Wird Mehrheit der Bevölkerung behandelt wie kleine Minderheit?

Sicherheit, Mobilität und Stadtgestaltung: Das tut sich beim Thema Stadtplanung für Frauen in BW und RP

Frauen stellen in Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung dar, dennoch spielen sie beim Thema Stadtplanung und ihrer Ausgestaltung eher eine untergeordnete Rolle. Besonders bei den Themen Sicherheit, Mobilität und Gestaltung des öffentlichen Raums gibt es noch Luft nach oben.

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Von Autor/in Luisa Sophie Klink

Sich in Städten zu bewegen, gehört zum Alltag und gesellschaftlichen Leben eines jeden Menschen dazu. Ob es der Weg zur Schule und zum Einkaufen ist oder ob er uns zum Treffen mit Freunden oder einem Ort führt, an dem wir einem Hobby nachgehen können – immer wieder führt er uns durch die Stadt.

Und für den Weg zum Ziel ist eins entscheidend: die Stadtplanung. Wie sicher ist der Weg gestaltet, wie gut ist das Ziel erreichbar, welche kostengünstigen, schönen und ungefährlichen Verweilmöglichkeiten gibt es?

Welche Rolle spielen Frauen bei der Stadtplanung in Baden-Württemberg?

So sollte Stadtplanung selbstverständlich für Frauen und Männer gleichermaßen gedacht werden. Begriffe wie „feministische Stadtplanung“ oder „Stadtplanung aus weiblicher Sicht“ sollten eigentlich überflüssig sein.

Denn sie stecken das Thema, das unser aller Leben betrifft, anscheinend in eine von Männern immer noch leicht belächelte Feminismus-Ecke, zumindest teilweise an öffentlicher Stelle in Baden-Württemberg.

Unverständnis für das Thema an öffentlichen Stellen

So hieß es auf die Frage, was das Land im Hinblick auf das Thema „Stadtplanung aus weiblicher Sicht“ für Konzepte entwickelt oder bereits umgesetzt hat: „‚Stadtplanung aus weiblicher Sicht‘ – das hab ich ja noch nie gehört. Was ist das? Wenden Sie sich mal an den Landesfrauenrat Baden Württemberg, die müssten das wissen“, seitens eines Ministeriumssprechers.

Ein Sprecher einer baden-württembergischen Großstadt erklärte: „Wir machen Stadtplanung für Männer und Frauen, für alle Menschen.“

Was in der Theorie gut klingt und der genau wünschenswerte Ansatz wäre, war wohl doch eher anders gemeint, nämlich im Sinne, dass so etwas überflüssig sei. Denn der Nachsatz auf die Erläuterung, dass es vor allem um Sicherheitsaspekte ginge, lautete:

Männer gehen genauso ungern durch Unterführungen und fühlen sich genauso unsicher.

Frau grapscht Mann an den Hintern.
Sicherheit für Frauen wird in der Öffentlichkeit nicht immer ernst genommen. Ein Plakat aus der Stadt Büren (NRW) sorgt etwa für Diskussionen, das eine Frau als Täterin einer sexuellen Belästigung zeigt. Seitens der Stadt heißt es, man habe die Darstellung gewählt, um bewusst stereotype Darstellungen zu vermeiden. Stadt Büren

Keine konkreten Konzepte für mehr Sicherheit für Frauen in Baden-Württemberg

Nach Auskunft einer Referentin des Landesfrauenrats Baden-Württemberg seien ihr hier tatsächlich keine konkreten Konzepte bekannt, die sich explizit mit dem Thema Sicherheit für Frauen beschäftigten. Weder welche, die in Planung, noch welche, die bereits umgesetzt seien.

Dass das Thema Sicherheit im Hinblick auf Frauen und Stadtplanung allerdings auch in Baden-Württemberg von großer Relevanz ist, zeigt der erstmals für das Bundesland veröffentlichte Sicherheitsbericht der Kriminologischen Forschung Baden-Württembergs. Demnach ist ein unterschiedliches Sicherheitsgefühl von Frauen und Männern belegt.

Frauen fühlen sich deutlich unsicherer als Männer

So fühlen sich nur rund 40 Prozent der Frauen nachts im öffentlichen Raum ohne Begleitung sicher, im Vergleich zu rund 70 Prozent der Männer. Ein ähnlich starkes Gefälle ergibt sich bei der Frage nach dem Sicherheitsgefühl in Bussen oder Bahnen. Hier fühlen sich nur rund 32 Prozent der Frauen sicher. Bei Männern sind es 60 Prozent.

