80 Jahre Befreiung von Auschwitz

Michel Friedman: "Wir haben seit 1945 mit der Befreiung von Auschwitz jeden Tag Judenhass"

80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wird am Holocaust-Gedenktag der Opfer gedacht. Autor und Publizist Michel Friedman wünscht sich eine generationenübergreifende Erinnerungskultur.

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Stand

Am 27. Januar 1945 wurden die Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz von der Roten Armee befreit. Während des nationalsozialistischen Völkermords während des Zweiten Weltkriegs wurden etwa sechs Millionen Menschen ermordet.

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts sprechen wir mit dem Publizisten Michel Friedman. Er ist mit der jetzigen Erinnerungskultur unzufrieden und schaut besorgt auf die politische Lage in Deutschland.

Erinnerungskultur an den Holocaust in Deutschland

SWR1: Sie haben kürzlich erst gesagt, dass Sie das Gedenken an den Holocaust in Deutschland für unzureichend halten. Die Erinnerungskultur sei ein Schwarzes Loch. Was fehlt Ihnen?

Michel Friedman: Es fehlt mir die Erinnerungskultur der drei wichtigen Generationen: die Nazigeneration, ihre Kinder, das sind jetzt um die 60-jährigen, und deren Enkelkinder. Das nennt man das kommunikative Gedächtnis. Was erzählt eine Familie aus den schlimmsten Ereignissen der Menschheitsgeschichte? Was sind die persönlichen Geschichten? Was wussten sie, wie tauschen sie sich aus?

Indem sie das markieren, auch emotional, schaffen sie es nach drei Generationen, daraus ein kommunikatives und dann ein kollektives Gedächtnis zu schaffen. Ein Gedächtnis, wo eine Gesellschaft, wenn sie ein Stichwort wie "Auschwitz" hört, weiß, fühlt und daraus lernen kann. [...]

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Wir haben ein ritualisiertes Gedenken, das übrigens auch sehr spät begonnen hat. Der Holocaust-Gedenktag, den wir heute begehen, ist erst 2005 als Tag beschlossen worden. Wenn man dann die Erinnerungskultur der 60er- bis 90er-Jahre nimmt, da war Abwehr, da war Lüge, da war Verdrängung. Wie gesagt, Millionen Menschen haben es versucht und versuchen es heute noch. Aber das Ergebnis ist unbefriedigend.

Wenn ich etwas nicht weiß, wie soll ich darüber nachdenken?

Junge Menschen wissen wenig über den Holocaust und über Auschwitz

SWR1: Dazu passt eine Umfrage der Jewish Claims Conference, die gerade veröffentlicht worden ist. Danach wird das Wissen besonders junger Menschen um den Holocaust weniger. Ist das ein Armutszeugnis für den Geschichtsunterricht?

Friedman: Absolut. Abgesehen davon ist auch hier wieder eine doppelte Wahrnehmung. Einerseits wird erzählt, immer und überall wird es beigebracht. Andererseits sehen wir, das Wissen ist gering. Es gibt noch eine Zahl, die ist noch dramatischer: Fast 40 Prozent der unter 20-jährigen wissen nicht einmal mehr, was Auschwitz ist. Wenn ich etwas nicht weiß, wie soll ich darüber nachdenken?

Wichtig ist diese Erinnerungskultur übrigens auch für die jüdische Gemeinschaft. Aber es geht ja um etwas ganz viel Wichtigeres. Die Frage der Anfänge, also wie entsteht dieser Endpunkt der Gewalt, Auschwitz? Das ist doch eine Frage, die wir unserer Gegenwart politisch genauso wieder stellen müssten.

Wir haben seit 1945 mit der Befreiung von Auschwitz jeden Tag Judenhass, jeden Tag Rassismus, jeden Tag Menschenverachtung. Und wir müssen uns doch die Frage stellen, wie viele Anfangspunkte haben wir auch wieder zugelassen oder mitgemacht?

Die Vergangenheit holt uns in der Struktur wieder ein.

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Friedman: Jedenfalls sind wir jetzt mittendrin, übrigens auch wieder strukturell: eine Nazi-Partei, eine radikale Partei, eine linksradikale Partei und eine rechtsextreme Partei – all das gibt es in Deutschland. Die rechtsextreme Partei, eine antidemokratische, eine rassistische, eine Juden verachtende und hassende, wird wahrscheinlich jetzt wieder von jedem fünften in der Bundesrepublik gewählt werden.

Hier sehen wir: Die Vergangenheit holt uns in der Struktur wieder ein. Wir haben zu oft weggeschaut, zu oft nicht hingehört. Das Ergebnis haben wir, und das ist ein sehr bedrohliches Ergebnis.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Steffi Vitt
Interview mit
Michel Friedman
Onlinefassung
SWR1