Tinguely und Basel
Basel bedeutet für viele: Jean Tinguely. Sogar ein ganzes Museum ist dem Künstler dort gewidmet. Geboren wurde er allerdings am 22. Mai 1925 in Freiburg im Üechtland, er wuchs jedoch in Basel auf und ist mit seinen Werken dort bis heute sehr präsent.
Das zeigt zum Beispiel der Tinguely-Brunnen, auch Fasnachts-Brunnen genannt, der zwischen 1975 und 1977 entstand. Zehn mechanische Skulpturen aus Metall bewegen sich mithilfe von Schwachstrommotoren und erzeugen Wasserspiele.
Die zehn mechanischen Figuren, gefertigt aus Teilen der ehemaligen Bühnenausstattung des Stadttheaters, stellen Schauspieler auf einer Bühne dar. Durch das Zusammenspiel von Metall und Wasser interagieren sie miteinander und ahmen eine Theatervorstellung nach.
Alles in Bewegung
Im Zentrum von Tinguelys Arbeit stand die Bewegung, die sich in dynamischen Mobiles, motorbetriebenen Assemblagen und großformatigen, rotierenden Bühnenbildern zeigte.
Die Bewegung ist wirklich etwas das wir jetzt in umfassender Weise zu spüren bekommen durch die Maschine, durch das Maschinelle unserer Zeit.
Die Dynamik kam aber erst später in seine Werke, der Anfang von Tinguelys Kunst waren Skulpturen. Schon in jüngeren Jahren interessierte er sich für künstlerische Tätigkeiten und ließ sich zuerst als Dekorateur ausbilden, bis er dann die Allgemeine Gewerbeschule Basel besuchte, wo er seine erste Frau kennenlernte: Eva Aeppli.
Zeit für Paris und den Durchbruch
Um als Künstler am Puls der Zeit in der Kunstwelt zu sein, gab es damals nur einen Ort: Paris. So zog er 1952 mit seiner Frau und der ersten Tochter Miriam-Eva in die französische Hauptstadt, wo er zunächst als Schaufensterdekorateur arbeitete, während er gleichzeitig Reliefs und Skulpturen aus Fundstücken realisierte.
Als Jean Tinguely 1955 seine Werke in der Ausstellung „Le Mouvement“ in der Pariser Galerie Denise René präsentierte, etablierte er sich schnell als bedeutender Vertreter der aufkommenden kinetischen Kunstbewegung.
Die Pariser Umgebung spielte eine entscheidende Rolle für seine künstlerische Entwicklung: Tinguely konnte die Spuren der dadaistischen Bewegung der 1920er-Jahre noch spüren und er wurde von den Künstler*innen um ihn herum beeinflusst, die sich mit Kinetik und Robotik beschäftigten.
Tinguelys „Méta-Matics“
In den späten 1950er Jahren entwickelte Tinguely die Serie der „Méta-Matics“ – Zeichenmaschinen, die automatisch abstrakte Zeichnungen erzeugten.
Diese Maschinen, konstruiert aus industriellen Materialien, stellten die Rolle des Künstlers und die Einzigartigkeit des Kunstwerks in Frage. Sie reflektierten kritisch die zunehmende Industrialisierung und Automatisierung der Nachkriegszeit.
Ein Beispiel dieser Serie ist die „Méta-Matic No. 17“, die Tinguely 1959 auf der ersten Biennale von Paris präsentierte. Diese Maschine bewegte sich autonom, zeichnete auf Papierrollen, versprühte Maiglöckchenduft und blies einen Ballon auf, bis er platzte.
Das war eine provokante Performance, die die Grenzen zwischen Kunst, Maschine und Zuschauer*innen verschwimmen ließ. Viele seiner Werke bezogen das Publikum mit ein – durch Knöpfe, Hebel und andere interaktive Elemente.
Jean Tinguely arbeitete mit recycelten Materialien wie Metall, Draht, Holz und Blech, die er aus Schrott bezog. Das war auch eine gesellschaftskritische Position gegen den Konsumismus.
