Wenn Facebook zum Friedhof wird

Likes statt Kerzen: Wie Instagram und Facebook unsere Trauerkultur verändern

Im Jahr 2100 wird es mehr Profile von Verstorbenen geben als lebende Menschen in Deutschland. Was passiert mit all den Bildern und Nachrichten, wenn wir nicht mehr da sind? Und wer entscheidet, was von uns im Netz bleibt?

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Stand

Von Autor/in Lydia Huckebrink

Geister im Netz

Die letzte Sprachnachricht ist bei Whatsapp archiviert, ein altes Urlaubsfoto taucht plötzlich in der Timeline auf, Facebook erinnert automatisiert an den Geburtstag: Wenn ein Mensch stirbt, existiert er im Netz einfach weiter.

Denn wenn wir gehen, bleibt unser digitaler Fußabdruck zurück. Nicht nur E-Mail-Konten und Cloud-Speicher, sondern auch Profile auf Facebook, Tiktok und Instagram bleiben erstmal bestehen. Die Plattformen wandeln sich so zu digitalen Friedhöfen - und die Entwicklung steht erst am Anfang.

Laut einer Schätzung des Software-Dienstes „ExpressVPN“ wird es im Jahr 2100 in Deutschland mehr Social-Media-Profile von Verstorbenen geben als lebende Menschen.

Trauerkultur verändert sich im digitalen Zeitalter

Auf Fotos, in Videos und Privatnachrichten erscheinen die Verstorbenen so nah, als wären sie noch da. Damit verändert sich auch unsere Trauerkultur: Was früher das Kondolenzbuch war, ist heute die Kommentarspalte unter geposteten Beiträgen. Trauer findet nicht mehr nur am Grab statt, sondern auch im Newsfeed.

Gesicht einer Frau in Nahaufnahme, die eine Person umarmt
Ein Herz-Emoji ersetzt keine Umarmung, aber Trauernde finden auf Social-Media-Plattformen oft mehr Anteilnahme als in ihrem Umfeld.

Hinterbliebene teilen auf Instagram alte Fotos und verfassen Abschiedszeilen. Freundinnen, Bekannte und Fremde drücken ihr Beileid in Form von Emojis oder virtuellen Kerzen aus. In den digitalen Räumen können Trauernde heute so miteinander in Verbindung treten, selbst über Kontinente hinweg.

Mehr Trost in sozialen Netzwerken?

„Viele erleben das als tröstlich“, sagt Christine Kempkes vom Bundesverband Trauerbegleitung. Trauernde hätten das große Anliegen, über ihre Gefühle und ihren geliebten Menschen zu sprechen. Im Alltag der analogen Welt fände sich dafür nämlich oft zu wenig Verständnis.

„In den sozialen Medien können Trauernde zeigen, was sie bewegt, ohne Angst zu haben, anderen zur Last zu fallen“, erklärt die Trauerbegleiterin. „Sie bekommen manchmal sogar von Menschen Zuspruch, die sie gar nicht kennen. Das kann sehr heilsam sein.“

Nach dem Tod von Liam Payne trauert seine Partnerin auf Instagram

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Banalisierung durch Emojis?

Doch die sozialen Medien sind auch Räume der Selbstdarstellung. Die öffentliche Anteilnahme auf Instagram oder Facebook wirkt auf Außenstehende schnell aufgesetzt. Ein „Rest in Peace“-Kommentar und ein Herz-Emoji sind außerdem schnell getippt – banalisieren sie nicht die aufrichtig gemeinte Anteilnahme?

Ein Handydisplay zeigt ein "Like"-Symbol
Herzen und Likes sind schnell gepostet. Banalisieren soziale Medien unsere Trauerkultur?

Nein, findet Kempkes. Unpersönliche Kondolenz gebe es immer. „Auch offline kaufen viele einfach nur eine unpersönliche Kondolenzkarte und unterschreiben die. Das ist ja genauso wenig mitfühlend oder wertschätzend.“ 

Digitaler Nachlass schützt vor Missbrauch

Die Trauerbegleiterin sieht in der digitalen Gedenkkultur ein ganz anderes Problem: Nämlich wenn private Fotos und Videos geteilt werden, die die verstorbene Person so nie veröffentlicht hätte.

„Auch wenn es gut gemeint ist: Es ist aus Gründen des Persönlichkeitsrechts nicht in Ordnung, einfach Bilder von Verstorbenen zu posten.“ Die verstorbene Person muss dem zugestimmt haben. „Idealerweise klärt man zu Lebzeiten: Ist das für dich in Ordnung, wenn ich auf Social Media über meine Trauer spreche? Und geht das mit Fotos oder lieber ohne?“

Bisher mache sich kaum jemand ausreichend Gedanken, was mit den digitalen Fußabdrücken nach dem Tod passieren soll. „Um zu vermeiden, dass hinterher Missbrauch mit meinem Profil, meinen Bildern, meinen Daten betrieben wird, muss ich zu Lebzeiten meinen digitalen Nachlass regeln“, warnt Kempkes.

Frau liegt auf dem Bett und schaut in ihr Handy
Wer Bilder von Verstorbenen auf Social Media teilt, muss sich dafür zu Lebzeiten die Erlaubnis geholt haben.

Digitales Chaos nach dem Todesfall

Die Realität sieht anders aus. Die meisten Angehörigen stünden nach einem Todesfall vor einem digitalen Chaos. Vor allem, wenn niemand weiß, was mit den Profilen Verstorbener geschehen soll.

„Angehörige haben keinen Zugriff auf Daten und Profile, weil die Passwörter nicht hinterlegt sind. Gleichzeitig laufen Abos weiter, und es entstehen Kosten oder rechtliche Probleme. Das alles zusätzlich zum Trauerschmerz zu bewältigen, ist eine enorme Belastung.“

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Den digitalen Nachlass zu verwalten ist aber nicht nur eine organisatorische Aufgabe für die Hinterbliebenden. Es geht auch darum, die Würde der Verstorbenen zu wahren. Wer soll Zugriff auf das digitale Gedächtnis bekommen, auf Nachrichten, Fotos und Videos? Was darf veröffentlicht werden, was nicht?

Auf Facebook Nachlassverwalter bestimmen

Plattformen wie Facebook oder Instagram bieten derweil Methoden für die Profilverwaltung an: Man kann zu Lebzeiten festlegen, ob das eigene Profil gelöscht oder in eine Gedenkseite umgewandelt werden soll. Auf Facebook lässt sich sogar eine Person als Nachlasskontakt bestimmen, die sich um das Profil nach dem Tod kümmert.

Doch die wenigsten nutzen diese Möglichkeiten. „Der digitale Nachlass gehört zwingend ins Testament“, sagt Christine Kempkes. Denn wer darüber kommuniziert, sorgt dafür, dass digitale Erinnerung respektvoll bleibt.

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