Kultur erleben, ohne das Haus zu verlassen

„Bei Anruf Kultur“: Wie Telefonführungen Einsamkeit vertreiben

„Bei Anruf Kultur“ macht Kultur von der Couch aus erlebbar: Telefonführungen durch Museen, Theater und Literaturhäuser schaffen Nähe und gegen Einsamkeit.

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Von Autor/in Helen Roth

Telefon wählen, Kultur erleben – so einfach geht’s

Stellen Sie sich vor, Sie wählen eine Telefonnummer – und landen mitten in einer Museumsführung, in einer Theaterprobe oder auf einem literarischen Spaziergang.

Genau das ermöglicht das Projekt „Bei Anruf Kultur“. Für viele Menschen bedeutet es: Gemeinschaft spüren, ohne das Haus verlassen zu müssen. Einmal wählen, und Türen zu über hundert kulturellen Einrichtungen in ganz Deutschland öffnen sich.

Melanie Wölwer, Pressesprecherin des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und Mitinitiatorin des Projekts, erinnert sich: „Wir sind gestartet in einer sehr, sehr einsamen Zeit für uns alle, nämlich im Corona-Lockdown. ‚Bei Anruf Kultur‘ war tatsächlich die Antwort auf dieses Alleinsein zu Hause.“

Die Idee kam aus Berlin: Eine Kollegin hatte eine Telefonführung für ihre Mitglieder angeboten – Wölwer war sofort begeistert. Binnen zwei Wochen entstand ein erstes Programm mit sechs Hamburger Museen.

Besucher betrachten in der Alten Pinakothek von Peter Paul Rubens "Das Große jüngste Gericht"
In den Münchner Pinakotheken hängen viele wertvolle Kunstwerke, wie zum Beispiel "Das Große jüngste Gericht"von Peter Paul Rubens. "Bei Anruf Kultur" kann man die künstlerische Pracht von Zuhause aus erleben. Felix Hörhager

Von Hamburg in die ganze Republik: Über 125 kulturelle Einrichtungen machen mit

Heute beteiligen sich bundesweit über 125 Einrichtungen – Museen, Kirchen, Gedenkstätten, Literaturarchive und sogar Theater. Die speziell geschulten Guides beschreiben Kunstwerke, Räume, Farben und Stimmungen, sodass Bilder im Kopf entstehen.

„Es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass ein großer Bedarf da ist. Wir erreichen nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen, sondern auch mobilitätseingeschränkte Personen oder Menschen mit psychischen Einschränkungen, die sich in Ausstellungen unsicher fühlen“, erklärt Wölwer.

Die meisten Hörerinnen sind über 60 und weiblich – deshalb der augenzwingernde Appell von Wölwer: „Das ist ein super Angebot und bestimmt auch für die Herren der Schöpfung interessant.“ Viele Teilnehmende nehmen zwei- bis dreimal im Monat an Führungen teil. „Wir haben einen sehr großen Anteil an Alleinlebenden, und das zeigt, dass es oft auch ein sozialer Ort ist“, so Wölwer.

Reportage: Mit Günter Grass auf literarischem Spaziergang

Wie lebendig solche inneren Bilder sein können, habe ich als Reporterin selbst bei einer Telefonführung über Literaturnobelpreisträger Günter Grass erlebt.

Annette Klockmann vom Günter-Grass-Haus in Lübeck führte durch die Rückzugsorte des Autors: die Insel Møn in der dänischen Ostsee, die Kreidefelsen und die bizarren Baumskelette am Strand. „Da komme ich die Treppen runter und muss plötzlich aufschauen zu dem, was da am Strand liegt. Da bin ich ein Winzling“, beschreibt sie die Erfahrung.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass vor seinem Ferienhaus auf der Insel Mön
Literaturnobelpreisträger Günter Grass hielt sich in den Sommerferien am liebsten auf der dänischen Insel Mön auf. Dort fand er Ruhe und Inspiration. Picture Alliance

Dabei geht es nicht nur ums Zuhören. Wölwer erinnert sich: „Ganz zu Beginn hatten wir mal eine Ausstellung über moderne Sklaverei. Der Moderator ließ die Leitung offen, damit sich die Teilnehmenden noch weiter austauschen konnten. Anderthalb Stunden später war die Diskussion immer noch im Gang.“

So funktioniert die Anmeldung: Kultur für alle

Die Teilnahme ist einfach: Interessierte melden sich über die Website an, erhalten eine Telefonnummer und wählen sich zur gewünschten Führung ein.

Für Menschen, die nicht digital versiert sind, gibt es das Programm auch per Post oder telefonisch über eine Hotline. „Wir möchten wirklich alle erreichen“, betont Wölwer.

Zukunftspläne: Barrierefreie Kultur für alle Sinne

Das Projekt wächst kontinuierlich und plant Erweiterungen: begleitende Schriftdolmetschung für Menschen mit Hörbehinderungen, Führungen in einfacher Sprache, Gruppenangebote für Senioren-Einrichtungen oder Kooperationen mit Krankenhäusern.

„Wir haben noch viele Ideen, zum Beispiel auch Projekte für Insassen von Haftanstalten. Damit Menschen, die nicht raus können, Kultur erleben können“, sagt Wölwer.

Große Bühne Staatsschauspielhaus Dresden
Das Staatsschauspielhaus Dresden steckt voller Geschichten. Eine Führung von "Bei Anruf Kultur" führt hinter die Kulissen des Schauspielhauses und öffnet Türen, die für das Publikum normalerweise verschlossen bleiben. Robert Michael

Finanzierung und Ziel: Kultur kostenlos und niedrigschwellig

Finanziert wird „Bei Anruf Kultur“ durch Projektförderung der Aktion Mensch, die Behörde für Kultur und Medien in Hamburg, die DFB-Kulturstiftung und Spenden.

Wölwer betont: „Unser Ziel ist es, dass das Angebot für die Teilnehmenden kostenlos bleibt. Es soll niedrigschwellig Kultur erlebbar machen, gerade für ältere Menschen, die sich einen Museumsbesuch vielleicht nicht leisten können.“

Gemeinsam erleben, austauschen, verbunden bleiben

Die Idee hinter „Bei Anruf Kultur“ ist einfach, aber wirkungsvoll: gemeinsam zuhören, gemeinsam erleben und in Austausch kommen. Ob Museumsführung, Theaterprobe oder literarischer Spaziergang – die Teilnehmenden können Kultur von der Couch aus entdecken, in ihren Hausschuhen, ohne Hemmungen, aber mit großer Begeisterung.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Helen Roth
Porträt von SWR Redakteurin Helen Roth