607.000 Jahren zurück in der Zeit
Wer ist der älteste bekannte Mensch nördlich der Alpen? Es ist der Homo Heidelbergensis. Seine Überreste wurden, wie der Name schon anklingen lässt, im Südwesten gefunden – in Mauer bei Heidelberg. Vor 115 Jahren wurde der „Heidelberger Unterkiefer“ ausgegraben.
Der Homo Heidelbergensis hatte ein Riesengebiss. Das ist bekannt, weil ein komplett erhaltener Unterkiefer in Mauer bei Heidelberg gefunden wurde. Als Vorfahre des Neandertalers ist der Homo Heidelbergensis ziemlich alt: auf circa 607.000 Jahre wird er geschätzt. Zu seiner Zeit sah es im Südwesten Deutschlands noch ganz anders aus.
Selbst nördlich der Alpen war es warm und feucht. Doch gemütlich hatte es der Homo Heidelbergensis nicht, erklärt die Paläontologin Dr. Kristina Eck vom Verein Homo Heidelbergensis in Mauer. Der frühe Mensch war zwar Jäger, aber auch Beutetier:
„Es gab Säbelzahnkatzen, Löwen, Leoparden. Also mit denen ist schon nicht gut Kirschen essen. Dann große Pflanzenfresser wie Waldelefant, Nashorn. Das sind jetzt auch nicht gerade Kuscheltiere.”
Es habe laut Eck auch Bisons und Flusspferde im Neckar gegeben, also Neckarpferde. Heute sei bekannt, dass Flusspferde nach den Moskitos für die meisten Toten in Afrika verantwortlich sind. Zum Glück des Homo Heidelbergensis hatte er schon damals hocheffektive Waffen, zum Beispiel Holzspeere.
Vorfahre des Neandertalers
Der aufrechte Menschenahn war in etwa so groß und schwer wie der heutige Mensch. Ansonsten ähnelte er dem Neandertaler. Allerdings trug er wahrscheinlich keine Felle.
Der Unterkiefer weist keinerlei Karies auf, obwohl er sich laut Eck wahrscheinlich nie die Zähne geputzt hat. Das hänge mit der Ernährung zusammen. Der Mensch habe erst seit 12.000 Jahren Karies, also seitdem Ackerbau betrieben wird. Der Homo Heidelbergensis ernährte sich hingegen Low carb – also ohne Kohlenhydrate.
Außerdem beherrschte er bereits das Feuer. Gekochte Nahrung ist bekömmlicher als rohes Fleisch. Auch die Geselligkeit durch Feuerstellen sei nicht zu unterschätzen. Und Feuer war auch eine mächtige Waffe:
„Feuer ist ja nicht nur da, um Essen zu garen, sondern in der Zeit eben auch, dass es nachts hell ist, (…) dass man Tiere vertreibt, die vielleicht auch am eigenen Essen interessiert sind.“
„Sand-Daniel“ macht 1907 den Sensationsfund
Für den gefundenen Heidelberg-Mann hörte die Geselligkeit im Alter von 25 bis 30 Jahren auf. Er starb und sein kompletter Unterkiefer wurde vom Neckar im heutigen Mauer angespült. In einer meterdicken Sandschicht, blieb das Gebiss erhalten, luftdicht abgeschlossen.
Bis an einem Montag im Oktober 1907 der Arbeiter Daniel Hartmann zur Schaufel griff. Sein Trupp grub Sand für den Häuserbau ab. Sie wussten, dass sie möglicherweise auf archäologische Funde stoßen könnten. Denn die Männer waren vom Heidelberger Anthropologen Otto Schoetensack längst darauf aufmerksam gemacht worden. In dem Sand hatten sich bereits unzählige Wirbeltier-Überreste gefunden. Nun lauerten in der Grube Grafenhain alle auf einen menschlichen Fund.
Abends in der Kneipe rückte „Sand-Daniel“, so sein Spitzname, mit der Sensation heraus. Professor Schoetensack, der den Unterkiefer damals beschrieben hat, gab dem Fund dann seinen Namen, erläutert Eck. Sie vermutet, dass Mauer zu unbekannt gewesen sein könnte. Schoetensack dachte sich vermutlich: Heidelberg ist ganz in der Nähe und ist auf der ganzen Welt bekannt. Das Ergebnis: „Homo Heidelbergensis“, der Mensch aus Heidelberg.
Homo Heidelbergensis stammt ursprünglich aus Afrika
Eine archäologische Weltsensation, die ins damalige Bild passte. Denn nach derzeitiger Vorstellung konnte der Mensch eigentlich nur aus dem „zivilisierten“ Europa stammen.
Der Paläontologe Otto Schmidtgen behauptete auf der Internationalen Jagdausstellung in Berlin 1937, dass es sich bei dem Fund um den ältesten Menschenrest weltweit handle – doch das stimmt nicht.
Schon damals waren längst ältere Menschenreste in anderen Erdteilen gefunden worden. Dass der Mensch aus Afrika stammt, auch der Homo Heidelbergensis, hätte den Nationalsozialisten nicht in die Ideologie gepasst.
Paläontologin Eck erklärt, dass Teile der frühen Menschen nach Europa ausgewandert sind, während andere in Afrika blieben. Und die, die nach Europa ausgewandert sind, hätten sich später zum Neandertaler weiterentwickelt. Jene, die in Afrika geblieben sind, seien zu m heutigen Menschen, de, Homo Sapiens, geworden.
Noch weniger passt zur NS-Rassenlehre, dass es offensichtlich gemeinsame Nachfahren von Neandertaler und Homo Sapiens gibt. Denn viele Menschen haben heute bis zu vier Prozent Neandertaler-DNA in sich, erklärt Eck.
Rassen gibt es sowieso nicht beim Menschen. Genetisch sind Menschen so gut wie nicht zu unterscheiden, egal ob die Hautfarbe hell oder dunkel ist.