieht das ganz anders.

Mit sanfter Intensität erprobt der Film die Durchlässigkeit zwischen Innenraum und Außenraum, die Berührungspunkte zwischen privater und politischer Sphäre.

Mitsommersonne beherrscht diesen Film

Die Kamera schaut durch die Fenster der Wohnung auf die Stadt und sie schaut von der Straße in die Innenräume. Alles wird geflutet vom milchig-hellen Licht der Mittsommersonne.

Als die Ehefrau seine Geschichte einer Freundin erzählt, empfindet ihr Mann das als Verrat.

Auch in Oslo bringen die Schornsteinfeger das Glück

Die Welt größer machen – das will auch dieser luftige Film. Dafür vertraut Dag Johan Haugerud auf die Sprache, auf die schwebende Musik und auf ein klares Farbkonzept, das die widersprüchlichen Gefühle spiegelt. Leuchtendes Gelb und Blau treffen auf unentschiedenes Grün.

Haugerud will mit seiner Kunst neue Denkmuster anstoßen. Im Film erklärt eine Logopädin einem seiner Helden Hannah Arendts Konzept von der individuellen Freiheit.

In ihrer schwarzen Arbeitskluft sind die beiden Schornsteinfeger auf den Dächern von Oslo zwei Balancekünstler, die spielerisch Arendts Satz vom Denken ohne Geländer erproben.

Trailer „Oslo Stories: Sehnsucht“, ab 22.5. im KIno

OSLO STORIES: SEHNSUCHT | Trailer deutsch | Ab 22.05. im Kino!

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Autor/in
Simone Reber