Eine Wohnung, ein WG-Zimmer oder ein ganzes Haus ist oft mehr als nur ein Ort zum Wohnen - es ist ein Zuhause. Dort sammeln sich über die Jahre einige Dinge an, die uns viel bedeuten: Erinnerungsstücke von Reisen, Kuscheltiere, Familienfotos, die ersten Kunstwerke der Kinder oder Erbstücke wie Omas alter Sessel. Doch manchmal kommt der Moment, in dem dieses Zuhause aufgelöst werden muss - etwa nach dem Tod der Eltern oder bei einem Umzug.
Das Zuhause der Familie: Ein Ort voller Erinnerungen
Christa Kittler hat diese Erfahrung gemacht: Nach Jahrzehnten in ihrem Familienhaus in Stuttgart-Feuerbach entschied sich die 81-Jährige in eine Wohnung im betreuten Wohnen zu ziehen. Das Haus, in dem sie fast ihr ganzes Leben verbracht hatte und das ihre Großeltern in den 1920er-Jahren kauften, war für sie zunehmend unpraktisch geworden. Die steilen Treppen machten den Alltag schwerer. Das Haus und damit auch die Familiengeschichte in ein paar Kartons zu packen fiel ihr schwer. "Ich habe alles so gelassen, wie es war. Ich habe es vor mir weggeschoben", erzählt sie. Als der Umzug näher rückte, packte sie schließlich vieles hektisch ein - zu viel, wie sie später feststellte. Auch neun Monate später sei sie immer noch am Aussortieren.
Aufräumexpertin: Entrümpeln kann emotional belastend sein
So wie Christa Kittler geht es beim Auflösen des Elternhauses und beim Aussortieren von Gegenständen vielen Menschen. Häufig stecke hinter jedem Stück eine Geschichte - und genau das mache den Prozess so belastend, erklärt Ordnungscoach und Aufräumexpertin Bettina Tusk. Sie kennt diese Herausforderungen aus ihrer Arbeit. Wenn Menschen sie um Hilfe bitten, stecken sie oft in einer emotional aufgeladenen Situation, weil zum Beispiel ein Elternteil verstorben ist oder ins Pflegeheim ziehen musste.
"Viele meiner Klienten wissen nicht, wo sie anfangen sollen", erzählt sie. "Jedes kleine Teil kann emotional aufgeladen sein", erklärt Tusk. Das macht Entscheidungen schwierig. Oft fühlten sich Menschen verpflichtet, die Dinge ihrer Eltern zu bewahren - selbst wenn sie diese weder mögen noch brauchen. Doch das sei nicht immer die beste Lösung, denn das Aufbewahren von Dingen könne auch belastend sein, so die Aufräumexpertin.
SWR 1 Sonntagmorgen Mitmach-Aktion MEIN STÜCK VOM GLÜCK
Ob Erinnerungsstück oder Taschen-Glücksbringer - in unserer SWR1-Mitmachaktion geht es um kleine Dinge, die uns Kraft spenden. Was ist Dein "Stück vom Glück"?
Loslassen lernen: Erinnerungen behalten, Dinge weggeben
Ein zentraler Ansatz beim Aufräumen ist die Trennung von Erinnerungen und materiellen Besitztümern. "Nur weil man etwas weggibt, verliert man nicht die Erinnerung daran", betont Tusk. Um Erinnerungen auf andere Weise zu bewahren, empfiehlt sie, Fotos von besonderen Gegenständen oder Orten zu machen.
Besonders in Familien in denen verschiedene Generationen aufeinander treffen kann der Vorschlag, sich von Dingen zu trennen, heikel sein, erklärt Bettina Tusk. Sie rät dazu, das Gespräch zu suchen, um herauszufinden, an welchen Dingen Erinnerungen hängen. "Manchmal hängt das Herz der Oma gar nicht an dem alten Fernsehsessel, den die Kinder in Ehren halten wollen", sagt sie. Wenn man ein Gespür entwickle, welche Dinge für das Gegenüber wichtig sind, falle es einem oftmals auch leichter, selbst Entscheidungen zu treffen.
Doch manchmal bleibt wenig Zeit, etwa wenn eine Wohnung oder ein Haus schnell geräumt werden muss. In solchen Fällen rät die Aufräumexpertin, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Zudem verweist sie auf das schwedische Konzept des "Death Cleaning", bei dem man bereits zu Lebzeiten entrümpelt - ein Prozess, der in jedem Lebensalter sinnvoll sei: "Es tut gut, Inventur zu machen und sich zu fragen, was wirklich wichtig ist."
Erinnerungsstücke für ein Gefühl von Zuhause
Die Dinge, die Christa Kittler wichtig sind, schmücken ihre neue Wohnung: Souvenirs von Reisen, getöpferte Keramik ihrer Schwester und zahlreiche Familienfotos. "Diese Dinge sind für mich wie ein Stück Vergangenheit, das mich umgibt", sagt sie. Ein großes Holzregal mit Büchern war zu sperrig. Ihr Sohn fand jedoch eine kreative Lösung und baute daraus ein kleineres Regal, das nun in ihrer neuen Wohnung steht. "Dieses Regal stammt noch von meinen Großeltern. Es trägt so viele Erinnerungen in sich", erzählt sie.
Trotz der emotionalen Herausforderungen richtet Christa Kittler ihren Blick nach vorne: "Es dauert. Es ist ein Prozess, der nicht von einem Tag auf den anderen funktioniert", sagt sie. Christa Kittler wünscht, dass sie sich schon früher mit dem Entrümpeln befasst hätte.