Interview mit Regina Bergmann

25 Jahre Babyklappe in Rheinland-Pfalz

Vor 25 Jahren ist in Hamburg die erste deutsche Babyklappe eingerichtet worden. Babyklappen sind oft der letzte Ausweg für verzweifelte Mütter, die ihr Kind nicht behalten wollen. 

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Stand

Ein paar Monate nach der ersten Babyklappe in Hamburg folgte mit Trier die erste in Rheinland-Pfalz. Mitorganisiert wird die Einrichtung vom Sozialdienst der katholischen Frauen in Trier. Wir haben mit der Geschäftsführerin Regina Bergmann gesprochen.

Babyklappe Trier – 20 Säuglinge in 25 Jahren

SWR1: Seit dem Jahr 2000 gibt es auch in Trier eine Babyklappe. Wie viele Kinder sind seitdem in diese Klappe reingelegt worden?

Regina Bergmann: Mein aktueller Stand ist, dass dort in dieser Zeit 20 Säuglinge hineingelegt worden sind.

So funktioniert eine Babyklappe

SWR1: Wie müssen wir uns so eine Babyklappe vorstellen?

Bergmann: Wenn sie sie von außen sehen, sehen sie erst einmal eine ganz unauffällige, weiße Klappe in einer Mauer, die mit einem Druckschalter geöffnet werden kann. Hinter dieser Klappe finden sie etwas Ähnliches wie ein Babybett.

Das ist stets erwärmt und mit schönen, warmen Farben ausgestaltet. Die Umgebung um die Klappe herum ist vor Blicken geschützt, aber gleichzeitig von einer Straße aus gut zu erreichen.

SWR1: Ich vermute mal, sobald dort ein Kind ein Baby reingelegt wurde, geht intern eine Alarmkette los?

Bergmann: Ja, exakt. Allerdings wird dieser sogenannte "Stumme Alarm" – da schlägt jetzt keine Sirene an – etwas zeitverzögert ausgelöst, um der Mutter die Möglichkeit zu geben, sich zu entfernen und unerkannt zu bleiben.

Sobald eine Aktivität am Babyfenster mit Alarm kenntlich gemacht wird, werden Mitarbeiterinnen des Ruländer Hofes in Trier – dort findet sich die Babyklappe – umgehend dorthin gehen und sie schauen, ob ein Kind abgegeben wurde.

SWR1: Jetzt sind Frauen, die ein Kind in so einer Klappe ablegen, in einer absoluten Ausnahmesituation. Wahrscheinlich sind sie auch völlig verzweifelt. Ist es auch schon mal vorgekommen, dass sich dann später eine Mutter wieder gemeldet hat und ihr Kind wieder haben wollte?

Bergmann: Dazu können wir konkret tatsächlich gar nichts sagen. In dem Moment, wo das Kind in der Klappe abgegeben wird, wird das an das Jugendamt übertragen. Um die Persönlichkeitsrechte des Kindes zu schützen, werden an uns auch keine Informationen weitergegeben.

Wir können hierfür auf Forschungen und anonymisierte Interviews zurückgreifen. Und auch aus unserer Beratungspraxis können wir Rückschlüsse ziehen, wie sich die Situation dieser Frauen gestaltet. Was die Frauen auf jeden Fall finden, ist Informationsmaterial in der Klappe.

Sie werden darüber informiert, dass sie genau wie bei einer Adoption, eine Bedenkfrist von acht Wochen haben. Innerhalb dieser Zeit können sie sich entweder über eine anonyme Rufnummer informieren. Oder unmittelbar mit dem Jugendamt noch einmal Kontakt aufnehmen und sich dann beraten lassen, wie es auch anders gehen könnte.

SWR1: Offensiv beworben werden die Babyklappen nicht. Wie gehen Sie damit um?

Bergmann: Wir setzen mit unserer Arbeit genau da an, wo Prävention ansetzt. Deswegen ist für uns das Babyfenster oder die Babyklappe letzten Endes auch eine Möglichkeit, Frauen zu erreichen, die sich in existenziellen Notlagen befinden und auf Hilfe angewiesen sind. Gleichwohl wir auch sagen, wenn ein Babyfenster ein Kinderleben gerettet hat, dann ist das Babyfenster alles wert, was wir dafür tun.

Was wir in unserer Beratungsarbeit machen, ist zum Beispiel Sexualprävention in Schulen anzubieten. Es gibt aber auch anonyme Beratungsformen. Man kann sich online zunächst völlig anonym kundig machen. Aber ich glaube, all das reicht in unserer Gesellschaft gar nicht aus, um dieses Thema aufzugreifen.

Die Abgabe eines Kindes in so einer Klappe ist auch ein Stück weit ein Spiegel unserer Gesellschaft.

Wir stellen in unserer Arbeit fest, dass die Notlagen von Frauen immer mehr werden. Letztlich ist die Abgabe eines Kindes in so einer Klappe auch ein Stück weit ein Spiegel unserer Gesellschaft und unserer Sozial- und Familienpolitik.

Gewalt, Psychische Krankheiten und Obdachlosigkeit bei Frauen nehmen zu

SWR1: Das bedeutet es wird immer problematischer für die Frauen?

Bergmann: Was wir in unserer Beratungsarbeit seit etlichen Jahren feststellen, ist eine extreme Zunahme an schwangeren Frauen, die psychisch krank oder obdachlos sind. Das heißt, die Wohnungsnot ist ein Riesenthema. Gewalt in Beziehungen steigt und auch die Überforderung von Müttern, weil die Betreuungsangebote lückenhaft sind.

Die Krisen der letzten Jahre haben auch viele Familien, insbesondere Alleinerziehende, in akute Bedrängnis gebracht. Das heißt, wir müssen an ganz vielen Stellen ansetzen, um Prävention zu betreiben. Das geht auch um die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Wer ist denn immer noch verantwortlich für Verhütung? Meist ist es immer noch die Frau. All diese Fragen müsste man sich jetzt anschauen, um ein Gesamtpaket zu schnüren, das uns helfen würde, Kindsaussetzung, die Abgabe in einem Babyfenster oder gar Kindstötungen zu verhindern.

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