Ein Faden verbindet zwei Lebensgeschichten
Wie gelingt Versöhnung zwischen Menschen, deren Herkunftsländer einst verfeindet waren? Für die Künstlerin Ivana Matić aus Serbien und den Fotografen Danijel Sijakovic aus Kroatien beginnt sie mit einem Faden.
In ihrem Mainzer Atelier sitzen beide über einer Stickvorlage, konzentriert, manchmal fluchend wegen eines verlorenen Fadens, und erschaffen gemeinsam Gobelins. Die Bildwirkereien zeigen aktuelle Motive aus ihrer alten Heimat.
Was auf den ersten Blick nach traditioneller Handarbeit aussieht, entpuppt sich als stilles Erinnerungsprojekt. Keine Naturidylle, keine lesende Frau, wie man sie von alten Wohnzimmerwänden kennt. Keine Heile-Welt-Ansichten oder Blumenmotive.
Stattdessen: ein schlichtes serbisches Wohnhaus, in märchenhaftes Licht getaucht. „Ich habe das aufgenommen, weil es so typisch ist“, erzählt Ivana Matić, „Danijel hat ein ganz ähnliches Motiv und fast dieselbe Stimmung“. Eine Herausforderung, denn ein Gobelin funktioniert wie die Pixel eines Fotos: für jede Farbe müssen sie den Faden wechseln.
Flucht, Erinnerung, Sehnsucht
Als Danijel drei Jahre alt war, floh er mit seiner Familie aus dem kleinen Ort Bijelo Brdo, heute Kroatien, vor dem Jugoslawienkrieg. Ivana wanderte Jahre später als 20-Jährige aus der serbischen Stadt Śabac aus. Unabhängig voneinander sind sie immer wieder dorthin zurückgekehrt, auf der Suche nach Spuren ihrer Herkunft. Dabei haben sie, ohne es zu wissen, Ähnliches gesehen und fotografiert: Fassaden, Lichtschalter, Tore, Strommasten.
„Es sind oft kleine Details – ein Lichtschalter, ein Tor – die man hier so nicht findet“, sagt Danijel Sijakovic. „Man kann es schwer festmachen, aber genau das ist dieses Gefühl von Zugehörigkeit.“ Um ihre Motive als Gobelins sichtbar zu machen, mussten beide zunächst einen Schritt zurücktreten – buchstäblich wie im übertragenen Sinn. Nur aus der Distanz erschließt sich das Bild.
Der Krieg ist der unsichtbare Elefant im Raum, eingeschrieben in Material, Blick und Erinnerung. Auf einem der Gobelins ist ein Strommast aus Danijels kroatischem Heimatdorf zu sehen, ein Gewirr aus Kabeln vor blauem Himmel, Sinnbild für die fragile Infrastruktur und für die Nachwirkungen der Kriege im ehemaligen Jugoslawien.
Gegenwart und Verantwortung
Für beide ist nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart in ihren Heimatländern sehr präsent. Die politische Lage in Serbien und Kroatien, Nationalismus, Korruption und Pressefreiheit beschäftigen sie.
Dass in Serbien seit dem Einsturz des Bahnhofsdaches von Novi Sad 2024, bei dem 16 Menschen starben, jede Woche Tausende gegen die Regierung von Aleksandar Vučić auf die Straße gehen, bewegt die beiden. Auch sie demonstrieren für Neuwahlen, aber von Deutschland aus, wie zum Beispiel in Frankfurt bei einer Sympathie-Kundgebung .
Gerade bei Ivana Matić ist der Jugoslawienkrieg immer noch sehr präsent. Ihre Bilder wirken bedrohlich. „Vielleicht merkt man es an meinen Zeichnungen“, sagt sie, „diese sind düster, farblos, schwer. Vielleicht eine direkte Verbindung zu dem, was ich als Mädchen im Bombenkeller erlebt habe.“
Von der Handarbeit zur Versöhnung
Um ihre Motive in Gobelins zu verwandeln, haben beide das Sticken von ihren Großmüttern und Tanten gelernt. Doch ihr Projekt ist mehr als Handwerk: Es ist ein Versuch, den Schmerz der Vergangenheit zu verweben und gleichzeitig etwas Neues zu schaffen, etwas Verbindendes.
Ihre Zusammenarbeit zeigt, dass es gerade die junge Generation ist, die alte Grenzen hinterfragt. „Es gibt den Versuch, das zu brechen“, sagt Danijel Sijakovic. „Viele junge Leute sehen keinen Sinn mehr darin, weiter verfeindet zu sein.“