Von barocker Dramatik bis zur modernen Großstadteinsamkeit

Wie Rembrandt, Caspar David Friedrich und Hopper die Nacht ins Bild setzen

Die Nacht fasziniert Künstler seit Jahrhunderten. Angst vor dem Unbekannten und die Anziehungskraft des Geheimnisvollen inspirierten Meisterwerke von Rembrandt, Caspar David Friedrich, Vincent van Gogh und Ernst Ludwig Kirchner. Beunruhigend, romantisch, feierlich – so zeigt sich die Nacht in der Kunst.

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Von Autor/in Natali Kurth

Die Nacht ist mehr als nur das Fehlen von Licht. Oft birgt die Nacht Geheimnisse oder macht Angst. Künstler*innen sind seit Jahrhunderten fasziniert vom Phänomen der Dunkelheit.

Rembrandt und die „Nachtwache“ – Barockes Meisterwerk

Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669), bekannt unter seinem Vornamen Rembrandt, gilt als einer der bedeutendsten niederländischen Künstler des Barock. Die „Nachtwache“ (1642) ist nationales Kulturgut der Niederlande und sein berühmtestes Gemälde. Das Meisterwerk ist im Rijksmuseum Amsterdam zu sehen.

Die Nacht in der Kunst
Rembrandt van Rijn: „Die Nachtwache“. Das Meisterwerk Rembrandts ist etwa 3,80 Meter hoch und 4,53 Meter breit und ist im Rijksmuseum Amsterdam zu sehen.

Bildtitel „Nachtwache“ stammt nicht von Rembrandt

Seit fast 400 Jahren erforschen Wissenschaftler*innen die sogenannte „Nachtwache“. Dabei gab es schon einige Überraschungen. Klar ist, dass der Titel nicht von Rembrandt selbst stammen kann. Im 17. Jahrhundert war es noch nicht üblich, den Werken einen Namen zu geben.

Wahrscheinlich ist die dargestellte Gruppe von bewaffneten Soldaten in der Mittagszeit losmarschiert. Trotzdem dominieren viele dunkle Flächen. Außerdem ist das Bild ohnehin durch Verschmutzung und Firnis nachgedunkelt – weshalb der populäre Titel „Nachtwache“ ganz gut passt und sich durchgesetzt hat.

Der Teufel liegt im Detail – Rätsel um den Hund im Bild

Aktuell gerät die „Nachtwache“ erneut in die Diskussion. Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, soll Rembrandt bei dem Meisterwerk abgemalt haben – und zwar bei dem kleinen Hund, der rechts unten im Bild zu sehen ist.

Die Nacht in der Kunst
Zwei Hunde im Fokus: Links Rembrandts Hund, rechts das vermeintliche Vorbild. Allein das Halsband und die Blickrichtung des Hundes lassen Parallelen vermuten.

Einer Kunsthistorikerin fielen Parallelen zu einer Zeichnung eines Hundes des Malers Adriaen van de Venne (1590–1662) auf. Das könnte ein Skandal werden. Vielleicht ist das ganze Gemälde „Nachtwache“ mittlerweile so dunkel, dass diese brisanten Details früher nicht aufgefallen sind.

Sehnsucht und Vergänglichkeit – Die Nacht bei Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich (1774–1840) ist ein berühmter Maler der Romantik. Die Nacht hatte für ihn eine symbolische Bedeutung. Tod und Vergänglichkeit waren zentrale Themen, aber auch die Sehnsucht nach der Unendlichkeit und dem Göttlichen.

Die Nacht in der Kunst
Caspar David Friedrich: „Kreidefelsen auf Rügen“

Die Nacht als Ort der Ruhe und Stille

Caspar David Friedrich nutzte die nächtliche Stimmung, um seinen Bildern Ausdruck zu verleihen. Der Autodidakt Caspar David Friedrich fertigte übrigens kaum Skizzen an. Er schwang den Pinsel erst, wenn das Gemälde in seinem Kopf bereits vollendet war. Dabei achtete er auf jedes Detail.

Nichts ist Nebensache in einem Bilde, alles gehöret unumgänglich zu einem Ganzen, darf also nicht vernachlässigt werden.

Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten

Das Werk von Caspar David Friedrich kam den Nationalsozialisten wie gerufen. Seine naturalistische Darstellung der Landschaft passte zu den Wertevorstellungen und der Blut-und-Boden-Ideologie. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Künstler der Romantik und als Maler der Melancholie.

Die Nacht beim Maler der Sonnenblumen – Sternenhimmel von Vincent van Gogh

Der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853–1890) gilt als einer der Begründer der modernen Malerei. Besonders bekannt ist er für seine fröhlichen gelben Sonnenblumen. Doch van Gogh war oft anders zumute. Von Depressionen und mangelndem Erfolg zu Lebzeiten geplagt, vermitteln einige seiner Bilder auch eine tiefe Schwermut.

