Geboren wurde Erwin Wurm 1954 im österreichischen Bruck an der Mur als Sohn einer Konditoreiverkäuferin und eines Polizisten. Schon früh stand für ihn fest, eine Künstlerlaufbahn einschlagen zu wollen – ganz zum Leidwesen seines Vaters. Denn Künstler galten damals noch „als Bürgerschreck mit einem Bein im Kriminellen“, meinte Wurm zumindest in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung.
An der Assoziation eines Künstlers mit den Begriffen „Bürgerschreck“ und „Kriminelle“ könnte allerdings etwas dran gewesen sein, wenn Wurms Geschichte, dass er eines Tages die Pistole seines Vaters in die Schule mitgenommen hat, tatsächlich stimmt. Das Fach für die Munition allerdings habe er vorher geleert. Er ging sozusagen nach dem Motto vor: Schulbildung durch Lehre am realen Objekt.
Erwin Wurm machte Nicht-Erfolg zum Erfolg
Das Objekt ist es, was den österreichischen Bildhauer bis heute fasziniert. Auch wenn das nicht immer so war, denn seine Träume gingen zunächst dahin, ein ruhmreicher Maler zu werden. Am Mozarteum in Salzburg wurden Wurms Illusionen allerdings jäh durchkreuzt, als er gegen seinen Willen eine Bildhauerklasse besuchen musste.
Eines seiner ersten Werke kann man als Antwort auf diese Zurückweisung interpretieren: seine Staub-Skulpturen. Sie sind kaum sichtbare Spuren aus Staub, die einen Gegenstand nur noch erahnen lassen, im Prinzip eine Art Nichts. Letztendlich war aber es genau die Bildhauerlaufbahn, die ihm künstlerisch zum Durchbruch verhalf.
1996 wurde für den Österreicher zum Schicksalsjahr
Das Sprichwort „Not macht erfinderisch“ ist praktisch zum Lebensmotto des Österreichers geworden. Einerseits, weil er wegen Geldmangels mit geschenktem Material wie Holz und Blech arbeitete, andererseits, weil sein künstlerischer Durchbruch aufgrund, oder zumindest nach einer schweren Lebenskrise erfolgte.
1996 erlebte Wurm ein wahres Schicksalsjahr. Erst verstarben seine beiden Eltern, dann ging seine Ehe in die Brüche und seine Ex-Frau nahm die beiden gemeinsamen Kinder mit. Die Kreativität und der Ideenreichtum des Künstlers befanden sich auf dem Tiefpunkt.
Serie „One Minute Sculptures“ verhalf Gegenwartskünstler zum Durchbruch
Als ihn der Leiter des Künstlerhauses in Bremen um eine Ausstellung bat, stand er mit leeren Händen da. Skulpturen hatte er keine in petto – zu tief war die Krise.
Doch gerade hieraus schöpfte er die Kraft für eine seiner größten künstlerischen Erfolge: die „One Minute Sculptures“, eine Foto-Konzeptidee, die an die Stelle fertig modellierter Skulpturen trat. Er verwandelte kurzerhand die Museumsmitarbeiter zum Kunstobjekt, indem er ihnen Stifte in die Nase steckte, Gurken zwischen die Zehen klemmte, oder Kleiderbügel an die Unterlippe hängte.
Selbst Claudia Schiffer blieb von seiner Erfolgsserie nicht verschont. 2009 fotografierte er das Topmodel mit einem Besen und einer Apfelsine zwischen den Beinen. Auch andere Alltagsgegenstände stopfte er ihr in eine weiße Männerunterhose.
Während sie dies anscheinend widerstandslos über sich ergehen ließ, war ihr Management bei den Aufnahmen weniger entspannt, gestand er in einem Interview mit Die Welt. Bis heute habe er dieses Bild nicht verwenden dürfen.
Skulpturales und Soziales verschmelzen zur Kunst
Auch wenn der Österreicher seiner Ansicht nach – aufgrund ein paar weniger missglückter politisch-künstlerischer Ansätze – mittlerweile gänzlich auf politische Werke verzichten will, verfolgt seine Kunst dennoch immer eine gesellschaftskritische Zielsetzung. Mit seinem Blick durch eine absurde Brille auf die Welt, gibt ihm das Paradoxe zugleich eine befreiende Wirkung.
So tauchen auch immer wieder seine Eltern als Elemente in seiner Kunst auf: mal seine fürsorgliche Mutter mit ihrer wohlig wärmenden Art, ursprünglich dargestellt als übergroße orangefarbene Wärmflasche in ihrer exakten Lebensgröße von 1,72 Metern, mal sein Vater mit einer riesigen Polizeikappe, oder das Elternhaus.
Essiggurkerl, Würstchen, Fat Cars: Gesellschaftskritik mit einer Prise Humor
Sein Elternhaus, das sogenannte „Narrow House“ steht geradezu stellvertretend für die Botschaft seiner Kunst: gesellschaftskritische Werke mit einem gewissen Humor zu verbinden. Schon wenn man es betritt, umfängt einen ein klaustrophobisches Gefühl aufgrund der Enge, die es ausstrahlt. Sie soll symbolisch für eine gesellschaftliche Enge stehen.
Einerseits wird sie durch die nachgeahmte Architektur der 1960er-Jahre verströmt, andererseits durch die tatsächlichen Maße. Denn auch wenn das Haus 16 Meter lang und sieben Meter hoch ist, misst es nur 100 Zentimeter in der Breite.
Aktuelle Ausstellung „Erwin Wurm. Life Beat soft melt“
Doch Erwin Wurms Humor, beziehungsweise dessen Doppeldeutigkeit, stößt nicht überall auf Verständnis. Bei „Fat Cars“ untersagte ihm der Yorkshire Sculpture Park in England, die Serie so zu nennen und zwang ihn zur Umbenennung in „Big Cars. Der Titel sei in Zeiten von Bodyshaming-Debatten nicht mehr en vogue. Dass der Wortsinn und die Verbildlichung des Protzens dahinter nicht verstanden wurde, enttäuschte ihn.
Denn selbst aufs Korn nehmen kann Wurm sich auch. Und zwar mit seinen Würstchen und „Essiggurkerl“, die er oftmals als Selbstporträts ansieht. Diese ursprünglichen Skulpturen finden sich auch aktuell in seinen Zeichnungen und Aquarellen in der Ausstellung „Erwin Wurm. Life Beat Soft Melt“ im Ludwig-Museum in Koblenz.
Zum ersten Mal zu sehen sein wird ein Raum mit Wandgemälden, den „Flat Sculptures“ und den Ausstellungs-Schlagworten „Leben, Schlag, weich, schmelzen“ – ein Gedankenkonstrukt, das großen Deutungsspielraum bietet, je nach der jeweiligen Sozialisierung der Betrachter.