„Grenzspiele“ ist der vielsagende Titel der Retrospektive des Künstlers Michael Volkmer im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern. 2024 wurde Volkmer mit dem renommierten Pfalzpreis Bildende Kunst geehrt.
Der 1966 in Ludwigshafen geborene Künstler gehört zu den Aushängeschildern der Pfalz. Er arbeitet unter anderem mit Fundstücken und Alltagsgegenständen.
Mich reizt dieses Spannungsfeld zwischen Sein und Schein. Wie leicht kann man etwas Profanes ins Sakrale drehen oder kann das überhaupt so „aufpimpen“, dass das auf einmal wertvoll aussieht
Zwischen Fluxus und Pop-Kultur
Volkmer treibt also Upcycling auf die Spitze: Er gibt scheinbar banalen oder vertrauten Abfallmaterialien eine neue Bedeutung, platziert sie im Museum und belegt sie mit einem ganz neuen Wert.
Das erinnert an Marcel Duchamp mit seinen Readymades: Alltagsgegenstände wie ein Pissoir, die zu Kunst erhoben werden. Damit revolutionierte er Anfang des 20. Jahrhunderts den Kunstbegriff und beeinflusste die spätere Fluxus-Bewegung, die die Grenzen zwischen Kunst und Alltäglichem weiter verwischte.
„Dieser kleine Moment zwischen Kunst und Kitsch, das sind also so Dinge. Das ist spannend für mich“, erklärt der Installationskünstler.
Radkappen in sakral anmutenden Installationen
Besonders bekannt, ja fast ikonisch: seine monumentalen Rosetten aus ausrangierten Auto-Radkappen. Elfenbeinfarben lackiert und mit weißem Licht hinterlegt hat die Installation etwas nahezu Sakrales.
Mit seinen Arbeiten stellt er die eigene Wahrnehmung infrage. Das zeigt sich auch an einer großformatigen Video-Arbeit, die in der Pfalzgalerie Kaiserslautern gezeigt wird: „Der Akt, die Treppe herabfahrend“. Eine nackte Frau kommt darin scheinbar direkt den Besucher*innen am Anfang ihres Rundganges entgegen gefahren.
Michael Volkmer ist ein Künstler, der mit seinen Arbeiten sehr stark in den Raum eingreift. „Eine wesentliche Komponente der Ausstellung ist, dass Michael Volkmer in den Dialog mit diesen Räumlichkeiten gegangen ist.“, erzählt Museumsdirektor und Kurator Steffen Egle.
Spiel mit Raum und Wahrnehmung
Auch mit einer Installation aus Spiegeln spielt Volkmer mit der Wahrnehmung. Wer mit dem Fahrstuhl hochfährt, schaut direkt auf eine Spiegelwand und erblickt sich selbst in unterschiedlichen Ausschnitten und Spiegelungen.
„Es ist eine Installation aus barocken Spiegeln und einfachen Handspiegeln. Die Spiegel sind der Wand angepasst, manche habe ich einfach abgeschnitten.“, so Volkmer. Alle Rahmen der Spiegel sind in perlweiß lackiert, ebenso wie die Kruzifixe, die Michael Volkmer direkt nebenan zu einem großen Kreis, einer Art „Ringelreihen“ angeordnet hat.
Inspirationsquelle Sperrmüll
Auch das Motiv des Gekreuzigten begleitet den Künstler schon lange. Mal greift er es mit, mal ohne Kreuz auf: Alle wirken scheinbar gleich im kollektiven Ganzen – eine Anspielung auf den Individualitätsverlust in unserer Gesellschaft, erklärt der Künstler.
Er erinnert sich, wie im Studium die anderen da saßen und Farbkreise gemalt hätten. Er sei in den Keller gegangen und habe geschaut, was da so rumliegt. Er entdeckte alte Matratzen, die er dann aufgeschnitten und mit Beton ausgegossen habe. Damals habe er schon den ersten Gekreuzigten eingegossen.
Sperrmüll war immer eine große Inspirationsquelle. Das hat mich einfach interessiert, Dinge zu finden, umzubauen, was anderes daraus zu machen.
Arbeiten bei Brand vernichtet
Die Arbeiten entstehen in seinem Atelier in Winnweiler, in der Nähe von Kaiserslautern. Über die Jahre erhielt er viele Preise und Auszeichnungen. 2007 dann ein Tiefschlag: Brandstifter vernichteten sein Atelier und einen Großteil seiner Kunstwerke.
Er habe damals kurz überlegt, ob er überhaupt weitermachen sollte. „Ich habe mich nackt gefühlt, muss ich so sagen. Ich hatte ja nichts, was ich hätte ausstellen können. Mein Material, mein Fundus war weg. Es gibt viele Dinge, die ich vermisse, obwohl es schon so lange her ist.“
Aber der Konzeptkünstler hat weitergemacht. Und er hat auch wieder jede Menge Werke, die jetzt in der umfangreichen Einzelausstellung zu sehen sind. Rund 25 plastische und fünf Video-Arbeiten sind es. Anlass der Schau ist Volkmers Ehrung mit dem Pfalzpreis Bildende Kunst.
Volkmer lehnt Preisgeld wegen NS-Vergangenheit von Stifter ab
Im Jahr 2025 sorgt Michael Volkmer für öffentlichen Wirbel, als er einen Preis nicht annimmt. Den neu eingeführten Mannheimer „Midcareer Award“ der Heinrich-Vetter-Stiftung.
Der Künstler begründete, dass er das Preisgeld von 10.000 Euro wegen der NS-Vergangenheit des Stifters nicht annehmen wolle. Er entschied sich, das Geld zu spenden.
Eine seiner bedeutendsten Arbeiten war ein mobiles Kunstwerk, das an die Mannheimer Opfer von Zwangssterilisierung während der NS-Zeit erinnern soll. Ein weißes Mahnmal, wie ein riesiger Stolperstein, das seit 2013 wechselnd bei Institutionen aufgestellt wurde, die Zwangssterilisationen damals aktiv unterstützt haben.
Auf den ersten Blick abweisend und kühl und doch muss man sich damit auseinandersetzen, weil es sozusagen im Weg ist und nicht zu übersehen. Es setzt sich aus vielen kleinen Würfeln zusammen, die für Einzelschicksale stehen können, die zu einer großen Masse verschmolzen sind.
Das Spiel mit Gegensätzen und vermeintlichen Widersprüchen zieht sich durch das Werk von Michael Volkmer. Dazu passt auch, dass der Künstler auch als Musiker aktiv ist und seit den 1980er-Jahren als Schlagzeuger in Ludwigshafener Punkbands spielt. Unter anderem bei den Wehrkraftzersetzern.
Michael Volkmers Spiel mit Kontrasten – zwischen Kunst und Alltag, zwischen Sein und Schein – eröffnet neue Perspektiven und inspiriert dazu, die Schönheit im Alltäglichen zu entdecken.