TikTok-Kanal „keine.erinnerungskultur“

Gedenken statt Erinnern: TikTokerin Susanne Siegert informiert über den Holocaust

Auf TikTok und Instagram bringt die Journalistin Susanne Siegert einem jungen Publikum den Holocaust näher. Erinnerungskultur muss aktive Gedenkarbeit sein, fordert sie in ihrem neuen Buch.

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Von Autor/in Giordana Marsilio

Preis für „keine.erinnerungskultur“ auf TikTok

Auf TikTok und Instagram gibt es nicht nur Tanztrends und lustige Videos – auch wichtige Bildungsarbeit kann dort stattfinden. Genau das tut die Journalistin Susanne Siegert mit ihrem Kanal „keine.erinnerungskultur“.

Was zunächst wie eine Provokation klingt, ist in Wahrheit eine klare Forderung: Das Erinnern an den Holocaust und die NS-Verbrechen darf nicht bloß hingenommen werden – es braucht aktives Engagement. Sie schlägt daher den Begriff „Gedenkarbeit“ vor. „Darin steckt ‚Arbeit‘ und das betont, dass wir uns aktiv engagieren müssen“, sagt Siegert im Gespräch mit SWR Kultur.

Die Erinnerungskultur also müsse neu gedacht und zu Gedenkarbeit werden. Auf Instagram und TikTok erreicht sie circa 200.000 Follower. Für ihre Bildungsarbeit auf diesen Plattformen hat sie den Grimme Online Award 2024 erhalten.

Der Begriff „Erinnerungskultur“ ist per se nicht falsch, meint Susanne Siegert. Allerdings brauchen wir einen aktiveren Perspektivwechsel, daher schlägt sie „Gedenkarbeit“ vor. Sie möchte damit betonen, dass in unser Engagement Arbeit gesteckt werden muss.
Der Begriff „Erinnerungskultur“ ist für nach Susanne Siegert nicht per se falsch, schlägt aber „Gedenkarbeit“ als Alternative vor, um zu betonen, dass damit auch Engagement und Arbeit verbunden ist.

Hinterfragen, wie wir erinnern

Alles fing mit einer persönlichen Recherche an. „Ich habe vor fünf Jahren begonnen, mich mit einem ehemaligen Außenlager des KZ Dachau in meiner Heimat Bayern zu beschäftigen“, erzählt Siegert.

Das Lager „Mühldorfer Hart“ sei in ihrer Schulzeit nie Thema gewesen, eine Leerstelle, die sie später schließen wollte: „Über diese Recherche habe ich mir viel Wissen angeeignet: über Orte, Opfergruppen, Verbrechen. Und ich wollte das teilen.“

Und so entstand der Kanal @keine.Erinnerungskultur. Der Name soll gleich ausdrücken, worum es ihr geht: zu hinterfragen, wie wir heute erinnern.

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Erinnern kann man nur was man selbst erlebt

In „Gedenken neu denken: Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss“ hat sie jetzt über ihre Arbeit geschrieben: „Im Buch haben diese Recherchen ein bisschen mehr Platz bekommen als in so einem kurzen Video“, kommentiert Siegert.

Darin plädiert sie nicht für das Ende der Erinnerung, sondern für ein Umdenken: „Abschaffen ist zu hart gesagt“, betont sie. Aber das Wort „Erinnerung“ suggeriere, man könne sich an etwas erinnern, das man selbst erlebt hat. Und das treffe auf die meisten zum Glück nicht zu.

Gedenken ist nicht nur Aufgabe der Institutionen

Gedenkarbeit dürfe laut Siegert nicht allein Aufgabe von Museen, Schulen oder Politikerinnen sein. „Auch Privatpersonen können neue Perspektiven einbringen, als Korrektiv.“

Dazu gehöre etwa auch, die eigene Familiengeschichte zu erforschen, vergessene Tatorte sichtbar zu machen oder über verfolgten Widerstand zu sprechen – jenseits so bekannter Figuren wie Sophie Scholl oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Wenn Privatpersonen ihre eigene Familiengeschichte erforschen und diese beispielhaft auf Social Media posten, entstehe ein größerer Überblick über die Geschichte. So werde sichtbar und einschätzbar, dass „es viele Perspektiven gibt, die in den letzten Jahrzehnten gefehlt haben und die wir spätestens jetzt beisteuern müssen.“

Wie recherchiert man die „Nazi-Verstrickung der Familie“?

In einem TikTok-Video macht Siegert es vor: Sie erklärt, wie sie zur NS-Verstrickung ihres Urgroßvaters in das Massaker von Lemberg recherchiert hat. Unter anderem stellte sie dazu eine Anfrage beim Bundesarchiv. Am Ende des Videos lädt sie alle Deutschen mit einem „Nazi-Hintergrund“ dazu ein, auch ihre eigene Familiengeschichte zu erforschen.

NS-Vergangenheit prägt uns auch heute

Da immer weniger Überlebende des Holocaust aus eigenem Erleben berichten können, steht die Erinnerungskultur vor einem Umbruch. Für Siegert aber bleibt ihr Zeitzeugnis: „Alles, was Überlebende öffentlich erzählt haben, wurde aufgezeichnet. Diese Archive sind ein Zeugnis und wir müssen sie nur anhören.“

Darüber hinaus bleibe die NS-Vergangenheit im Alltag spürbar: „Wie unsere Städte heute aussehen, wie unsere Familiengeschichten verlaufen, selbst unser Grundgesetz, all das ist sehr eingefärbt von den Entwicklungen und den Verfolgungen aus dieser Zeit.“

Für Susanne Siegert muss diese Gedenkarbeit auch ohne Überlebende fortgeführt werden, denn es sei enorm wichtig „dass wir wissen, was und vor allem, wie es passiert ist.“

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