Gegenwartskünstler verbindet Skulpturales mit Sozialem

Wie Erwin Wurm mit „Essiggurkerl“ und „Würstel“ die Kunstszene aufmischt

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Von Autor/in Luisa Sophie Klink

Geboren wurde Erwin Wurm 1954 im österreichischen Bruck an der Mur als Sohn einer Konditoreiverkäuferin und eines Polizisten. Schon früh stand für ihn fest, eine Künstlerlaufbahn einschlagen zu wollen – ganz zum Leidwesen seines Vaters. Denn Künstler galten damals noch „als Bürgerschreck mit einem Bein im Kriminellen“, meinte Wurm zumindest in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung.

Künstler Erwin Wurm steht neben einer mintfarbenen Skulptur mit überlangen Beinen.
Erwin Wurm setzt das Skulpturale mit Sozialem in Beziehung, aber aus einer Perspektive des Absurden: Ende der 1990er Jahre wollte er Menschen darstellen, ohne „ins Porträthafte zu geraten“. Er reduzierte sie auf Taschen oder Schuhe mit überlangen Beinen. picture alliance / Karl Schöndorfer / picturedesk.com | Karl Schöndorfer

An der Assoziation eines Künstlers mit den Begriffen „Bürgerschreck“ und „Kriminelle“ könnte allerdings etwas dran gewesen sein, wenn Wurms Geschichte, dass er eines Tages die Pistole seines Vaters in die Schule mitgenommen hat, tatsächlich stimmt. Das Fach für die Munition allerdings habe er vorher geleert. Er ging sozusagen nach dem Motto vor: Schulbildung durch Lehre am realen Objekt.

Eine orangefarbene riesige Handtasche auf langen Beinen als Skulpur scheint in einer Einkaufsstraße auszuschreiten.
Ein kritischer Blick auf das Konsumverhalten der Gesellschaft: Die Bronzeskulptur „Walking Bag“ in der Bonner Innenstadt ist der berühmten „Birkin Bag“ von Hermès nachempfunden und scheint zum Shoppingbummel losschreiten zu wollen. IMAGO / Bonn.digital

Erwin Wurm machte Nicht-Erfolg zum Erfolg

Das Objekt ist es, was den österreichischen Bildhauer bis heute fasziniert. Auch wenn das nicht immer so war, denn seine Träume gingen zunächst dahin, ein ruhmreicher Maler zu werden. Am Mozarteum in Salzburg wurden Wurms Illusionen allerdings jäh durchkreuzt, als er gegen seinen Willen eine Bildhauerklasse besuchen musste.

Eines seiner ersten Werke kann man als Antwort auf diese Zurückweisung interpretieren: seine Staub-Skulpturen. Sie sind kaum sichtbare Spuren aus Staub, die einen Gegenstand nur noch erahnen lassen, im Prinzip eine Art Nichts. Letztendlich war aber es genau die Bildhauerlaufbahn, die ihm künstlerisch zum Durchbruch verhalf.

Hausskulptur hängt von echtem Flachdachhaus
Alles andere als „nichts“ und unauffällig sind Wurms späteren Skulpturen, darunter die Installation „House Attack“. Seit 2008 ziert sie das Dach eines österreichischen Baukonzerns in Bratislava (Slowakei). IMAGO/ Dreamstime

1996 wurde für den Österreicher zum Schicksalsjahr

Das Sprichwort „Not macht erfinderisch“ ist praktisch zum Lebensmotto des Österreichers geworden. Einerseits, weil er wegen Geldmangels mit geschenktem Material wie Holz und Blech arbeitete, andererseits, weil sein künstlerischer Durchbruch aufgrund, oder zumindest nach einer schweren Lebenskrise erfolgte.

1996 erlebte Wurm ein wahres Schicksalsjahr. Erst verstarben seine beiden Eltern, dann ging seine Ehe in die Brüche und seine Ex-Frau nahm die beiden gemeinsamen Kinder mit. Die Kreativität und der Ideenreichtum des Künstlers befanden sich auf dem Tiefpunkt.

Serie „One Minute Sculptures“ verhalf Gegenwartskünstler zum Durchbruch

Als ihn der Leiter des Künstlerhauses in Bremen um eine Ausstellung bat, stand er mit leeren Händen da. Skulpturen hatte er keine in petto – zu tief war die Krise.

Doch gerade hieraus schöpfte er die Kraft für eine seiner größten künstlerischen Erfolge: die „One Minute Sculptures“, eine Foto-Konzeptidee, die an die Stelle fertig modellierter Skulpturen trat. Er verwandelte kurzerhand die Museumsmitarbeiter zum Kunstobjekt, indem er ihnen Stifte in die Nase steckte, Gurken zwischen die Zehen klemmte, oder Kleiderbügel an die Unterlippe hängte.

Erwin Wurm
Seine Erfolgsserie „One Minute Sculptures“ entwickelte Wurm stets weiter. Mittlerweile sind Gegenstände in seinen Ausstellungen zu finden, mit denen die Museumsbesucher interagieren können. Teils sind sie mit ganz konkreten Gebrauchsanweisungen versehen. Picture Alliance

Selbst Claudia Schiffer blieb von seiner Erfolgsserie nicht verschont. 2009 fotografierte er das Topmodel mit einem Besen und einer Apfelsine zwischen den Beinen. Auch andere Alltagsgegenstände stopfte er ihr in eine weiße Männerunterhose.

