Gesellschaft im Wandel

Warum Tabubrüche immer salonfähiger werden

Tabus strukturieren unser Zusammenleben, doch wer sie bricht, sorgt für Schlagzeilen. In Politik, Medien und auf Social Media wird das Unsagbare zunehmend laut. Was steckt dahinter – kalkulierte Provokation oder notwendige Aufklärung? Dieser Frage gehen die Südwestdeutschen Medientage in Landau in der Pfalz und auf dem Hambacher Schloss nach.

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Stand

Von Autor/in Tobias Ignée

Das Tabu als gesellschaftlicher Konsens

Tabus sind Verbote und Einschränkungen, auf die sich Gesellschaften verständigen. Sie markieren unsichtbare Linien dessen, was sag- oder machbar ist, schaffen Sicherheit und Identität.

Tabus entstehen aus kulturellen, religiösen oder moralischen Überzeugungen und können je nach Kultur, Religion oder sozialem Kontext variieren. Aber warum werden sie immer häufiger gebrochen? Und in welchen Kontexten?

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“

Der Grund, warum der Tabubruch immer mehr Platz in unserer Gesellschaft einnimmt, ist für die Germanistik-Professorin Melani Schroeter die immer weiter steigende Wertschätzung an Kommunikation.

„Es gilt wirklich schon als Norm, dass man alles ansprechen und aussprechen soll. Gesellschaftlich und individuell soll man so viel wie möglich ausleuchten und Probleme nicht unter den Teppich kehren.“

Das führt nach Ansicht der Wissenschaftlerin von der Universität Reading in Großbritannien dazu, dass das Tabu und das Schweigen immer kritischer betrachtet und skandalisiert werden.

Versammung von Neonazis, mit einen Banner der Aufschrift: "Bündnis gegen Links. Remigration. Krimineller Ausländer. Illegaler Einwanderer"
Banner wie diese, die vor einigen Jahren noch als Tabubruch gegolten hätten, sind auf Demonstrationen heute längst keine Seltenheit mehr. picture alliance/dpa | Roberto Pfeil

Tabubruch in der Politik: Steuerung der öffentlichen Debatte

In der Politik gehört es zum Tagesgeschäft, Tabus zu brechen. Der Tabubruch ist kalkuliert und wird strategisch eingesetzt, um etwa mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Vor allem in den sozialen Medien funktionieren empörende oder grenzüberschreitende Aussagen besonders gut. Langsam schwappen sie dann auch in andere Bereiche der Gesellschaft über.

Mit dem Tabubruch lassen sich Wählerschichten mobilisieren, die sich von bestehenden gesellschaftlichen Normen oder der sogenannten politischen Mitte nicht angesprochen fühlen. Beispiel hierfür wäre das „Remigrationsnarrativ“ der AfD: Damit sollen gezielt Menschen angesprochen werden, die sich durch Migration und kulturelle Entfremdung bedroht fühlen.

Anti-CDU-Demo gegen Friedrich Merz und die CDU vor dem Konrad-Adenauer-Haus wegen der Migrationspläne
Ebenfalls als Tabubruch wird interpretiert, dass sich Friedrich Merz im Januar 2025 bei Anträgen zur Migrationspolitik von den Stimmen der AfD abhängig machte. Er riskierte damit, die demokratischen Normen zu untergraben und die AfD aufzuwerten.   IMAGO / Klaus Martin Höfer

Als US-Präsident Donald Trump im Juni die Nationalgarde gegen Demonstranten in Los Angeles einsetzte, die gegen Abschiebe-Razzien protestierten, erntete er dafür sehr viel Kritik.

Der Einsatz der Nationalgarde war ein Tabubruch, weil er die Grundprinzipien der liberalen Demokratie verletzte: den Schutz der Bürgerrechte und die Gewaltenteilung.

Truppen der Nationalgarde stehen in Alarmbereitschaft
Truppen der Nationalgarde stehen in Alarmbereitschaft gegen das rigorose Vorgehen des US-Präsidenten Donald Trump gegen die Einwanderung. IMAGO / Kyodo News

Tabu und Berichterstattung

Wenn Journalistinnen und Journalisten ganz bewusst gesellschaftliche oder ethische Grenzen überschreiten, werden auch in den Medien ganz bewusst Tabus gebrochen. Damit sollen Debatten angestoßen und Aufmerksamkeit erzeugt werden. Und nicht ganz nebenbei erhöht der Tabubruch die Einschaltquoten oder die Klickzahlen.

