Wir wollen keine farblosen Häuser mehr bauen und erbaut sehen.
Das schrieb der deutsche Architekt Bruno Taut 1919 in seinem Manifest „Der Regenbogen. Aufruf zum farbigen Bauen“. Taut setzte auf „optische Sinnenfreude“ und propagierte fröhliche, bunte Fassaden.
Über Tauts Bekenntnis zum Bunten rümpfte vor allem das gehobene Bürgertum die Nase. Zwei seiner Berliner Wohnquartiere wurden seinerzeit als „Tuschkasten-“ und „Papageiensiedlung“ verspottet.
Niemand möchte mit seiner Hausfarbe anecken
Die Farbgestaltung beim Bauen ist ein hochemotionales Thema, denn die Wirkung der Farben ist und bleibt subjektiv. Niemand will mit seinem Haus anecken oder provozieren.
Daher sind Weiß, Grau und Beige zum Standard geworden. Damit macht man garantiert nichts falsch, erzeugt aber auch Langeweile. Dabei zeigen Beispiele aus der ganzen Welt, dass es auch anders geht.
Marrakesch: Traditionelle Baustoffe lassen die Stadt erröten
Marrakesch wird als die „Rote Stadt“ bezeichnet. Alle Gebäude haben einen warmen Terrakotta-Ton, der sich harmonisch in die Landschaft einfügt. Die besondere Farbigkeit wird durch die traditionellen Baustoffe vorgegeben.
In der mittelalterlichen Altstadt, der Medina, wurden viele Bauten aus rötlichem Lehm errichtet. Dazu zählen die traditionellen Innenhof-Häuser, die sogenannten Riads, aber auch die Stadtmauern.
Der Terrakotta-Ton findet sich auch in Gebäuden aus rotem Sandstein wieder, etwa der größten Moschee der Stadt, der Koutoubia-Moschee. Die homogene Farbigkeit ist beeindruckend: Auch Neubauten werden in traditionellem Rot gestrichen.
Jaipur: Die pinke Stadt der Gastlichkeit
Die indische Stadt Jaipur verdankt der symbolischen Kraft der Farben ihren Zweitnamen „Pink City“. Rosa steht in Indien für Gastfreundschaft. Die besondere Farbgebung in der Altstadt ist noch relativ jung, sie stammt aus dem 19. Jahrhundert.
Als der britische Kronprinz Edward Albert, der spätere Edward VII., 1876 einen Besuch ankündigte, wollte der Maharadscha Ram Singh II. ein Zeichen setzen: Als unübersehbare Willkommensgeste ließ er die Gebäude in Jaipur rosa streichen.
Auch wenn es keine Satzung gibt, die in der Altstadt zum pink Anstrich verpflichtet, hält die Tradition an. Die rosaroten Gebäude verleihen Jaipur eine unverwechselbare Identität und machen sie zum Touristenmagneten.
Jodhpur: Blaue Farbe als Distinktionsmerkmal
Genauso wie Jaipur liegt Jodhpur im indischen Bundesstaat Rajasthan, der berühmt ist für seine farbenfrohe Kultur. Jodhpur ist auch bekannt als die „Blaue Stadt“. Vor allem im historischen Zentrum finden sich Quartiere, in denen die Häuser strahlend blau leuchten.
Jodhpur wurde im 15. Jahrhundert gegründet. Damals strichen die Brahmanen, Priester des Gottes Brahma und angehörige der obersten hinduistischen Kaste, ihre Häuser blau, um sich von den niedrigeren Kasten abzuheben. Nach und nach taten das dann auch die restlichen Bewohner der Stadt.
Der charakteristische Blauton entsteht, indem man weißer Kalkfarbe blaues Kupfersulfat beimischt. Der Anstrich sorgt angeblich auch dafür, dass Moskitos wegbleiben und sich die Häuser nicht so sehr aufheizen.
Júzcar: Schlumpfiges Blau als Wirtschaftsfaktor
Die Geschichte klingt unglaublich, ist aber wahr: 2011 wurde aus dem traditionell weißen Bergdorf Júzcar in Andalusien das spanische Schlumpfhausen – als Werbung für einen Kinofilm mit den Schlümpfen.
Nicht nur Wohnhäuser, auch Friedhof und Kirche wurden Schlumpfblau gestrichen. Das Ganze war ursprünglich nur als vorübergehende Marketing-Aktion gedacht, aber die Mehrheit der gut 200 Bewohnerinnen und Bewohner stimmte dafür, es so zu lassen.
Als erstes Schlumpfdorf der Welt wurde Júzcar quasi über Nacht zum Besuchermagnet. Arbeitslosigkeit und Abwanderung waren kein Thema mehr, durch den Farbwechsel kamen Touristen und mit ihnen der wirtschaftliche Aufschwung.
Bo-Kaap: Wenn bunte Farbe aus dem eigenen Viertel vertreibt
Das Viertel Bo-Kaap in Kapstadt hat in den letzten 30 Jahren einen heftigen Wandel durchlebt. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Stadtteil von Kapmalaien bewohnt. Sie sind Nachfahren von Sklaven aus Malaysia und Indonesien, die von den niederländischen Kolonialherren nach Südafrika gebracht wurden.
Doch die Kapmalaien kämpfen gegen die Verdrängung aus ihrem eigenen Viertel. Zur Zeit der Apartheid wohnten sie unter prekären Verhältnissen in staatlichen Mietwohnungen. Ab 1994 konnten sie die Häuser günstig kaufen und strichen sie als stolze Eigentümer quietschbunt an.
Schnell wurde Bo-Kaap zum angesagten Stadtviertel. Die Immobilienpreise stiegen ums Hundertfache. Weil die Grundsteuer in Südafrika allerdings an den Immobilienwert gekoppelt ist, stiegen die Abgaben ins Unermessliche. Die bittere Konsequenz: Viele Kapmalaien können sich heute ihr eigenes Haus nicht mehr leisten.
Sollen wir unsere Lebensräume bunter machen?
Der Blick in andere Länder und Kulturen zeigt, wie sehr die Farbigkeit in der Architektur das Image einer Stadt prägt – egal, ob sie aus technischen, symbolischen oder wirtschaftlichen Gründen vorhanden ist. Den Menschen vor Ort verleiht sie ein Stück Identität.
Für den deutschen Architekten Bruno Taut war die Farbe „das neben der Form wichtigste Kunstmittel im Bauen“. Doch in der Praxis wird sie oft vernachlässigt. Nur manchmal setzen einzelne Gebäude einen farbigen Akzent. Dabei ließe sich das optische Einerlei mit klugen Farbkonzepten für ganze Siedlungen und Stadtviertel durchbrechen.
Wer mehr Buntes wagen möchte, findet derzeit in der Mainzer Ausstellung „380–780 nm. Farbe in Architektur und Stadt“ Inspiration rund um das Thema Farbe am Bau.