Ohne exakten Entwurf kein Großprojekt an der Wand
Strahlendes Königsblau neben sattem Orange. Mit Klebeband hat der Künstler Kartelovic die Farben voneinander abgetrennt und sprayt jetzt eine kerzengerade Linie. Hier sind Perfektionisten am Werk.
Auf zwei Hebebühnen arbeiten der Berliner und sein Kollege Maximilian Prantls alias HNRX aus Innsbruck an gleich zwei riesigen, angrenzenden Wänden an der Rückseite des Stuttgarter Theaterhauses. Bevor es an die Farbtöpfe und Spraydosen geht, war aber erstmal digitale Vorarbeit nötig. Ohne einen exakten Entwurf wäre so ein Großprojekt nicht möglich.
Die Wand muss einmalig sein
„Meistens ist es so, dass wir ein bisschen Pingpong spielen“, erklärt Kartelovic. „Ich mache meist die Vorskizze. Für mich ist wichtig, dass die Wand auch wirklich einmalig ist.
Ich arbeite viel mit Rastern, dass ich mich an vorgegebene Linien wie dem Gitter orientiere. Oder ich arbeite mit Linien, die die Architektur hergibt. Dann schicke ich das rüber und Max bespielt das, wie er sich das vorstellt. Und so versucht man immer wieder Kompromisse zu finden.“
Zwei Einzelkünstler arbeiten hier zusammen
Die beiden tragen beide weiße Pullover, die über und über mit Farbe besprenkelt sind. Wie zwei etwas andere Malermeister, die hier die Farbrollen und Spraydosen schwingen. Sie sind zwar eigentlich Einzelkünstler mit eigenem Stil, aber sie arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen.
Es passt einfach, meint HNRX, „dadurch, dass wir ein ähnliches Empfinden haben für Gestaltung und Form und Farbe. Ich glaube, gerade die Mischung macht es. Jeder arbeitet für sich allein. Und ab und zu ist es ganz geil, einmal, zweimal im Jahr, dass wir zusammen was machen, weil man was Neues lernt.“
Passanten schauen den Urban Artists bei der Arbeit zu
Schemenhafte Zeichnungen, kombiniert mit digital anmutenden Elementen, Rastern, und farbigen Flächen. Ein bisschen zusammengestellt wie eine Collage – die Arbeit bleibt größtenteils abstrakt. Und das Duo arbeitet im Akkord, um seinen aufwendigen Entwurf schnell an die Wand zu bekommen. Es ist Regen angesagt. Auf dem angrenzenden Parkplatz bleibt immer wieder jemand stehen und schaut, was die beiden da auf ihren Hebebühnen wohl machen.
Und so ist es auch gedacht: Die Leute sollen den Urban Artists bei ihrer Arbeit über die Schulter gucken können. Sprayen und Malen mal nicht im Schutz der Nacht, wie es viele von illegalen Sprayern kennen. Es gibt immer mehr solcher Urban Art Festivals.
Die perfekte Mischung aus Kunst, Malerei, Bewegung und Draußensein
Die beiden Sprayer finden dabei wichtig, dass sie die Ästhetik, die das Festival vertritt, auch selbst 1:1 vertreten können. Da sind sich die Künstler einig. Die beiden verbindet auch ihre Geschichte, wie sie in ihrer Kindheit zur Urban Art gekommen sind.
„Ich war einfach sehr gerne draußen“, erzählt HNRX, „und natürlich war die Malerei schon immer sehr wichtig. Ich habe viel mit Bleistift gemalt früher. Dann habe ich mit 11, 12, 13 Jahren Graffitis entdeckt in der Stadt. Und dann hat es mich voll gecatcht. Es ist die perfekte Mischung aus Kunst, Malerei, in Bewegung und Draußen.“
Auch Kartelovic hat immer gemalt und gezeichnet. Er ergänzt: „Im Jugendalter versucht man auch die Stadt für sich zu erobern. Und man merkt auch, dass man die Stadt nach seinen Vorstellungen verändern kann.“
Stuttgarts öffentlicher Raum soll dauerhaft mit urbaner Kunst bereichert werden
Und genau das ist auch Ziel des Festivals: Die Stadt in ihrer alltäglichen Ästhetik soll verändert und der Öffentliche Raum in Stuttgart dauerhaft mit urbaner Kunst bereichert werden. Das Festival macht seit 2022 deutlich, wie vielfältig diese Kunst ist.
Und – es endet nicht an der Wand – begleitend entsteht ein Magazin, ein Film, der den Entstehungsprozess der einzelnen Kunstwerke dokumentieren soll und eine Abschlussausstellung im Projektraum des Kunstverein Wagenhalle.
Ab heute dreht es sich nicht mehr nur im Theaterhaus um Kunst aller Art – die vormals triste Fassade trägt die Kunst jetzt auch nach außen.