Können sich Frauen ebenso unbeschwert in der Stadt fortbewegen wie Männer?

Ein weiterer Aspekt beim Thema Frauen und Stadtplanung ist der Bereich Mobilität. Auch hier besteht ein großes Gefälle zwischen den Geschlechtern, da Frauen ganz andere Wege als Männer zurücklegen. Während es bei Männern immer noch größtenteils zwei Wegstrecken am Tag sind, nämlich zur Arbeit und wieder nach Haus, legen Frauen eher kürzere Teilstrecken zurück.

Sie übernehmen immer noch den Großteil der Sorgearbeit, indem sie die Kinder zur Schule bringen, sie zu Hobbys begleiten oder Besorgungen erledigen. Daraus ergibt sich, dass Frauen deutlich häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel als Männer angewiesen sind oder zu Fuß gehen, zum Beispiel weil bestimmte Bereiche schlecht mit dem Auto zu erreichen sind.

Dennoch sind Gehwege, Haltestellen etc. nicht auf Frauen ausgelegt. Beispielsweise sind sie häufig für Kinderwagen zu schmal.

Frauen sind immer noch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt

Obwohl Frauen durch ihr Mobilitätsverhalten sogar mehr zum Klimaschutz beitragen als Männer, finden sie immer noch weniger Beachtung. Ein eigenes Mobilitätsgesetz für das Land ist laut der Referentin des Landesfrauenrats Baden-Württemberg zwar ein erster Schritt in die richtige Richtung, doch würden dabei die Bedürfnisse von Frauen bei Weitem noch nicht ausreichend berücksichtigt.

Jede Frau macht sich über ihren Weg Gedanken. Wie komme ich sicher von A nach B. Das müssen Männer nicht machen, deswegen sind die Themen Mobilität und Sicherheit für Frauen in einer Stadt essentiell.

Wünschenswert wäre ein Angebot wie beispielsweise in den Städten Regensburg, Augsburg oder Bochum, wo man sich vom Universitäts-Campus zumindest zum Bus, Parkplatz oder Fahrrad sicher begleiten lassen kann, wenn man sich unwohl fühlt.

Wie weit ist man beim Thema Stadtplanung und Frauen in Rheinland-Pfalz?

In Rheinland-Pfalz wird bereits ein weiblicherer Blickwinkel auf die Stadtplanung gelegt. So wurde etwa ein groß angelegtes Projekt an der Universität Koblenz zum Thema Sicherheit und Frauen umgesetzt.

Mittlerweile kümmert sich in der Stadt Koblenz Architektin und Innenstadtmanagerin Astrid Fries um mehr Sicherheit, bessere Mobilität und Teilhabemöglichkeiten für Frauen. Mit bloßer Beleuchtung von Straßenzügen sei es nicht getan. Baugebiete müssten aufgeweicht werden, indem etwa Industriegebiete durch Restaurants und Wohnungen aufgelockert würden.

An manchen Orten ist es zwar hell, aber nichts los. Da fühlt man sich als Frau genauso unsicher.

Grüne Wohnzimmer und Parks für Mädchen in Österreich bereits Realität

Ein Vorbild beim Thema Stadtplanung könne auch Wien sein. Mithilfe von Grünflächen im Westentaschen-Format, sogenannten „Pocket Parks“, versucht die Stadt versiegelte Flächen zwischen Häuserblöcken wieder zu begrünen und einen Platz zu bieten, an dem Essen und Trinken mitgebracht und einfach nur geplaudert oder gespielt werden kann, eine Art grünes Wohnzimmer.

„Pocket-Park“ in China
Wie in Wien finden sich auch in China kleine grüne Oasen zwischen Gebäuden, sogenannte „Pocket Parks“. IMAGO / Xinhua

Laut der Architektin sei auch erforscht, dass Jungen Grünanlagen schneller für sich vereinnahmten, sodass Mädchen sich in großen Parkanlagen zurückgedrängt fühlten. Denn Mädchen eigneten sich zurückhaltender Raum an als Jungen.

Auch hier bietet Wien eine Lösung: Parks werden speziell für Mädchen gestaltet, mit Toiletten, niedrigen Büschen und zum Beispiel eigenen Zugangszeiten zu einem Skater-Areal.

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