Seit über 60 Jahren finden die Internationalen Tage in Ingelheim statt. Eine Ausstellung im Jahr bringt renommierte Kunst in die Kleinstadt – immer zwischen Mai und Juli. Die diesjährige Ausstellung „Neugier, Mut und Abenteuer“ zeigt Reisefotografien seit den 1920er-Jahren, die von Fotografinnen in aller Welt gemacht worden sind.
Aber was hat Maracujasaft mit der Ausstellungsreihe zu tun? Und wie hat alles angefangen? Drei überraschende Fakten aus der Geschichte der Internationalen Tage Ingelheim:
1. Kultureller Austausch: Kunst war nur Nebensache
2. Die politische Dimension: Sorgen vor Anschlägen 1992
3. Maracujasaft in Deutschland dank der Internationalen Tage?
Die Anfänge der Internationalen Tage
Hinter der Veranstaltungsreihe steht das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. Der damalige Mitinhaber des Familienunternehmens, Ernst Boehringer, gründete die Internationalen Tage in den 1950er-Jahren mit dem Leitgedanken der „kulturellen Offenheit“.
Die Idee dahinter war nach Angaben der Ausstellungsreihe, dass ein international agierendes Unternehmen auch „Ausblicke auf Leben und Kultur anderer Nationen“ liefern sollte.
Kulinarik, Kunst und Musik
Die Internationalen Tage begannen also als eine Art Kulturfestival, das in den Jahren vor allem deutsche Nachbarländer nach Ingelheim einlud. Zum Beginn waren 1959 Frankreich und die Schweiz zu Gast. Unter anderem Spanien, Österreich, Italien und Holland folgten.
Dabei war die Kunst nur ein Asoekt von vielen: Es wurden Konzerte veranstaltet und einige Ingelheimer Restaurants boten Gerichte aus den Gastländern an. Auch Einzelhändler und Geschäfte haben sich immer wieder an den Internationalen Tagen beteiligt und spezielle Produkte angeboten, zum Beispiel Möbel oder Schmuck.
Warhol, Picasso und Munch: Große Namen statt Länderkultur
Der Fokus auf einzelne Gastländer blieb bis Anfang der 2000er-Jahre mehr oder weniger erhalten. Nur 1977 und 1981 lag der Schwerpunkt der Internationalen Tagen bereits auf einzelnen Künstlern, nämlich Pablo Picasso und Edouard Manet.
Nach der Jahrtausendwende brachten die Internationalen Tage dann immer wieder Ausstellungen großer Namen, darunter Andy Warhol, Emil Nolde oder Edvard Munch, nach Ingelheim. Heute konzentrieren sich die Internationalen Tage auch auf übergeordnete Themen.
Sicherheitsbedenken bei den Internationalen Tagen 1992
Das ursprüngliche Ziel vom Dialog und Austausch zwischen den Kulturen war auch 1992 ein Thema, als die Internationalen Tage im Zeichen ihres Gastlandes Türkei stehen sollten. Die Stadt Ingelheim hatte damals Sicherheitsbedenken und befürchtete Anschläge, berichtete der SWF im April 1992.
Denn im gleichen Jahr machten blutige Konfrontationen in der Türkei Schlagzeilen. Das türkische Militär ging brutal gegen die als Minderheit in der Türkei lebenden Kurden vor. Ende März 1992 schrieb das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „Mit Unbehagen verfolgten westliche Regierungen das Blutvergießen“. Die Bundesregierung habe die Lieferung von Kriegsmaterial dann gestoppt, hieß es weiter.
Trotz Widerstands: Ausstellung fand statt
Auch die damalige Leiterin Patricia Rochard sprach gegenüber dem SWF von Spannungen zwischen Ankara und Bonn. Diese seien der Anlass für eine parteipolitische Diskussion in Ingelheim, „die dazu führte, dass man die Internationalen Tage nicht stattfinden lassen sollte“.
Der Ältestenrat der Stadt wollte damals weder die Ausstellung, noch die Rahmenveranstaltungen mittragen, berichtete der SWF. Doch Boehringer Ingelheim hielt an den mittlerweile seit 30 Jahren stattfindenden Internationalen Tagen fest: Die Ausstellung und Rahmenveranstaltungen, sowie Seminare und Filmvorführungen, fanden statt.
Brasilianische Tage: Exotisches kommt nach Ingelheim
1970 wurden Brasilianische Tage in Ingelheim veranstaltet. Das Programm bestand laut eines Berichts des SWF unter anderem aus Konzerten und einer Fotoausstellung. Eine Besonderheit für die Besucherinnen und Besucher waren darüber hinaus wohl auch die lebenden Kolibris und Leguane.
25 Jahre später erzählte der erste Leiter der Internationalen Tagen, François Lachenal, ebenfalls im SWF von den Vorbereitungen. Bei seinem Besuch in Brasilien habe er in Rio de Janeiro die Maracuja kennengelernt, was ihm gut gefallen habe.
Maracujasaft: Verkauf durch regionales Getränkeunternehmen?
Die Frucht sei dann nach Ingelheim importiert worden, um ein Saft daraus zu machen. „Und nachher hat Eckes das übernommen“, sagt François Lachenal. Maracuja gehört zur Familie der Passionsfrüchte. Die Pflanze stammt aus Brasilien, Paraguay und dem nördlichen Argentinien und wird mittlerweile auch in vielen anderen Ländern angebaut.
Wie der Getränkehersteller Eckes-Granini aus dem rheinland-pfälzischen Nieder-Olm mitteilt, habe sich das Unternehmen 1971 tatsächlich „an der Anpflanzung und Produktion von Maracuja und anderen tropischen Früchten in Brasilien“ beteiligt – also ein Jahr nach den Brasilianischen Tagen in Ingelheim.
Multivitaminsaft mit Maracuja wird seit 1979 verkauft
Der Maracuja-Versuch sei jedoch fünf Jahre später, nach der Vernichtung der Pflanzen durch eine Pilzkrankheit, wieder aufgegeben worden. Erst 1979 sei dann der erste Multivitaminsaft mit Maracuja auf den deutschen Markt gekommen, so das Unternehmen.
Ob es wirklich einen Zusammenhang zwischen den Internationalen Tagen und dem Verkauf von Maracujasaft durch den Getränkehersteller Eckes-Granini gibt, hat das Unternehmen allerdings nicht bestätigt.
Aber vielleicht verdanken wir ja den Internationalen Tagen Ingelheim tatsächlich nicht nur Kunst, sondern auch den Maracujasaft in Deutschland.