Jorge Larguito sitzt gebeugt über ein Stück Holz an einem Tisch. In der Hand hält er ein kleines Messer, mit dem er feine Linien schnitzt. Anschließend reinigt er mit einem Pinselstrich die Arbeitsfläche. Ein prüfender Blick folgt. Dann setzt er das Messer erneut an und bearbeitet konzentriert das harte Holz.
Der Däne, der eigentlich als Grafikdesigner arbeitet, hat sich das Schnitzen mit Messern selbst beigebracht. Die Werkzeuge, die er heute verwendet, habe es in ähnlicher Form bereits im Mittelalter gegeben, erklärt Larguito. „Das ist auf Abbildungen aus dem 16. Jahrhundert zu sehen“, sagt der Künstler.
Die „Biblia Pauperum“ erzählt mit Bildern
Larguitos Vorlage ist eine Seite aus der „Biblia Pauperum“, einer mittelalterlichen Armenbibel. Sie umfasst rund 40 Seiten, enthält nur wenig Text und erzählt Geschichten aus dem Leben Christi vor allem in Bildern. Eine der Seiten hat der Künstler auf ein Kirschholzstück übertragen.
Entscheidend bei der Arbeit ist die Tiefe der Rillen: Was Larguito in das Holz schneidet, wird später nicht gedruckt. Die erhabenen Flächen nehmen die Farbe auf und übertragen das Motiv auf das Papier.
100 Stunden Handarbeit für einen Druckstock
Für den Druckstock habe er insgesamt 100 Stunden gebraucht, erzählt er. Allein 16 Stunden seien in die Vorbereitung der Zeichnungen geflossen, weitere 82 Stunden in das Schnitzen mit dem Messer. Die Arbeit erfordert viel Geduld und Leidensfähigkeit. Denn einmal das Messer falsch angesetzt, wandert der ganze Druckstock als Brennholz in den Kamin.
Im Mittelalter sei es Larguitos Vorgängern wohl kaum besser ergangen, sagt der Direktor des Gutenberg-Museums in Mainz, Ulf Sölter. Dennoch glaubt er, dass die Künstler damals dank ihrer Erfahrung mit der Schnitztechnik deutlich schneller gearbeitet haben dürften. „Wenn man das als ausschließliche Beschäftigung hat, dann professionalisiert man sich“, so Sölter.
Die Arbeit von Jorge Larguito zeige aber, dass niemals per Freihand die Seite gestaltet wurde, sagt Sölter. Erst entstand die Zeichnung, dann wurde sie geschnitzt und anschließend gedruckt. Im Mittelalter waren daran verschiedene Arbeitsschritte und Fachleute beteiligt. Jorge Larguito hat für seinen Druckstock all diese Schritte selbst übernommen.
Revolutionärer Fortschritt
Der Druckstock nach mittelalterlichem Vorbild liegt nun neben der historischen Armenbibel im Gutenberg-Museum. So könnten die Besucherinnen und Besucher den Fortschritt durch den Buchdruck besser begreifen, meint Direktor Ulf Sölter. Schließlich hat Gutenbergs revolutionäre Erfindung der beweglichen Lettern den empfindlichen und nur wenige Male verwendbaren Druckstock aus Holz für alle Zeiten abgelöst.
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