Geschichte einer Musikkultur

Roots, Rock, Stadtpalais – Eine Ausstellung über Stuttgart als Reggae-Hotspot

Stuttgart ist die Heimat einiger Reggae-Künstler, deren Name in der einschlägigen Szene Weltrang hat. Das Stadtpalais feiert dieses Biotop der Popkultur.

Teilen

Stand

Von Autor/in Andreas Langen

„Big Tings“ im Stuttgarter Stadtpalais

Eins ist klar: Hier stimmt was nicht! Man betritt die Reggae-Ausstellung „Big Tings“ im Stuttgarter Stadtpalais, steht vor der üppigen Plantage einer bewusstseinsverändernden Grünpflanze, die bekannt ist für ihre notorisch süßliche Ausdünstung, aber zu riechen ist hier rein gar nichts. Alles nur Plastik. 

Müsste man denn eigentlich nicht ordentlich bekifft sein, um den Spirit des Reggae so richtig tief zu spüren? „Nein, überhaupt gar nicht. Das ist komplettes Klischee. Natürlich ist es eine Thematik, ganz klar. Aber es ist keine tragende Säule einer kulturellen Identität“, sagt der Stuttgarter Elmar Jäger, den die Ausstellung als weltweite Berühmtheit des Reggae einstuft.

Schwaben in Kingston

Da sind Unwissende verblüfft: Reggae, das ist doch jene partytaugliche Befreiungsmusik aus Jamaika, in den 1970er-Jahren berühmt gemacht von Bob Marley. Was machen denn Schwaben in Kingston? 

„Die Verbindung zwischen Jamaika und Stuttgart liegt ja wirklich nicht nahe, aber grundsätzlich ist diese Dancehall- und Reggae-Musik eine Musik, mit der die urbane Szene seit den 1980er-Jahren und vor allem in den 2000ern relativ viel anfangen kann“, erklärt Stadtpalais-Direktor Torben Giese.

Ausstellung Big Tings, Reggae, Dancehall, Soundsystems in Stuttgart
Reggae und Dancehall wird seit den 1980er-Jahren auch in Stuttgart populär. Andreas Langen

Haile Selassie als Erlöser

Doch vorher klärt die Ausstellung erst mal die historischen Grundlagen, und zwar mit Hilfe der Plastik-Hanfstengel am Eingang. In handelsüblichen Portionstütchen stecken dort statt Gras Illustrationen und Infos – etwa über den Panafrikanismus, einer christlich gefärbten Befreiungsbewegung in Amerika, die das Heil der unterdrückten Schwarzen in der Rückkehr nach Afrika sah.

„Tatsächlich wird 1930 Haile Selassie der Kaiser von Äthiopien und vor allem in Jamaika gibt es eine Menge von Intellektuellen, die sagen: Das ist dieser Messias, wir müssen zu ihm und er zeigt uns den Weg aus dem Kolonialismus. Und das ist diese Rastafari-Bewegung, dass man sagt, da kommt ein Messias und der befreit die Welt“, sagt Museumsleiter Giese.

Soundclash Trophäe
Trophäen aus sogenannten Soundclash-Wettbewerben: Das Konzept stammt aus der Reggae- und Dancehall-Kultur der 1950er-Jahre. Zwei oder mehr Teams („Soundsystems“) bauen ihre Lautsprecherwände auf und treten gegeneinander an. Das Publikum entscheidet. Andreas Langen

Stuttgarter Soundsystem im Reggae-Olymp

Bob Marleys Hit „Iron Lion Zion“ feiert genau diese Erlöserfigur. Weltanschaulich ist das Lichtjahre von dem entfernt, was sich später aus dem Reggae entwickelt: eine urbane, elektronische Musik mit jenem Groove, der Elmar Jäger Mitte der 1990er-Jahre infiziert, als er zum ersten Mal nach Jamaika kommt.

Elmar Jägers Netzwerk wächst, er und seine Kumpels nennen sich Sentinel Soundsystem. Der Clou solcher Gruppen ist es, nicht nur die fettesten Beats zu haben, sondern vor allem eigene Tracks, die sonst keiner hat.

Schließlich erreichen Jäger und Kollegen den maximalen Erfolg: Als erste Weiße gewinnen Sentinel 2005 den „Worldclash“-Wettbewerb in Brooklyn, eine Art Weltmeisterschaft des Reggae.