„Homage to New York“
Jean Tinguelys Werke entwickelten sich nicht nur in Form von Skulpturen und kinetischen Installationen, sondern zunehmend auch in Richtung Performance. Ein Beispiel dafür ist sein Werk „Homage to New York“, das sich auf dem Höhepunkt seiner Darbietung selbst zerstörte.
Dieses Werk gilt als Wendepunkt in seinem Schaffen: Es war die erste autodestruktive Kunstmaschine, die zu jener Zeit realisiert wurde. 1960 wurde sie im Skulpturengarten des Museum of Modern Art präsentiert.
Die Modernität Tinguelys
2018 ließ Banksy eines seiner berühmtesten Werke, „Girl With Balloon“, bei einer Versteigerung bei Sotheby's in London sich selbst zerstören. Die Kunstwelt war sehr überrascht.
Doch Tinguelys Geste liegt bereits einige Jahrzehnte zurück – ein Beweis dafür, wie modern und avantgardistisch er war.
Die Beziehung mit Niki de Saint Phalle
In Paris lernte Tinguely den Künstler Yves Klein kennen, mit dem er später zusammenarbeitete, und Niki de Saint Phalle, mit der er eine Beziehung begann. 1971 wurde sie seine zweite Ehefrau, obwohl er gleichzeitig eine Beziehung mit der Fotografin Micheline Gygax führte, mit der er 1973 ein Kind, Jean-Sébastien, bekam.
1977: „Le Crocrodrome“ in Paris
Die Verbindung zwischen Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle war nicht nur persönlich, sondern auch künstlerisch geprägt. Ein Beispiel ihrer Zusammenarbeit ist das monumentale Kunstwerk „Le Crocrodrome de Zig et Puce“, das 1977 zur Eröffnung des Centre Georges Pompidou in Paris entstand.
Auf Einladung des damaligen Direktors Pontus Hultén arbeiteten Tinguely, Bernhard Luginbühl, Daniel Spoerri und Niki de Saint Phalle gemeinsam an dieser begehbaren Skulptur, die Elemente einer Geisterbahn aufwies. Das Werk kombinierte kinetische Installationen, mechanische Elemente und farbenfrohe Skulpturen zu einem interaktiven Erlebnis für die Besucher.
Hommage an die Kunst-Geisterbahn
Anlässlich des 100. Geburtstags des Künstlers hat das Museum Tinguely in Basel eine große Feier organisiert. Dafür haben die britische Künstlerin Rebecca Moss und der Schweizer Künstler Augustin Rebetez die Großinstallation „Scream Machines“ realisiert, eine Kunst-Geisterbahn, die ein „Le Crocrodrome“ von Tinguely in Paris Tribut zollt.
Die späten 1980er-Jahre: Auseinandersetzung mit dem Tod
In den späten 1980er-Jahren wurde Jean Tinguelys Werk zunehmend von düsteren Themen geprägt. Er integrierte neue Materialien wie Tierknochen und Schädel in seine Skulpturen, um die Vergänglichkeit des Lebens und den Tod zu thematisieren. Diese Entwicklung spiegelte auch seine persönliche Auseinandersetzung mit seiner sich verschlechternden Gesundheit wider.
Es gibt keinen Tod! Der Tod existiert nur für jene, die sich weigern, Entwicklung zu akzeptieren. Alles verändert sich. Der Tod ist der Übergang von einer Bewegung in die andere
Eines von Tinguelys bekanntesten Werken, der „Mengele-Totentanz“, ist im Museum Tinguely ausgestellt. Inspiriert wurde es 1986 durch ein Feuer nahe seinem Atelier, aus dessen Trümmern er eine beschädigte Maispresse der Firma Mengele fand (die im Besitz der Familie von Josef Mengele war, bekannt als der „Todesengel“ von Auschwitz). Aus den Überresten schuf er 18 bewegte Skulpturen.
Jean Tinguely starb schließlich am 30. August 1991 in Bern an den Folgen eines Herzinfarkts, den er zehn Tage zuvor erlitten hatte. Sein Vermächtnis lebt nicht nur in Museen weiter, sondern ist auch in vielen Städten sichtbar.