Das Tabu als gesellschaftlicher Konsens
Tabus sind Verbote und Einschränkungen, auf die sich Gesellschaften verständigen. Sie markieren unsichtbare Linien dessen, was sag- oder machbar ist, schaffen Sicherheit und Identität.
Tabus entstehen aus kulturellen, religiösen oder moralischen Überzeugungen und können je nach Kultur, Religion oder sozialem Kontext variieren. Aber warum werden sie immer häufiger gebrochen? Und in welchen Kontexten?
„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“
Der Grund, warum der Tabubruch immer mehr Platz in unserer Gesellschaft einnimmt, ist für die Germanistik-Professorin Melani Schroeter die immer weiter steigende Wertschätzung an Kommunikation.
„Es gilt wirklich schon als Norm, dass man alles ansprechen und aussprechen soll. Gesellschaftlich und individuell soll man so viel wie möglich ausleuchten und Probleme nicht unter den Teppich kehren.“
Das führt nach Ansicht der Wissenschaftlerin von der Universität Reading in Großbritannien dazu, dass das Tabu und das Schweigen immer kritischer betrachtet und skandalisiert werden.
Tabubruch in der Politik: Steuerung der öffentlichen Debatte
In der Politik gehört es zum Tagesgeschäft, Tabus zu brechen. Der Tabubruch ist kalkuliert und wird strategisch eingesetzt, um etwa mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Vor allem in den sozialen Medien funktionieren empörende oder grenzüberschreitende Aussagen besonders gut. Langsam schwappen sie dann auch in andere Bereiche der Gesellschaft über.
Mit dem Tabubruch lassen sich Wählerschichten mobilisieren, die sich von bestehenden gesellschaftlichen Normen oder der sogenannten politischen Mitte nicht angesprochen fühlen. Beispiel hierfür wäre das „Remigrationsnarrativ“ der AfD: Damit sollen gezielt Menschen angesprochen werden, die sich durch Migration und kulturelle Entfremdung bedroht fühlen.
Als US-Präsident Donald Trump im Juni die Nationalgarde gegen Demonstranten in Los Angeles einsetzte, die gegen Abschiebe-Razzien protestierten, erntete er dafür sehr viel Kritik.
Der Einsatz der Nationalgarde war ein Tabubruch, weil er die Grundprinzipien der liberalen Demokratie verletzte: den Schutz der Bürgerrechte und die Gewaltenteilung.
Tabu und Berichterstattung
Wenn Journalistinnen und Journalisten ganz bewusst gesellschaftliche oder ethische Grenzen überschreiten, werden auch in den Medien ganz bewusst Tabus gebrochen. Damit sollen Debatten angestoßen und Aufmerksamkeit erzeugt werden. Und nicht ganz nebenbei erhöht der Tabubruch die Einschaltquoten oder die Klickzahlen.
Der mediale Tabubruch ist ethisch ambivalent. Schließlich kann er nicht nur Missstände aufdecken, er birgt auch die Gefahr von Verletzungen der Menschenwürde, der Privatsphäre oder gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Lady Dianas Unfalltod
Ein prominentes Beispiel: Die von Paparazzi veröffentlichten intimen Fotos der Unfallnacht von Lady Diana im Jahr 1997 sorgten für große Empörung. Ethisch problematisch war die Verletzung der Menschenwürde im Sterben, was den Sensationsjournalismus weltweit in die Kritik brachte.
Veröffentlichung von US-Chats
Umstritten war auch die Publikation von vertraulichen Chats von US-Sicherheitsbeamten im März 2025: Die Chats über bevorstehende Militäreinsätze gegen die Huthi im Jemen können als Grenzverletzung zwischen investigativem Journalismus einerseits und der Geheimnisgefährdung nationaler Sicherheit gedeutet werden.
Gewalt gegen Journalisten
Bei Protesten zum Nahostkonflikt kam es in 2024 zu zahlreichen Übergriffen auf Medienschaffende. Reporter wurden bespuckt, attackiert und in ihrer Arbeit behindert. Der Tabubruch besteht hier in der Einschränkung der Pressefreiheit.
Enttabuisierung auf Social Media
Besonders häufig finden Tabubrüche auf Social Media statt. Die Anonymität der Nutzer*innen führt dazu, dass Hemmschwellen sinken und Dinge gesagt werden, die bei einer face-to-face-Kommunikation „tabu“ wären.
Die Plattformen bieten eine ideale Bühne für schrankenlose Selbstdarstellendung und Inhalte, die Wut, Empörung, Scham oder Faszination auslösen. Wer Tabus bricht, wird mehr gesehen, weil gezielte Provokation mehr Reaktionen hervorruft als Harmonie – der Algorithmus belohnt den Tabubruch mit Likes und Kommentaren.
Vom Deepfake bis zum politischen Protest
Im vergangenen Jahr wurden pornografische Deepfake-Bilder der Sängerin Taylor Swift millionenfach auf X und TikTok geteilt. Ein Beispiel für den massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Musikerin, der auch Diskussionen über Ethik in der KI und rechtliche Maßnahmen angestoßen hat.
Für heftige Kritik, auch in den eigenen Reihen, sorgte im Juni ein Post der Grünen-Jugend-Politikerin Jette Nietzard. Sie postete auf ihrem Instagram-Kanal ein Foto von sich, auf dem sie einen Pullover mit dem Kürzel ACAB trug. Nietzhard hatte damit den gesellschaftlichen und politischen Grundkonsens verletzt, ganze Berufsgruppen pauschal zu verurteilen und Kritik differenziert zu äußern.
Zwischen Meinungsfreiheit und Verantwortung
Tabubrüche sind ein fester Bestandteil öffentlicher Debatten, ob in der Politik oder den Medien. Sie können gesellschaftliche Diskussionen anstoßen, festgefahrene Normen aufbrechen und Themen zur Sprache bringen, die oft verdrängt oder als „unsagbar“ gelten.
Ihre Grenze haben sie dort, wo sie nicht aufklärend wirken, sondern menschenfeindlich, entwürdigend oder spaltend. Es sollte dabei auch immer die Frage im Raum stehen, ob man ein Tabu bricht, um etwas zu verbessern oder nur, um Aufmerksamkeit zu erlangen.
Bei all der medialen Aufmerksamkeit für Tabubrüche sollte es Melani Schroeter nach jedoch weniger um das Tabu an sich gehen, sondern darum, dass man bereit sein müsse, die Konsequenzen eigener provokativer Aussagen zu tragen.