Der Fotograf der Weissenhof-Siedlung war Chemiker
Als vor 100 Jahren die Weissenhof-Siedlung am Stuttgarter Killesberg entstand, war klar, dass hier einige der größten Baumeister der Moderne eine historische Landmarke setzen würden. Deswegen scheint es erst mal erstaunlich, dass der Exklusiv-Fotograf dieses Großprojektes kein ordentlich gelernter Lichtbildner war, sondern ein Chemiker.
Dr. Otto Lossen war als junger Mann im Jahr 1910 bei der chemischen Fabrik Hauff & Co im Vorort Feuerbach eingestiegen – damals ein führender Hersteller von Fotomaterial, erläutert die Stuttgarter Architektur-Historikerin Inken Gaukel.
Erste Lossen-Ausstellung überhaupt im Haus Mies van der Rohe
„Was das Licht angeht“, erklärt Gaukel, „konnte Lossen durch die ideale Kombination verschiedener Chemikalien quasi Lichtstrahlen fotografieren, ohne dass der Rest des Raumes überstrahlt wurde oder die Kontraste in der Architektur leiden wurden.“
Inken Gaukel forscht seit vielen Jahren zu Lossen, ebenso wie der Stuttgarter Architektur-Fotograf Wolfram Janzer. Gemeinsam haben sie die erste Lossen-Ausstellung überhaupt zusammengetragen, derzeit zu sehen in der Weissenhof-Werkstatt im Haus Mies van der Rohe. Diese kleine, aber reichhaltige Präsentation schält die Konturen eines großen Unbekannten aus dem Dunkel der Geschichte.
Die verlorenen Spuren von Otto Lossen
Der Weltgeist hat offenbar so einiges unternommen, um die Spuren von Otto Lossen zu verwischen. Sein Nachlass ging 1944 im Bombenkrieg verloren. So sind von dem Mann, der jahrzehntelang intensiv fotografiert hat, gerade mal zwei Porträts erhalten: Ein Passbild und eine grob gerasterte, klitzekleine Aufnahme aus einer Tageszeitung.
Sogar Lossens weithin bekanntes Hauptwerk, die Dokumentation der Weissenhof-Baustelle und -Siedlung, erweist sich als Blickfang, hinter dem ihr Schöpfer quasi verschwindet. Man sieht eben nur die berühmten Bauten.
„Das führt bis heute dazu, dass man weltweit diese Lossen-Bilder kennt, ohne im Regelfall zu wissen, dass es Lossen-Bilder sind“, so Inken Gaukel. „Man schaut aufs Motiv und sagt: ah, Mies van der Rohe oder Corbusier.“
Auch Lossens Teilnahme an der international wohl wichtigsten Fotoausstellung der klassischen Moderne, der FiFo (Film und Foto) 1929 in Stuttgart, bleibt vertrackt nebulös. Der Katalog listet zwanzig Bilder von ihm auf, reproduziert ist kein einziges.
Ein wiederentdeckter Fotograf der Neuen Sachlichkeit?
Ähnlich ungreifbar bleiben viele der Aufnahmen, die Lossen im Laufe von knapp 30 Jahren Profi-Fotografie gemacht haben muss. Anfang der 1930er-Jahre kauften Stuttgart und das Land Württemberg 800 Glasnegative von Lossen. Bis heute ist unklar, wie viele davon den Krieg überstanden haben, geschweige, was darauf zu sehen ist. Inken Gaukel vermutet Landschaftsbilder für Tourismus-Werbung.
Lossens Leidenschaft waren offenbar treudeutsche Wälder und Höhen, Kirchen, Dome und Fachwerk-Städte. Er plante ein riesiges Mappenwerk mit dem Titel „Das schöne Deutschland, Baukunst und Landschaft“. Insofern nennt Inken Gaukel seine weltbekannte Weißenhof-Serie leicht süffisant eine Art Ausrutscher.
Ihr Ko-Kurator Wolfram Janzer dagegen bricht eine Lanze für Lossens Modernität: „Die Sachen sind schon sehr neusachlich, klar, unverblümt, nicht romantisierend, reine Fotografie. Weshalb ich dafür plädieren würde, dass er eigentlich zu den sachlich klaren, interessanten neuen Fotografen gehörte.“
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