Der mediale Tabubruch ist ethisch ambivalent. Schließlich kann er nicht nur Missstände aufdecken, er birgt auch die Gefahr von Verletzungen der Menschenwürde, der Privatsphäre oder gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Ein junger Mann sitzt mit einer Fernbedienung vor dem Fernseher
Für die Medien bedeutet ein Tabubruch oftmals ein lohnenswertes Geschäft. picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Britta Pedersen

Lady Dianas Unfalltod

Ein prominentes Beispiel: Die von Paparazzi veröffentlichten intimen Fotos der Unfallnacht von Lady Diana im Jahr 1997 sorgten für große Empörung. Ethisch problematisch war die Verletzung der Menschenwürde im Sterben, was den Sensationsjournalismus weltweit in die Kritik brachte.

Autounfall am 31.08.1997 von Lady Diana, Prinzessin von Wales
Dianas Bruder Charles Spencer gibt den Medien, die seine Schwester ihr Leben lang belästigt hätten, die Schuld an ihrem Tod. Er lädt die Chefredakteure der britischen Zeitungen von der Trauerfeier wieder aus, nur Journalistinnen und Journalisten, die berichten, sind zugelassen. IMAGO / Bestimage

Veröffentlichung von US-Chats

Umstritten war auch die Publikation von vertraulichen Chats von US-Sicherheitsbeamten im März 2025: Die Chats über bevorstehende Militäreinsätze gegen die Huthi im Jemen können als Grenzverletzung zwischen investigativem Journalismus einerseits und der Geheimnisgefährdung nationaler Sicherheit gedeutet werden.

Eine Signal-App-Seite auf einem Mobilgerät.
US-Sicherheitsbeamte tauschten sich im März 2025 in einem Signal-Chat über bevorstehende Militäreinsätze gegen die Huthi im Jemen aus. IMAGO / NurPhoto

Gewalt gegen Journalisten

Bei Protesten zum Nahostkonflikt kam es in 2024 zu zahlreichen Übergriffen auf Medienschaffende. Reporter wurden bespuckt, attackiert und in ihrer Arbeit behindert. Der Tabubruch besteht hier in der Einschränkung der Pressefreiheit.

Enttabuisierung auf Social Media

Besonders häufig finden Tabubrüche auf Social Media statt. Die Anonymität der Nutzer*innen führt dazu, dass Hemmschwellen sinken und Dinge gesagt werden, die bei einer face-to-face-Kommunikation „tabu“ wären.

Die Plattformen bieten eine ideale Bühne für schrankenlose Selbstdarstellendung und Inhalte, die Wut, Empörung, Scham oder Faszination auslösen. Wer Tabus bricht, wird mehr gesehen, weil gezielte Provokation mehr Reaktionen hervorruft als Harmonie – der Algorithmus belohnt den Tabubruch mit Likes und Kommentaren.

Tastatur mit den Buchstaben Social Media
Sie sind seit einigen Jahren das Epizentum des gezielten Tabubruchs: die sozialen Medien. IMAGO / Steinach

Vom Deepfake bis zum politischen Protest

Im vergangenen Jahr wurden pornografische Deepfake-Bilder der Sängerin Taylor Swift millionenfach auf X und TikTok geteilt. Ein Beispiel für den massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Musikerin, der auch Diskussionen über Ethik in der KI und rechtliche Maßnahmen angestoßen hat.

Für heftige Kritik, auch in den eigenen Reihen, sorgte im Juni ein Post der Grünen-Jugend-Politikerin Jette Nietzard. Sie postete auf ihrem Instagram-Kanal ein Foto von sich, auf dem sie einen Pullover mit dem Kürzel ACAB trug. Nietzhard hatte damit den gesellschaftlichen und politischen Grundkonsens verletzt, ganze Berufsgruppen pauschal zu verurteilen und Kritik differenziert zu äußern.

Graffiti an einer alten Fabrikwand
Die umstrittene Anti-Polizei-Parole „A.C.A.B.“ ist ein einglisches Akronym für „all cops are bastards“, sinngemäß übersetzt: „Alle Bullen sind Schweine“. IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Zwischen Meinungsfreiheit und Verantwortung

Tabubrüche sind ein fester Bestandteil öffentlicher Debatten, ob in der Politik oder den Medien. Sie können gesellschaftliche Diskussionen anstoßen, festgefahrene Normen aufbrechen und Themen zur Sprache bringen, die oft verdrängt oder als „unsagbar“ gelten.

Ihre Grenze haben sie dort, wo sie nicht aufklärend wirken, sondern menschenfeindlich, entwürdigend oder spaltend. Es sollte dabei auch immer die Frage im Raum stehen, ob man ein Tabu bricht, um etwas zu verbessern oder nur, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Bei all der medialen Aufmerksamkeit für Tabubrüche sollte es Melani Schroeter nach jedoch weniger um das Tabu an sich gehen, sondern darum, dass man bereit sein müsse, die Konsequenzen eigener provokativer Aussagen zu tragen.

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