Die „Sternennacht“, entstanden 1889 in Saint-Rémy-de-Provence, gehört zu seinen bekanntesten Gemälden.

Die Nacht in der Kunst
Vincent van Gogh: „La nuit etoilée“. Das Original hängt im Museum of Modern Art (MOMA) in New York.

Turbulenter Nachthimmel und Heilanstalt

Vincent van Gogh war in der Nervenheilanstalt Saint-Paul-de-Mausole, als der „Sternenhimmel“ entstand. Da er die Anstalt nur in Begleitung verlassen durfte, ist das Werk möglicherweise nicht in der Natur, sondern in einem Atelier entstanden. Der turbulente Nachthimmel wird oft als Ausdruck von van Goghs innerer Unruhe interpretiert.

Die Nacht im Expressionismus – Straßenszenen von Ernst Ludwig Kirchner

Der Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), zählt zu den wichtigsten Vertretern des Expressionismus. Er war Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Brücke“ 1905 in Dresden. Kirchner war fasziniert von der Großstadt, vor allem von dem regen Treiben in belebten Vierteln.

Die Nacht in der Kunst
Ernst Ludwig Kirchner: „Straße mit Passanten bei Nachtbeleuchtung“, 1926/27.

Anonymität der Großstadt

Hektisch schwirren Frauen und Männer durch die Nacht. Auf der Suche nach Ablenkung im Berliner Rotlichtmilieu oder mit hektischem Blick auf dem Weg nach Hause. Ihre Konturen sind kantig. Die Passanten in den belebten nächtlichen Straßen leuchten in grellen Tönen.

Der Schein der Straßenlampen fällt auf die Gesichter. Die Menschen untereinander scheinen sich jedoch nicht wahrzunehmen. Die Erfindung des elektrischen Lichts hat auch die Malerei verändert.

Kokotten in Kirchners Hauptwerk

Vor dem Ersten Weltkrieg entstanden viele Hauptwerke von Ernst Ludwig Kirchner. Sie zeigen oft Berliner Prostituierte – die sogenannten Kokotten –, die auf Freier warten, und das nervöse, hektische Treiben der Großstadt. Für die bürgerliche Gesellschaft waren Kirchners Bilder damals ein Skandal. 1937 brandmarkten die Nationalsozialisten seine Werke als „entartet“.

Die Nacht in der Stadt – „Nachtschwärmer“ von Edward Hopper

Das Ölgemälde „Nighthawks“ (1942) gilt als das berühmteste Bild des US-amerikanischen Malers Edward Hopper (1882–1967).

Die Nacht in der Kunst
Edward Hopper: „Nighthawks“/„Nachtschwärmer“, 1942.

Menschenleere Straßen und inszenierte Einsamkeit

Gleißendes Licht in der Bar an der Straßenecke: Der Barkeeper bedient ein Paar und einen einsamen Gast. Draußen eine dunkle menschenleere Straße. Durch die Glasfronten der Bar kann man von innen nach außen schauen und umgekehrt. Damit wird man zum heimlichen Beobachter der Szenerie zur späten Stunde.

Verloren in der nächtlichen Großstadt

In der modernen amerikanischen Malerei ist die Anonymität der Großstadt ein wichtiges Thema. Besonders in der Nacht wirken die Menschen in Edward Hoppers Bildern vereinsamt. Das Paar hat sich offenbar nichts zu sagen, der einsame Gast sinniert vor sich hin und der Barkeeper macht den Eindruck, als wolle er endlich nach Hause.

Wie ein Geschwisterpaar – Die Nacht und die Kunst

Grell, dunkel, geheimnisvoll, bedrohlich – die Nacht ist seit Jahrhunderten ein begehrtes Motiv der Künstler*innen mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Nachtbilder zeigen uns eine unbekannte und verborgene Welt und spiegeln oft gesellschaftliche Zustände. Der Reiz liegt in der geheimnisvollen und inspirierenden Aura der Nacht, die die Künstler*innen in ihren Werken widerspiegeln.

Owingen

Maskenschnitzer mit Tradition

Schon sein Vater arbeitete als Holzbildhauer und schnitze Larven, also Masken, für die Fasnet. Hans-Georg Benz übernahm das Handwerk – und seine Tochter Rosa Häuptle arbeitet mit. Für rund 100 Narrenzünfte arbeiten Vater und Tochter teilweise bis tief in die Nacht, um Masken herzustellen oder zu reparieren. Im Interview erzählen die beiden, was ihnen die Holzschnitzerei bedeutet.

Landesschau Baden-Württemberg SWR BW