Fotografien von historischen Stadtansichten

Stuttgart, doppelt belichtet: Die Kamera als Zeitmaschine

Michael Wesely fängt mit seinen Bildern das gegenwärtige und vergangene Stuttgart ein – und zeigt eindrucksvoll, wie sich die Stadt seit dem Krieg verändert hat.

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Stand

Michael Wesely macht Stuttgart zur fotografischen Zeitreise

An einem glühend heißen Sommertag betritt ein Mann mit Bollerwagen den Stuttgarter Schlossplatz und tut seltsame Dinge: Er geht am verlockend rauschenden Brunnen vorbei, ohne sich dort abzukühlen, und bleibt erst mitten in der prallen Sonne stehen.

Dann kramt er aus seinem Gefährt zwei Stative hervor. Auf dem einen installiert er eine Digitalkamera, auf dem anderen einen Laptop, zu dessen Betrachtung er unter einem schwarzen Tuch verschwindet. Nicht selten sprechen ihn Passanten an und fragen, was er da eigentlich macht.

„Die Stuttgarter, wenn es diese nun überhaupt gibt, sind ein sehr neugieriges Völkchen. Da kommen wirklich jeden Tag vier, fünf Leute jeden Alters und wollen erklärt haben, was ich da mache“, erzählt der Berliner Fotograf Michael Wesely.

Michael Wesely – Fotoprojekt Stuttgarter Stadtansichten
Schlossplatz Stuttgart: Arkaden am Kunstgebäude. Michael Wesely

Historische Fotos werden millimetergenau nachgestellt

Seit einigen Monaten fotografiert Wesely historische Stadtansichten nach, um beide Zeitschichten in einem Bild miteinander zu verbinden. Gerade vergleicht er auf seinem Laptop eine Schwarz-Weiß-Aufnahme des Schlossplatzes aus der unmittelbaren Nachkriegszeit mit der heutigen Situation.

Bis Standort, Kamerahöhe, Brennweite und Bildausschnitt exakt übereinstimmen, kann es dauern. Erst wenn sich die Fluchtlinien und Gebäude deckungsgleich überlagern, entsteht der gewünschte Effekt.

„Man sieht also einen Menschen aus 1945 ziemlich verloren nach dem Krieg herumlaufen und gleichzeitig einen Mann oder eine Frau mit drei Einkaufstüten über den gleichen Platz gehen. Dann weiß man eben, dass da Zeit vergangen ist.“

Michael Wesely – Fotoprojekt Stuttgarter Stadtansichten
Kleiner Schloßplatz Stuttgart: Ehemaliges Tunnelportal der Stuttgarter Straßenbahn; heute Foyer des Kunstmuseums Stuttgart. Michael Wesely

Sichtbar wird auch, was Stuttgart verloren hat

Weselys doppelt belichtete Stadtansichten machen nicht nur den Lauf der Zeit sichtbar, sondern auch die tiefgreifenden Veränderungen des Stadtbildes.

Gerade Stuttgart gilt vielen als Stadt, die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und während des Wiederaufbaus ein zweites Mal ihr historisches Gesicht verlor. Viele alte Gebäude mussten Neubauten und dem wachsenden Autoverkehr weichen.

„Dann kommen natürlich auch sämtliche Sachen vor, die verschwunden sind. Allen voran das berühmte Kaufhaus Schocken“, sagt Wesely. Würde das Gebäude heute noch stehen, „würden alle Influencer davorstehen und sich dauernd mit dieser tollen Fassade zeigen.“

Michael Wesely – Fotoprojekt Stuttgarter Stadtansichten
Schloßplatz Stuttgart: Nachkriegsaufnahme vom Südflügel des Neuen Schlosses, Neues Schloss heute. Michael Wesely

Eine Ausstellung als Einladung zur Zeitreise

Im Frühjahr 2027 werden Weselys Stuttgart-Bilder im StadtPalais Stuttgart ausgestellt. Parallel erscheint ein Bildband.

Bereits in Berlin arbeitete der Fotograf nach demselben Prinzip im Auftrag des Bundestags. Dort beobachtete er, wie Besucher lange vor den großformatigen Bildern stehen blieben und über die Geschichte ihrer Stadt ins Gespräch kamen. Genau das wünscht er sich auch für Stuttgart.

„Historie und Gegenwart mischen sich so seltsam, dass man gedanklich in Bedrängnis kommt. Was ist früher, was ist heute? Wenn die Entwicklung des Stadtraums direkt aus dem Bild hervorgeht, entstehen neue Erkenntnisse.“

Michael Wesely – Fotoprojekt Stuttgarter Stadtansichten
Marktplatz Stuttgart: Altes Rathaus im spätgotischen Stil, zerstört 1944; heutige Ansicht von Turm und Fassade aus dem Jahr 1956. Michael Wesely

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