Während sie dies anscheinend widerstandslos über sich ergehen ließ, war ihr Management bei den Aufnahmen weniger entspannt, gestand er in einem Interview mit Die Welt. Bis heute habe er dieses Bild nicht verwenden dürfen.

Zwei braune Wurstskulpturen umarmen sich innig.
Der Umgang mit seinen Skulpturen ist über die Jahre ziemlich gleich geblieben: Am Ende erhalten sie immer einen Farbanstrich als zweite Haut - meist in leuchtend bunten Farben. Nur bei seiner Wurst-Serie bleibt er der Original-Würstchenfarbe braun treu. Picture Alliance

Skulpturales und Soziales verschmelzen zur Kunst

Auch wenn der Österreicher seiner Ansicht nach – aufgrund ein paar weniger missglückter politisch-künstlerischer Ansätze  – mittlerweile gänzlich auf politische Werke verzichten will, verfolgt seine Kunst dennoch immer eine gesellschaftskritische Zielsetzung. Mit seinem Blick durch eine absurde Brille auf die Welt, gibt ihm das Paradoxe zugleich eine befreiende Wirkung.

So tauchen auch immer wieder seine Eltern als Elemente in seiner Kunst auf: mal seine fürsorgliche Mutter mit ihrer wohlig wärmenden Art, ursprünglich dargestellt als übergroße orangefarbene Wärmflasche in ihrer exakten Lebensgröße von 1,72 Metern, mal sein Vater mit einer riesigen Polizeikappe, oder das Elternhaus.

Eine überdimesional große orangefarbene Wärmflasche auf zwei Beinen steht vor dem Stephansdom in Wien.
Mittlerweile ist die Skulptur „Big Mutter“, die Erwin Wurms eigene Mutter darstellt, vier Meter hoch und soll uns an die Priorität der Nächstenliebe erinnern. IMAGO/ Viennareport

Essiggurkerl, Würstchen, Fat Cars: Gesellschaftskritik mit einer Prise Humor

Sein Elternhaus, das sogenannte „Narrow House“ steht geradezu stellvertretend für die Botschaft seiner Kunst: gesellschaftskritische Werke mit einem gewissen Humor zu verbinden. Schon wenn man es betritt, umfängt einen ein klaustrophobisches Gefühl aufgrund der Enge, die es ausstrahlt. Sie soll symbolisch für eine gesellschaftliche Enge stehen.

Einerseits wird sie durch die nachgeahmte Architektur der 1960er-Jahre verströmt, andererseits durch die tatsächlichen Maße. Denn auch wenn das Haus 16 Meter lang und sieben Meter hoch ist, misst es nur 100 Zentimeter in der Breite.

Erwin Wurm
Das „Narrow House“ ist eine Mini-Version des Hauses seiner Kindheit in der Steiermark. Wurm sieht die Faszination darin, dass das Elternhaus stellvertretend für die eigene Kindheit steht und ein prägendes Element für das weitere Leben ist. IMAGO/Dispositphotos

Aktuelle Ausstellung „Erwin Wurm. Life Beat soft melt“

Doch Erwin Wurms Humor, beziehungsweise dessen Doppeldeutigkeit, stößt nicht überall auf Verständnis. Bei „Fat Cars“ untersagte ihm der Yorkshire Sculpture Park in England, die Serie so zu nennen und zwang ihn zur Umbenennung in „Big Cars. Der Titel sei in Zeiten von Bodyshaming-Debatten nicht mehr en vogue. Dass der Wortsinn und die Verbildlichung des Protzens dahinter nicht verstanden wurde, enttäuschte ihn.

Erwin Wurm
Bei seiner Serie „Fat Cars“ nimmt der Künstler das Wort „fett“ ganz wörtlich. Es steht für fette Autos mit viel PS. Das Deformieren, Aufblasen und Schrumpfen ist charakteristisch für Erwin Wurms Skulpturen. Picture Alliance

Denn selbst aufs Korn nehmen kann Wurm sich auch. Und zwar mit seinen Würstchen und „Essiggurkerl“, die er oftmals als Selbstporträts ansieht. Diese ursprünglichen Skulpturen finden sich auch aktuell in seinen Zeichnungen und Aquarellen in der Ausstellung „Erwin Wurm. Life Beat Soft Melt“ im Ludwig-Museum in Koblenz.

Zum ersten Mal zu sehen sein wird ein Raum mit Wandgemälden, den „Flat Sculptures“ und den Ausstellungs-Schlagworten „Leben, Schlag, weich, schmelzen“ – ein Gedankenkonstrukt, das großen Deutungsspielraum bietet, je nach der jeweiligen Sozialisierung der Betrachter.

Essiggurken-Skulpturen in einer Reihe in einem Park aufgestellt.
Im kleinen Furtwänglerpark zwischen Festspielhaus und Kollegienkirche in Salzburg stehen seine „Gurken“ (2011). Seine „Essiggurkerl“, wie er sie nennt, will er auch als Selbstportraits verstanden wissen. IMAGO / CHROMORANGE

Kunst voller Humor "Life Beat Soft Melt" - Erwin-Wurm-Ausstellung im Ludwigmuseum Koblenz

Im Ludwig Museum in Koblenz stellt Erwin Wurm das Leben selbst in den Mittelpunkt. Die Besucher sollen seine Kunst nicht betrachten, sondern mit ihr in Beziehung treten.

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Die Freiburger Künstlerin verwandelt mit Sprühpistole Räume in Bilder und macht Farben zur erfahrbaren Kraft. Ihre Arbeiten sind abstrakt, vergänglich – und radikal zeitgenössisch.

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Luisa Sophie Klink